Friedenstruppe im Libanon Israel fordert 20.000 ausländische Soldaten

Die mögliche Friedenstruppe für den Südlibanon nimmt Gestalt an: Agenturberichten zufolge rechnet Israel mit bis zu 20.000 ausländischen Soldaten, die das Gebiet sichern sollen. Die USA haben nach CNN-Informationen schon zwei Nationen für die Führungsrolle im Blick.


Jerusalem - Ein Waffenstillstand scheint noch in weiter Ferne, doch die Diskussionen über eine mögliche internationale Friedenstruppe, die im Süden des Libanon für die Sicherheit Israels sorgen soll, wird allmählich konkreter. Übereinstimmenden Berichten zufolge könnten zehntausende ausländische Soldaten in der Region stationiert werden. Nach israelischer Einschätzung sollte eine internationale Beobachtertruppe im südlichen Libanon bis zu 20.000 Soldaten umfassen. "Wir erwarten eine sehr große Anzahl an Streitkräften. Zwischen 10.000 und 20.000", sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter heute der Nachrichtenagentur Reuters.

Es sei auch möglich, die Soldaten nach und nach in die Krisenregion zu schicken. Mit der Entsendung der ersten Truppen könnte innerhalb von zwei Wochen nach der Genehmigung durch die westlichen Staaten begonnen werden, fügte er hinzu. 20.000 Streitkräfte wären fast doppelt so viele Soldaten, wie die europäischen Länder mit Blick auf die Beobachtertruppe bislang diskutiert haben.

Auch die US-Regierung denkt nach Informationen des US-Nachrichtensenders CNN offenbar in diesen Dimensionen. Der US-Plan, den US-Außenministerin Condoleezza Rice bei ihrem Kurzbesuch in Beirut unterbreitet haben soll, sieht demnach vor, dass bis zu 30.000 Soldaten der libanesischen Armee helfen sollen, die Kontrolle im von der Hisbollah-Miliz kontrollierten Südlibanon zurück zu gewinnen. Dies erfuhr CNN aus libanesischen Regierungskreisen.

Auch hinsichtlich der Staaten, die in der Truppe eine Führungsrolle spielen sollten, machte Rice dem Bericht zufolge konkrete Vorschläge. So sollen mehr als 10.000 türkische und ägyptische Soldaten eingesetzt werden. Die Truppen sollten unter Nato- oder Uno-Kommando stehen und nach einer Waffenruhe stationiert werden. In einer zweiten Phase solle das internationale Kontingent dann auf 30.000 Soldaten aufgestockt werden. Rice habe diese Pläne auch mit der Regierung in Israel besprochen. Ob die Vorschläge auch mit der ägyptischen und türkischen Regierung abgestimmt sind, war zunächst unklar.

Ein Vorschlag der Europäischen Union soll einem Bericht der Nachrichtenagentur AP dagegen vorsehen, dass Deutschland, Frankreich und Spanien den Kern der Truppe stellen sollen. Für weitere Unterstützung seien die Türkei, die Niederlande, Kanada und arabische Staaten wie Ägypten und Saudi-Arabien vorgesehen, berichtete AP unter Berufung auf Diplomaten in Brüssel. Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana wolle der internationalen Nahost-Konferenz morgen in Rom einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten.

Solana betonte heute lediglich, eine internationale Friedenstruppe im Südlibanon sei ohne europäische Beteiligung nicht vorstellbar. "Ohne Europäer (...) wird es die Truppe nicht geben", sagte Solana heute vor Journalisten. Angesichts der Komplexität und der Geschichte des Konflikts sei die Stationierung einer Bodentruppe extrem schwierig. Wichtig sei, dass die Truppe von der arabischen Bevölkerung akzeptiert werde. Diese müsse den Eindruck gewinnen, dass die Truppe den Menschen und der libanesischen Regierung helfen wolle.

Die Verteidigungsminister Deutschlands, Polens und Frankreichs sprachen sich heute für internationale Truppen im Nahen Osten aus. Die Mission jedoch "sehr genau" definiert werden und "sowohl materiell als auch rechtlich sehr gut ausgestattet" sein, sagte Frankreichs Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie am Rande eines Treffens des sogenannten "Weimarer Dreiecks" in Wieliczka bei Krakau. Voraussetzung für den Einsatz sei ein Waffenstillstand, betonten die Minister.

Israels Verteidigungsminister Amir Perez hatte heute erklärt, sein Land plane die Einrichtung einer Sicherheitszone im südlichen Libanon, bis die internationalen Streitkräfte anrückten und die Kontrolle in dem Gebiet übernähmen. Israel habe keine andere Wahl, um die eigenen Soldaten zu schützen. Perez zufolge wird die israelische Armee in der Pufferzone auf jeden schießen, der sich dort unerlaubt bewegt. Wie groß die Zone sein soll, sagte er nicht. Aus israelischen Sicherheitskreisen verlautete, das Gebiet könne bis zu vier Kilometer breit sein. Mit der Angelegenheit vertraute westliche Diplomaten gehen sogar davon aus, dass die Breite in einigen Bereichen bis zu zehn Kilometer betragen dürfte.

Israel hatte sich im Mai 2000 aus einer Sicherheitszone im Südlibanon zurückgezogen, die seit 1985 insgesamt 18 Kilometer ins Landesinnere des Libanon vorstieß. Über die Entsendung einer multinationalen Truppe wird voraussichtlich morgen auf der Nahost-Konferenz in Rom ausführlicher beraten. Im Gespräch sind Friedenstruppen der Vereinten Nationen mit einem so genannten robusten Mandat.

phw/AFP/Reuters/dpa

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