Friedensverhandlungen Israel will angeblich Top-Spion gegen Baustopp tauschen

Israel will sich die Verlängerung des Siedlungs-Baustopps von den USA möglicherweise gut bezahlen lassen: Die Regierung in Jerusalem verlangt einem Radiobericht zufolge die Freilassung eines israelischen Top-Spions, der seit mehr als 20 Jahren in North Carolina im Gefängnis sitzt.
Verurteilter Spion Pollard: Rechtsnationale Extremisten verehren ihn als aufrechten Kämpfer

Verurteilter Spion Pollard: Rechtsnationale Extremisten verehren ihn als aufrechten Kämpfer

Foto: KARL DEBLAKER/ ASSOCIATED PRESS

Nahost-Konflikts

Sollte er klappen, könnte dieser Deal als einer der originelleren in die Annalen der Geschichte des eingehen: Tausche Top-Spion gegen das Stillhalten rechtsnationaler Extremisten. Auf diese Formel kann ein Vorschlag gebracht werden, der derzeit in Jerusalem kursiert.

Spionage

Westjordanland

Demnach könnten die vor dem Scheitern stehenden Nahost-Friedensgespräche weiter geführt werden, wenn sich die USA bereit erklären, den vor 25 Jahren wegen für Israel zu lebenslanger Haft verurteilten Jonathan Pollard freizulassen. Ginge alles nach Plan, würde dies die jüdischen Siedler im , die in Pollard einen Helden sehen, dazu veranlassen, eine Verlängerung des Baustopps ihrer Siedlungen zu akzeptieren.

Netanjahu

Mahmud Abbas

Bislang soll das von der Regierung verhängte Bauverbot wie geplant Ende September auslaufen. Palästinenserpräsident hat jedoch angekündigt "keinen weiteren Tag" an den Friedensverhandlungen teilzunehmen, sollten die Siedler ihre Bautätigkeit auf besetztem palästinensischen Land Anfang Oktober wiederaufnehmen.

Ehud Barak

Wie ernst der Vorschlag für diesen diplomatischen Kuhhandel gemeint ist, war am Dienstag unklar. Es sei einer von mehreren Lösungsansätze, die im Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu diskutiert worden seien, meldete das israelische Armee-Radio unter Berufung auf eine "politische Quelle". Sollte Israel sich durchringen, den USA einen entsprechenden Vorschlag zu unterbreiten, könnte Verteidigungsminister das höchstpersönlich tun. Er ist derzeit in Washington und trifft dort US-Verteidigungsminister Robert Gates und US-Außenministerin Hillary Clinton.

Antisemitismus

Ob sich die USA auf die Freilassung des Top-Spions Pollard einlassen würden, ist mehr als fraglich. Um zu verstehen warum, muss man sich Pollards Geschichte vor Augen führen: Pollard wird 1954 in eine jüdisch-amerikanische Familie hineingeboren. Er wächst als Außenseiter auf, später gibt er an, schon als Kind das Opfer von geworden zu sein.

Karriere eines Spions

CIA

Nach einem Studium der Politikwissenschaften versucht Pollard 1979 bei der anzuheuern: Der Dienst lehnt ihn ab, weil er im Lügendetektorentest die Unwahrheit über seinen beträchtlichen Drogenkonsum sagt. Stattdessen kommt er beim Geheimdienst der US-Marine unter. Fünf Jahre lang arbeitet er als Computerfachmann in verschiedenen Abteilungen. Bei Chefs und Kollegen macht Pollard dabei den schlechtmöglichsten Eindruck. Er erfindet eine CIA-Vergangenheit für seinen Vater, nimmt ohne Genehmigung Kontakt zu ausländischen Geheimdiensten auf. Als er deshalb erneut mit dem Lügendetektor getestet wird, spielt er Erbrechen vor, um die Maschine zu täuschen.

Dass Pollard trotz dieser Warnsignale im Herbst 1984 zum Analysten des "Naval Investigative Service" befördert wird, dürfte einer der Gründe sein, warum die USA ihn nicht in Freiheit sehen wollen. Dass Pollard fortan Zugang zu hochgeheimen Informationen hatte, stellt ein Versagen des Systems dar, an das die US-Geheimdienste wohl ungern erinnert werden möchten.

Kurz nach seiner Beförderung lernt Pollard den israelischen Luftwaffen-Piloten Aviem Sella kennen. Nach nur wenigen Tagen beginnt Pollard, Sella streng geheimes Material zu übergeben. Welches Ausmaß der Schaden hat, den Pollard anrichtet, wird nie öffentlich. Anscheinend übergibt er Sella jedoch unter anderem das komplette Handbuch des weltweiten elektronischen Überwachungsnetzes der USA.

Pollard schleppt kistenweise Geheimakten nach Hause

Pollards Anhänger sehen in ihm einen Mann, der sich aus purer Überzeugung für den jüdischen Staat eingesetzt hat. Doch die Legende vom aufrechten Spion für die gute Sache stimmt so nicht: Zum einen bezahlt Israel Pollard für seine Dienste, zum anderen versucht der Analyst, die ihm zugänglichen Geheimdokumente auch an Südafrika und Pakistan zu verkaufen.

Pollard ist von Anfang an leichtsinnig, nimmt Geheimakten gleich kistenweise mit nach Hause. Nach einem Jahr kommen ihm deshalb ein Kollege und ein Vorgesetzter auf die Schliche. Nach einer ersten Befragung versuchen Pollard und seine Frau, sich in die israelische Botschaft in Washington zu flüchten. Sie werden verhaftet und verurteilt, er zu lebenslanger Haft, sie zu fünf Jahren Gefängnis.

Der Fall Pollard ist eine offenen Wunde in den Beziehungen zwischen den USA und Israel. Nicht nur, dass Israel trotz hieb- und stichfester Beweise bis 1998 abstritt, dass Pollard für den jüdischen Staat aktiv war. Auch wurde sein Agentenführer Sella zum Chef einer Luftwaffenbasis befördert, was die amerikanischen Diensten als Beleidigung aufnahmen. Entsprechend zurückhaltend haben die USA bislang auf israelische Gesuche reagiert, Pollard frei zu lassen.

CIA-Chef drohte mit Rücktritt

Während früherer Friedensverhandlungen im Jahr 1998 soll Benjamin Netanjahu, der damals schon einmal Ministerpräsident war, den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton gedrängt haben, Pollard freizulassen. Der Plan stieß auf massiven Widerstand aus Geheimdienstkreisen, angeblich soll CIA-Direktor George Tenet mit seinem Rücktritt gedroht haben, sollte Clinton auf die Forderungen eingehen. Netanjahu hat sich seitdem wiederholt für Pollard, den er 2002 im Gefängnis in North Carolina besuchte, eingesetzt. 2007 verkündete er, dass er Pollard, der seit 1995 die israelische Staatsbürgerschaft hat, nach Hause holen werde, sollte er noch einmal zum Ministerpräsidenten gewählt werden.

Gaza

Doch bislang bleibt der Austausch "Pollard gegen Ruhe in den Siedlungen" Spekulation, wie es sie auch schon früher gab: Bereits vor dem Abzug Israels aus dem -Streifen hatte es geheißen, die USA würden Pollard frei lassen, um den Israelis den Abzug schmackhafter zu machen.

Gilad Schalit

Die Siedler, die den Gerüchten zufolge die Gegenleistung für die Freilassung des Spions bringen sollen, haben dies vorsichtshalber schon mal weit von sich gewiesen. Danny Dayan, Vorsitzender des Siedlerrats verdammte einen möglichen Austausch "Pollard gegen Baustopp": "Die Idee an sich ist schon eine ekelhafte Form der Erpressung", sagte er dem israelischen Armee-Radio. Empört erklärte er, dass Israel im Austausch für den von der Hamas gefangenen gehaltenen israelischen Soldaten dann ja auch die besetzt gehaltenen syrischen Golan-Höhen zurück geben könne.

Die etwas komplizierte Analogie sollte dabei vor allem eines ausdrücken: Sollten sich die Siedler bereit erklären, eine Verlängerung des Bauverbots hinzunehmen, würde das die Regierung wesentlich mehr kosten als nur die Freilassung eines Spions.

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