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15. Februar 2006, 12:09 Uhr

Friendly Fire

Cheney soll Jagdunfall aufklären

Zunächst wurde über Dick Cheney nur gespottet, weil er bei einem Jagdunfall einen Anwalt anschoss. Doch nun fordern Demokraten und Republikaner Aufklärung von dem durch die CIA-Affäre ohnehin angeschlagenen US-Vizepräsidenten. Sein Opfer liegt nach Komplikationen auf der Intensivstation.

Washington - Hillary Clinton nutzte das Schweigen Cheneys zum Generalangriff auf das Weiße Haus. "Diese Regierung hat die Tendenz zum Zurückhalten von Informationen", sagte die demokratische Senatorin. Es sei "beunruhigend", wie zögerlich die Informationen über den Jagdunfall Cheneys an die Öffentlichkeit gelangten.

Der US-Vizepräsident hat noch immer keine Angaben über den Jagdunfall gemacht, bei dem er am Wochenende den 78-jährigen Anwalt Harry Whittington durch Schrotkugeln verletzt hatte. Whittington wurde jetzt wieder auf die Intensivstation des Krankenhauses in Corpus Christi (Texas) verlegt, weil er einen leichten Infarkt erlitt, nachdem einige Schrotkugeln in sein Herz gelangt waren. Sein Zustand ist nach Angaben der Ärzte jedoch nicht lebensbedrohlich.

Cheneys Büro teilte mit, der Vizepräsident habe Whittington angerufen und ihm seine Unterstützung angeboten. Der Anwalt ließ über das Krankenhaus mitteilen, er wolle sich nicht zu dem Jagdunfall äußern. In seinem Körper befinden sich bis zu 200 winzige Schrotpartikel, die dort auch bleiben sollen. Whittington war in der rechten Wange, am Hals und im Brustkorb getroffen worden.

Der demokratische Senator Chuck Schumer forderte Cheney auf, selbst vor die Presse zu treten. Das habe er seit vier Jahren nicht getan. "Im Licht des Jagdunfalls und all der Fragen um seine Rolle beim Herausgeben von geheimen Sicherheits-Informationen haben die Amerikaner viele Fragen an den Vizepräsidenten", sagte Schumer.

"Dick wird sowieso lächerlich gemacht"

Er spielte damit auf die CIA-Affäre an. Cheneys früherer Berater Lewis Libby muss sich zurzeit wegen Falschaussage, Behinderung der Justiz und Meineid vor der Justiz verantworten. Dabei geht es um die Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame. Libbys Vorgehen soll von Cheney gebilligt worden sein, berichten US-Medien.

Hillary Clinton präzisierte ihre Vorwürfe gegen das Weiße Haus. Die Regierung von George W. Bush weigere sich, "Informationen, die für alle wichtig sind", herauszugeben. Sie meinte damit auch den Umgang mit dem Hurrikan "Katrina". Das Weiße Haus verletze die Prinzipien der demokratischen Verfassung des Landes. Hillary Clinton könnte die nächste Präsidentschaftskandidatin der Demokraten sein.

Cheney wurde aber auch aus den Reihen der Republikaner attackiert. Er müsse umgehend über den Jagdunfall informieren, um dem Verdacht zu begegnen, etwas verschweigen zu wollen, forderte Vin Weber, ein früheres Kongressmitglied aus Minnesota. Durch sein Schweigen mache Cheney die Angelegenheit "größer als sie eigentlich sei", zitierte ihn die "Washington Post". Marlin Fitzwater, früherer Sprecher des Weißen Hauses, warf Cheney vor, er ignoriere "seine Verantwortung für das amerikanische Volk".

Der frühere republikanische Senator Alan K. Simpson aus Wyoming, ein Jagdfreund Cheneys, berichtete, Cheney habe während des Golfkrieges über die "dummen Fragen" von Journalisten gelästert. Wohl deshalb sehe er auch jetzt keinen Anlass, sich zu äußern. "Was immer Dick auch macht, er wird sowieso lächerlich gemacht werden", sagte Simpson. Nur Bush könne Cheney dazu bringen, sich zu äußern, wurde aus der Umgebung der Regierung gemutmaßt.

Sollte Anwalt Whittington an den Folgen des Jagdunfalls sterben, drohen Ermittlungen gegen Cheney. Das kündigte Carlos Valdez, Bezirksstaatsanwalt in Kleberg County (Texas), an. Bislang sei nur von einem Unfall die Rede. "Aber wenn der schlimmste Fall eintritt und der Mann stirbt, würden wir zusätzliche Schritte einleiten", zitierte ihn die "New York Times".

als/AP/reuters/AFP

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