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14. Dezember 2015, 12:12 Uhr

Front National

Nur auf den ersten Blick ein Rückschlag

Von , Paris

Die gute Nachricht: Der Front National übernimmt in keiner Region Frankreichs die Regierung. Die schlechte: Die Wahlniederlage der Rechtspopulisten ist in Wahrheit keine - sie konnten ihr bislang bestes Ergebnis einfahren.

Am Morgen nach der Wahl ohne Sieger herrscht unter Frankreichs Parteien Katerstimmung. Der Parteiboss der Sozialisten (PS) Jean-Christophe Cambadélis spricht von einem "Sieg ohne Freude", Nicolas Sarkozy, Führer der Republikaner (LR) mahnt zu "kollektiver Arbeit". Und Marine Le Pen vom Front National (FN) beklagt einmal mehr die "Lügen und Verleumdungen" der etablierten Politkaste.

Gewiss, Frankreichs 13 Regionen sind neu verteilt: sieben für die Republikaner, fünf für die Sozialisten, und in Korsika gewannen die Regionalisten - nur der Front National geht leer aus. Doch die Landkarte ohne das Marine-Blau des FN könnte sich als optische Täuschung erweisen.

Zwar misslang den Rechtspopulisten der Durchbruch. Die Partei konnte keine der sechs Regionen erobern, in denen sie nach dem ersten Wahlgang vorn gelegen hatte: Marine Le Pen unterlag im Norden gegen den Kandidaten der Republikaner, ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen wurde im Süden von einem LR-Mann geschlagen. Und auch Parteivize Philippot konnte sich im Osten nicht durchsetzen.

Der Rückschlag verdeckt aber, dass die Formation weiter zulegte und mit 6,8 Millionen Wählern ihr bislang bestes Ergebnis von 2012 noch einmal um rund 200.000 Stimmen übertraf. Dennoch verpassen die Rechtspopulisten damit die symbolisch entscheidende Übernahme der Exekutive. Der Partei entgeht der Zugriff auf Posten und Pfründe, sowie die Möglichkeit, die eigenen Kader zu professionalisieren.

Sozialisten verlieren traditionelle Bastionen

Dabei sollte der Sieg in mindestens einer Region die Partei endgültig als glaubwürdige Alternative für die kommende Präsidentenwahl legitimieren - so das Kalkül der FN-Strategen. "Nun bleibt der Front National", so der Politologe Pascal Perrineau, "eine Partei der Opposition und schafft es nicht zur Partei der Machtausübung zu werden."

Die Sozialisten nahmen den vorerst gestoppten Vormarsch des FN mit Genugtuung auf. Doch die Partei hat traditionelle Bastionen abgegeben und regiert nur noch in fünf Gebieten. Damit ist die Wahl zwar für sie weniger schlimm ausgegangen als erwartet, aber die Partei verlor nach 17-jähriger Herrschaft den Großraum Ile-de-France - mit zwölf Millionen Einwohnern eines der wirtschaftlich wichtigsten Gebiete Frankreichs.

Grund genug für kritische Genossen bei ihrer Regierung auf einen Kurswechsel zu drängen. PS-Chef Cambadélis spricht von "Umdenken", die linken Frondeure verlangen eine programmatische Korrektur mit stärkerem sozialem Engagement. "Wir fordern dringend eine Diagnose und eine Bestandsaufnahme zur Lage des Landes", so einer ihrer Sprecher, "mit allen Franzosen und der gesamten Linken."

Der Wunsch nach einer ökonomischen Wende stößt jedoch an der Spitze bislang auf taube Ohren. Premier Manuel Valls räumt zwar seine persönliche Verantwortung für das maue Abschneiden ein. Sein politischer Tagesbefehl an die PS-Basis klingt aber eher wie ein verbissenes "Weiter so". Valls: "Wir müssen den Franzosen mehr zuhören, mehr handeln, ohne Ruhepause und mehr Ergebnisse erzielen."

Sarkozy in Bedrängnis

Forderungen nach einer Generalinventur bestimmen auch das Lager der Republikaner. Zwar gewannen die Konservativen und ihre Mitstreiter des Zentrums sieben Regionen. Doch der Erfolg in drei Gebieten gelang nur Dank der Sozialisten, die ihre Kandidaten beim Kampf gegen den Front National zurückzogen. Damit wackelt auch die Autorität von LR-Chef Sarkozy, der stets behauptet hatte, seine ideologisch weit rechts verankerte Linie sei das beste Bollwerk gegen die Erstarkung des Front National. "Die Einheit der Familie der Republikaner", fordert Sarkozy, "muss auch für die Zukunft unser Prinzip sein."

Angezählt ist der LR-Chef, der seinen Anspruch auf die Präsidentschaftskandidatur bekräftigte, dennoch. Denn in den Kulissen warten mindestens ein halbes Dutzend ambitionierte Konkurrenten - darunter der Bürgermeister von Bordeaux Alain Juppé, Ex-Premier François Fillon und Bruno Le Maire, einst Landwirtschaftsminister unter Sarkozy.

Sollte die Debatte über die Parteilinie bis zu den parteiinternen Vorwahlen im November 2016 andauern, könnte sie in einen hässlichen Dauerzwist unter den LR-Schwergewichten ausarten. Einen Vorgeschmack lieferte schon Alain Juppé: "Wir müssen die richtigen Antworten auf diese Wahl finden", rügt er, fordert einen "radikalen Kurswechsel" und spricht von "seiner Vision für Frankreich". Das klingt schon sehr nach Wahlkampf 2017.

Auf den blickt auch Marine Le Pen bereits. Der Ausgang der Regionalwahlen sei keine Niederlage, sondern ein "großartiger Erfolg". Und bei der Präsidentenwahl solle der Front National dann endgültig triumphieren. "Unsere Partei hat ein historisches Hoch erreicht", sagt die FN-Frau, und ruft ihren Wählern zu: "Lasst euch nicht entmutigen."

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