Frontberichte Taliban-Truppen verschanzen sich in Kandahar

Entgegen früheren Meldungen hat die islamisch-fundamentalistische Miliz ihre Hochburg Kandahar im Süden Afghanistans offenbar weiter unter Kontrolle. Mehrere Taliban-Truppen sollen sich dort verschanzt haben.


Die US-Luftangriffe gehen weiter. Dieses zerstörte Haus in Dschalalabad soll Berichten zufolge Osama Bin Laden gehört haben
REUTERS

Die US-Luftangriffe gehen weiter. Dieses zerstörte Haus in Dschalalabad soll Berichten zufolge Osama Bin Laden gehört haben

Kabul - Die USA setzten ihre Luftschläge am Freitag trotz des Fastenmonats Ramadan fort, jedoch mit nachlassender Heftigkeit. In Kandahar wurden nach einer Meldung der Nachrichtenagentur AIP das Außenministerium der Taliban und eine Moschee im Osten der Stadt getroffen. Mindestens elf Bewohner seien getötet worden, meldete die Agentur Afghan Islamic Press.

"Die Taliban haben in Kandahar noch eine starke Stellung", teilte ein Sprecher der paschtunischen Stammesführer in der pakistanischen Stadt Quetta mit. "Sie graben sich dort jetzt ein." Nach seinen Schätzungen haben sich etwa sieben von zehn Taliban-Kommandeuren entschieden, dem Aufruf von Taliban-Führer Mullah Mohamed Omar zu folgen und den Kampf fortzusetzen. Flüchtlinge aus Kandahar bestätigten, dass Stadt und Flughafen weiter in der Hand der Taliban seien.

Am Sonntag will eine Delegation paschtunischer Stammesführer nach Kandahar reisen, um Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar zur Kapitulation zu bewegen. Wenn die für Sonntag geplante Mission der Stammesführer in Kandahar scheitern sollte, sei es wahrscheinlich, dass die paschtunischen Stammesführer zum Krieg gegen die Taliban aufriefen, sagte ihr Sprecher.

Nordallianz belagert Kundus

Ein Trümmerberg aus Steinen: Nur von Bin Laden selbst fehlt den US-Streitkräften noch jede Spur
REUTERS

Ein Trümmerberg aus Steinen: Nur von Bin Laden selbst fehlt den US-Streitkräften noch jede Spur

Zweiter Brennpunkt des Afghanistan-Kriegs ist jetzt die im Nordosten gelegene Stadt Kundus, die von Truppen der Nordallianz belagert wird. Auch hier wurden Stellungen der Taliban von US-Kampfflugzeugen bombardiert. Zu den Verteidigern von Kundus sollen 2000 bis 3000 ausländische Unterstützer der Taliban gehören, die auf Seiten Bin Ladens stehen. Nahe der Stadt Herat, unweit der Grenze zu Iran gelegen, sollen die Taliban nach einer AIP-Meldung einen Luftwaffenstützpunkt aufgegeben haben.

Die pakistanischen Behörden verstärkten ihre Grenzbefestigungen mit Panzern und zusätzlichen Truppen. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass sich islamische Extremisten und Anhänger des mutmaßlichen Terroristenführers Osama Bin Laden nach Pakistan absetzen.

Taliban in Flüchtlingslagern?

Das UNHCR befürchtet, dass unter den tausenden Menschen, die derzeit versuchen, aus den letzten Zufluchtsgebieten der Taliban im Süden Afghanistans nach Pakistan zu fliehen, auch viele Taliban-Kämpfer sein werden. Es liege an den pakistanischen Behörden festzustellen, wer Flüchtling sei und wer sich nur verstecken wolle, sagte der Sprecher des Uno- Flüchtlingshilfswerks, Ron Redmond, am Freitag. Das UNHCR wünsche jedenfalls, dass die Flüchtlingslager rein zivilen Charakter behalten.

Derzeit halten sich etwa vier Millionen Menschen außerhalb Afghanistans auf, der Großteil davon in Pakistan. Grundsätzlich seien die Lager aber für jeden offen, sagte Redmond. "Wenn Bewaffnete ihre Waffen niederlegen, können sie und ihre Familien um Aufnahme bitten", sagte der Sprecher.

Hilfe für die Flüchtlinge

Im Norden Afghanistans traf unterdessen ein Kahn mit 200 Tonnen Weizen aus dem usbekischen Hafen Termes ein. Die Lieferung des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen soll von Hairaton aus, 18 Kilometer flussaufwärts von Termes, an die hungernde Bevölkerung verteilt werden. Die Vereinten Nationen schätzen, dass drei Millionen Afghanen dringend auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen sind.

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