Fronten in Zentralasien USA knüpft Allianz gegen Islamisten

Unter Hochdruck suchen amerikanische Diplomaten Alliierte in Zentralasien. Doch die Verhandlungen sind schwierig, die Partner wenig zuverlässig. Afghanistan ist umgeben von einem Ring in sich zerstrittener Diktaturen.


Afghanistan und seine Nachbarn
DER SPIEGEL

Afghanistan und seine Nachbarn

Hamburg - Afghanistan selbst ist ein islamischer Vielvölkerstadt, der seit 22 Jahren vom Bürgerkrieg zerrissen wird. Nach dem sowjetischen Einmarsch Ende 1979 kämpften moslemische Mudschahedin-Gruppen zehn Jahre auch mit Hilfe der USA gegen die Militärmacht der UdSSR. 1992 stürzten sie die moskautreue Regierung. Vier Jahre später gingen die radikal-islamischen Taliban-Milizen aus dem anschließenden Krieg der Freischärler untereinander als Sieger hervor. Über ihr militärisches Potenzial gibt es keine verlässlichen Angaben.

84 Prozent der Einwohner sind sunnitische, 15 Prozent schiitische Moslems. Die größte Bevölkerungsgruppe und Stütze des Regimes sind Paschtunen mit 38 Prozent. Zu ihren Gegnern gehören die Tadschiken, die in einer so genannten Nordallianz gegen die Taliban kämpfen.

Tadschikistan: Keine Fluggenehmigung für USA

Obwohl Tadschikistan die Taliban bekämpft, ist die zentralasiatische GUS-Republik nicht bereit, ihr Gebiet und ihren Luftraum für mögliche Angriffe der USA auf Afghanistan zur Verfügung zu stellen. Gegenteilige Berichte entbehrten jeder Grundlage, erklärte das tadschikische Außenministerium in Duschanbe am Sonntag.

Tadschikistan hat von allen früheren Sowjetrepubliken die längste Grenze mit Afghanistan. Die tadschikisch-afghanische Grenze wird von russischen Truppen gesichert. Der tadschikische Ministerpräsident Akil Akilow hatte noch am Freitag erklärt, sein Land müsse sich mit Russland beraten, ob es seinen Luftraum für den Einsatz von US-Militär öffnet.

Russland: Truppen in Gefechtsbereitschaft

Wie gut ist die Zusammenarbeit zwischen Bush und Putin wirklich?
AFP

Wie gut ist die Zusammenarbeit zwischen Bush und Putin wirklich?

Russland hat unterdessen seine 201. Armeedivision in Tadschikistan am Sonntag in Gefechtsbereitschaft versetzt. Das sagte Verteidigungsminister Sergej Iwanow nach einer Beratung mit Präsident Wladimir Putin und den übrigen Sicherheitsministern in Moskau. Putin, Regierungschef Michail Kasjanow, die Minister für Inneres, Äußeres, Verteidigung sowie die Geheimdienstführung hatten nach offiziellen Angaben "über einige Probleme der Innen- und Außenpolitik des russischen Staates" gesprochen, meldete die Nachrichtenagentur Itar- Tass.

Russland hatte zwar nach den Terroranschlägen von New York und Washington den USA eine enge Zusammenarbeit angeboten, die russische Armeeführung sprach sich aber gegen den Einsatz amerikanischer Soldaten in Staaten der früheren Sowjetunion aus.

Iwanow hatte sich bereits am Freitag bei einem Besuch in Armenien dagegen ausgesprochen, das Territorium der mittelasiatischen GUS-Republiken im Zuge einer möglichen Militäraktion gegen die Taliban zu nutzen. "Es gibt keinerlei Grundlage, nicht einmal hypothetisch, um über mögliche Nato-Einsätze auf dem Gebiet der zentralasiatischen GUS- Republiken zu reden", sagte er.

Turkmenistan: Pro Anti-Terror-Koalition

Turkmenistan werde eine "antiterroristische Koalition" unterstützen und sich auch daran beteiligen, sagte Präsident Saparmurad Nijasow dem US-Botschafter Eric Shultz nach Angaben der Agentur Itar-Tass in Aschgabad. Der gasreiche Wüstenstaat Turkmenistan galt bisher als einziges Land der Region, das ein gutes Verhältnis zu den Taliban-Milizen in Afghanistan pflegte.

Indien: Zusammenarbeit mit USA

Indien hat bereits von Anfang an seine Bereitschaft bekundet, den USA "operationelle Hilfe" zu gewähren. Das für Sicherheit zuständige Komitee des indischen Kabinetts beschloss dies einstimmig. Indien unterstützt die USA wohl nicht zuletzt deshalb, weil im indisch regierten Teil des Kaschmir militante Moslemgruppen operieren.

Iran: Neue Sympathie für die USA?

Chatami: Annäherung an den Westen?
AFP

Chatami: Annäherung an den Westen?

Möglicherweise kommt es durch den sich anbahnenden Afghanistan-Krieg zu einer Annäherung zwischen den Erzfeinden USA und Iran. Aus dem US-Außenministerium verlautete, man versuche den Iran in die "internationale Anti-Terror-Koalition" einzubinden. Der reformorientierte iranische Präsident Mohammed Chatami hatte nach den Anschlägen auf die USA den Terror verurteilt und dessen Bekämpfung zur "internationalen Pflicht" erklärt.

Die iranischen Reformer haben am Sonntag Präsident Mohammed Chatami aufgefordert, einen Krieg zwischen dem Westen und dem Islam zu verhindern, selbst wenn dazu ein direkter Kontakt mit dem US-Präsidenten erforderlich sei.

"Sie als Architekt des Dialogs zwischen den Zivilisationen sollten den Strom aufhalten, der nach den Vorfällen in den USA auf einen Krieg zwischen dem Islam und dem Westen drängt", schrieb das Blatt der Reformkräfte, "Nowruz".

Neben den Kontakten mit Europa und der arabischen Welt könnte Chatami den historischen Schritt tun und Kontakt mit US-Präsident George W. Bush aufnehmen, verlangten die Reformer.

Nach der Besetzung der US-Botschaft in Teheran hatten die USA 1980 die diplomatischen Beziehungen zu Iran abgebrochen. Doch seit dem Amtsantritt Chatamis im Mai 1997 sind die Töne zwischen beiden Staaten zunehmend freundlicher geworden.

Selbst von der vom Iran unterstützte schiitische Terrororganisation "Hisbollah", die vornehmlich von Syrien und dem Libanon aus gegen Israel operiert, kommen bedauernde Töne. Der Tod unschuldiger Menschen bei den Anschlägen in den USA sei zu bedauern.

Der Iran hat die Grenzen zu Afghanistan inzwischen geschlossen. Ein weiterer Gesichtspunkt für eine mögliche Annäherung zwischen Teheran und Washington dürfte sein, dass der mehrheitlich schiitische Iran nach wie vor mit dem überwiegend sunnitischen Irak verfeindet ist - der seinerseits spätestens seit dem Golfkrieg mit den USA auf Kriegsfuß steht.

Die Truppen des östlichen Nato-Mitglieds Türkei sind bereits vergangene Woche in Alarmbereitschaft versetzt worden.

Nur drei Staaten anerkennen Taliban-Regime

Die Taliban wollen international als rechtmäßige Regierung Afghanistans anerkannt werden. In vielen internationalen Gremien und ausländischen Botschaften sitzen jedoch noch Vertreter des im

Wie stark ist die Front gegen Osama Bin Laden?
DPA

Wie stark ist die Front gegen Osama Bin Laden?

September 1996 von den Taliban vertriebenen afghanischen Präsidenten Mohammad Rabbani. Die Vereinten Nationen verhängten im November 1999 Sanktionen gegen die Taliban, um die Auslieferung des von den USA gesuchten mutmaßlichen Terrordrahtziehers Osama bin Laden zu erzwingen. Im Januar 2001 wurden die Sanktionen verschärft.

Am 25. Mai 1997 erkannte Pakistan das Regime der Taliban, die ihren Siegeszug durch Afghanistan 1994 von pakistanischen Koranschulen aus begonnen hatten, als erster Staat an. Am Tag darauf schloss sich Saudi-Arabien diesem Schritt an, die Vereinigten Arabischen Emirate folgten.

Wegen der Weigerung Afghanistans, bin Laden auszuliefern, stufte Saudi-Arabien eineinhalb Jahre später seine Beziehungen zur Taliban- Regierung herab. Der saudische Geschäftsträger wurde aus Afghanistan abgezogen, zugleich wurde der Vertreter Afghanistans in der saudischen Hauptstadt Riad zum Verlassen des Landes aufgefordert. Die Vereinigten Arabischen Emirate rücken jetzt von den Taliban ab. In offiziellen Quellen hieß es am Sonntag, angesichts der derzeitigen Lage würden die Beziehungen zur afghanischen Regierung überdacht.

Afghanistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt

Das von den Taliban nach Eroberung der Hauptstadt Kabul 1996 zu etwa 90 Prozent kontrollierte Land am Hindukusch liegt wirtschaftlich am Boden. Die meisten Menschen hungern. Schuld daran sind nicht nur die kriegerischen Zerstörungen und die weltweite Isolation des "Islamischen Emirats Afghanistan". Auch Naturkatastrophen und das dritte Dürrejahr in Folge haben Afghanistan zu einem der ärmsten Länder der Welt gemacht. Nur Drogenanbau und -handel wird anscheinend noch betrieben, obwohl das Regime unter Taliban-Führer Mohammed Omar dies verboten hat. Dabei bieten reiche Vorkommen an Kupfer, Öl und Erdgas durchaus Perspektiven für eine wirtschaftliche Entwicklung.

Mit 650.000 Quadratkilometern ist Afghanistan fast zweimal so groß wie Deutschland. Zwischen dem befreundeten Pakistan im Osten und Süden, Iran im Westen und früheren Sowjetrepubliken im Norden leben schätzungsweise über 22 Millionen Menschen. Die Bevölkerungszahl hat sich in den letzten Jahren verringert, weil mehrere Millionen Afghanen, darunter fast die gesamte Intelligenz, aus ihrer Heimat geflohen sind.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.