Jahr 2016 Frontex rechnet mit 300.000 Bootsflüchtlingen aus Libyen

10.000 Menschen pro Woche könnten in den nächsten Monaten von Libyen aus mit dem Boot über das Mittelmeer kommen, schätzt die Grenzschutzagentur Frontex. Immer mehr Migranten kommen dabei ums Leben.

Afrikanische Migranten nach Rettungsaktion im Hafen von Tripoli
AFP

Afrikanische Migranten nach Rettungsaktion im Hafen von Tripoli


Die europäische Grenzschutzagentur Frontex rechnet damit, dass in diesem Jahr rund 300.000 Migranten per Boot über das Mittelmeer in die EU kommen. Das berichtet die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf Angaben von Frontex-Direktor Klaus Rösler, den Leiter der Abteilung Einsätze . "Wir gehen von 10.000 Ausreisen pro Woche aus Libyen aus", wird Rösler von dem Blatt zitiert. Eine der Ursachen für die hohe Zahl von Migranten auf dieser Flüchtlingsroute aus Libyen sei auch die intensivere Überwachung und Seenotrettung durch die EU.

Das führe dazu, dass Schlepper noch ungehemmter Flüchtlinge in wenig seetüchtigen Booten auf die Reise schickten, weil die Migranten von der EU gerettet würden, so Frontex-Mann Rösler. "Das löst Ausreisen aus", sagte Rösler dem Bericht zufolge. Laut UNHCR sind bis Mitte Juni 2016 in Italien rund mehr als 50.000 Migranten mit dem Boot angekommen.

Die europäischen Regierungen gehen davon aus, dass in Libyen noch weit mehr Menschen auf die Überfahrt nach Europa warten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach zuletzt von rund einer Million Flüchtlinge, die in dem Bürgerkriegsland darauf warteten, in die EU zu reisen. De Maizière berichtete von einer immer professionelleren Organisation der Schlepperbanden, die die Flüchtlinge teilweise sogar per App an die Küste und zu den Booten leiteten.

Auch die Internationale Organisation für Migration (IOM) erklärte, es hielten sich derzeit bis zu einer Million Flüchtlinge und Migranten in Libyen auf. "Es weiß allerdings niemand, wie viele von ihnen nach Europa wollen", so IOM-Missionschef für Libyen, Othman Belbeisi kürzlich. "Einige gehen einfach nach Libyen, um dort zu arbeiten." Die Zahlen stützen sich auf Beobachtungen der IOM und auf Schätzungen von Botschaften in der Region.

Immer mehr Menschen sterben auf seeuntüchtigen Booten bei der Überfahrt von Libyen nach Italien. Die IOM zählt mehr als 3400 Tote und Vermisste seit Jahresbeginn und damit deutlich mehr Verunglückte als im vergangenen Jahr. Verglichen mit den ersten fünf Monaten 2015 stieg die Zahl der Toten und Vermissten um zwölf Prozent. Statistisch betrachtet kamen in den Monaten April, Mai und Juni etwa 50 Menschen je 1000 Ankünfte in der EU ums Leben oder gingen verloren. Ähnlich hohe Verluste im Mittelmeer gab es zuletzt nur im Februar und April 2015.

Die Mittelmeerroute ist damit weltweit der gefährlichste Fluchtweg. Laut IOM verunglückten 80 Prozent aller registrierten Opfer weltweit im Mittelmeer. Als Gründe hierfür nennt IOM immer skrupellosere Schlepper und längere Routen. Mitunter würden Flüchtlinge ausgeraubt und nur noch auf Boote gesetzt, um sie loszuwerden, sagte ein Sprecher der Organisation der dänischen Nachrichtenseite "Politiken". Die Schiffe würden auch öfter überladen. Boote, die direkt von Bengasi im Osten Libyens oder von Ägypten starten, haben zudem einen deutlich längeren Weg und damit ein höheres Risiko, zu kentern.

Video: Rettungsaktion vor Sizilien

Guardia Costiera

anr/dpa/Reuters



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