Frust der US-Soldaten im Irak "Schießt auf mich, damit ich nach Hause komme!"

Selbstgebastelte Bomben in Getränkedosen, im Schleier versteckte Granaten, Angriffe aus Krankenhäusern und Schulen: Die US-Soldaten im Irak fürchten täglich um ihr Leben. Sie fühlen sich verraten und verkauft. Ihre Wut richtet sich gen Washington.

Bagdad - Joseph Charles Taylor hatte ruhig geschlafen, als er am frühen Morgen seine Unterkunft 50 Kilometer nordwestlich von Bagdad verließ. Er stand vor dem improvisierten Mannschaftsschlafsaal, räkelte sich und stolperte dabei fast über drei Granaten auf dem Boden vor ihm. "Ich dachte erst, dass seien Äpfel", erzählt er. Aber es war ein fehlgegangener Anschlag auf sein Leben. Zwei Meter weiter steht sein Feldbett. Neben seiner Unterkunft ist eine Mauer, dahinter eine Schule. Er ist sich sicher, dass dort von einem Fenster aus versucht wurde, in der Nacht sein Leben zu beenden. "Die Attacken werden immer raffinierter und hinterhältiger", sagt er.

Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht US-Soldaten Opfer von Anschlägen im Irak werden. Neben der Hitze und der Erschöpfung für jene, die nun schon seit Monaten fern der Heimat leben, verschärft die Angst den Stress der meist sehr jungen Männer und Frauen. Das steigert ihre Nervosität. Und ihre Aggressivität.

Die Mitglieder US-Kongress` erhalten in diesen Tagen bergeweise Post aus dem Irak. "Danke sehr, dass Sie unseren Einsatz für Frieden und Freiheit so stark unterstützen", heißt es im Schreiben eines amerikanischen Soldaten an einen republikanischen Parteifreund von Präsident George W. Bush. "Aber wissen Sie was? Ich will nach Hause!"

Der Briefschreiber gehört zur 3. Infanterie-Division, die als erstes in den Irak einmarschierte und kämpfte. Nach dem Ende der Kampfhandlungen kommt ihr nach Hause, hatte man ihnen versprochen. Aber ihr Chef Donald Rumsfeld hat es sich dann anders überlegt. Wegen der unsicheren Lage im Zweistromland will er auf diese speziell für das Töten trainierten Kräfte nicht verzichten. 9000 Soldaten dieser besonders belasteten Division erfuhren nun, dass sie nicht, wie versprochen, spätestens im September nach Hause fahren, sondern in die besonders gefährliche Gegend rund um Falludscha verlegt werden. Ende des Einsatzes: offen.

Moral am Boden

Das drückt auf die Moral der Truppe, in der sich viele nicht als Besatzer empfinden, sondern als Besatzte. Sie igeln sich in ihren Camps ein, weil draußen an jeder Ecke Gefahr lauert. Mit Panzerfäusten attackieren Widerstandskämpfer Transportfahrzeuge und Patroullien, in jedem Haus kann ein Scharfschütze hocken. Und die Methoden werden immer perfider: Eine Frau verbarg in ihrem langen Gewand vier Granaten als sie auf einen Checkpoint zuging, bei Händlern am Wegesrand wurden selbstgebastelte Bomben in Getränkedosen gefunden, Soldaten, die ein Kinderkrankenhaus bewachten, wurden aus einem Krankenzimmer mit Granaten beworfen. Jeder Amerikaner wird zur Zielscheibe, sie fühlen sich als "dead man walking".

Die Soldaten zeigen zunehmend Stress-Symptome wie Schlaflosigkeit, kaum Appetit, Heulkrämpfe, Apathie und unkontrollierte Gefühlsausbrüche. Immer häufiger kommt es vor, dass sie sich auch gegenseitig anschreien oder gegenüber den Irakern die Fassung verlieren. Wenn nichts mehr sicher ist, wird jeder verdächtig - und der Finger am Abzug nervös.

Psychologen im Einsatz

"Sie sprechen sich gegenüber jedem aus, der zuhören will", zitierte der "Christian Science Monitor" einen Offizier. "Sie schreiben Briefe, sie weinen, sie brüllen herum. Viele von ihnen laufen mit sichtbar müden und deprimierten Gesichtern herum". Sie fühlen sich wie Schachfiguren in einem Spiel, in dem sie nichts über den nächsten Zug wissen.

Die Unterstützung der Verantwortlichen kommt nur zögerlich. Härte gilt als Ehre, Gefühle sind Schwäche. Aber jetzt sind auch die ersten Psychiater im Irak-Einsatz. Oberst Robert Knapp gehört dazu. Und seine Berichte sind alarmierend. Denn es geht nicht nur um verzögerte Reaktionen auf die Kämpfe im Krieg, die als Albträume und wiederkehrende Bilder von Blut und toten Menschen die Soldaten quälen. "Auch der operative Stress fordert seinen Zoll", sagt Knapp. Gemeint sind damit die Auswirkungen der anhaltenden Attacken aus dem Hinterhalt auf die Amerikaner, das Gefühl, im Irak gar nicht erwünscht zu sein.

"Die Soldaten der ersten Stunde hatten es hier leichter", sagte Soldat Joseph Taylor dem "Wall Street Journal". Deren Feind sei eindeutig gewesen. Doch die aktuelle Gefahr sei undefinierbar: "Es lächelt dich einer an, umarmt dich, und rammt dabei sein Messer in deinen Rücken". Der Frust der Soldaten wird auch zum Problem für Bush an der Heimatfront. Denn die amerikanischen Medien greifen zunehmend die Sorgen ihrer Landsleute auf - und die klingen sehr wütend:

Clinton Deitz, Soldat einer Spezialeinheit, erklärte in den ABC-Nachrichten: "Wenn Donald Rumsfeld hier wäre, würde ich ihn auffordern zurückzutreten." Sergeant Felipe Vega sagte, er fühle sich "in den Unterleib getreten und ins Gesicht geschlagen". Der Soldat Jayson Punyhotra erklärte, dass "mich das ziemlich stark das Vertrauen in die Armee verlieren lässt". Ein Soldat, der seinen Namen nicht bekannt geben wollte, sagte den Reportern von ABC unter Verweis auf die an die Soldaten ausgehändigten Kartenstapel, die die Bilder der am meistgesuchten irakischen Führer enthalten, dass "ich meine eigene 'Liste der Meistgesuchten' habe. In meinem Kartenstapel sind Paul Bremer, Donald Rumsfeld, George Bush und Paul Wolfowitz die Asse." Sergeant Siphon Pahn sagte der Los Angeles Times : "Sagt Donald Rumsfeld, dass die 2. Brigade in Falludscha festsitzt und dass wir sehr wütend sind." Ein anderer Soldat äußerte gegenüber derselben Zeitung: "Die Leute sagen, dass Rumsfeld zurücktreten soll." Das Time-Magazine titelte: "Peace is ehll". Und Sergeant Eric Wright sagte gegenüber BBC News : "Wir sind derart erschöpft, dass einige schon hoffen, verwundet zu werden. 'Hey schießt auf mich, damit ich nach Hause komme.'"

500 Dollar für eine Rakete

Die Reaktionen der US-Streitkräfte sind hilflos, sie schwanken zwischen Härte und Verhandlung. In der Anbar-Provinz im Westen des Iraks hat die US-Armee für jede abgelieferte schultergestützte Flugabwehr-Rakete eine Prämie von 500 Dollar ausgelobt. Die Ausbeute ist bisher Null. In der Provinz liegen auch die Städte Ramadi und Falludscha. Sie sind die Brennpunkte im so genannten sunnitischen Dreieck im Norden und Westen von Bagdad, wo viele Einheimische öffentlich den gestürzten Präsidenten Saddam Hussein unterstützen.

Die Gefahr ist vielfältig. Es gibt die Einzeltäter und schlicht Kriminelle. Aber auch die politisch motivierten, die immer noch an Saddam glauben. Dazu kommen religiöse Fundamentalisten und gezielt aus dem Ausland eingeschleuste Terroristen, die die Situation weiter destabilisieren sollen. Die US-Armee hat bereits Afghanen, Saudis, Syrer, Jordanier, Palästinenser und Pakistanis verhaftet, was bei den US-Chefs den Verdacht nährt, dass sich ein Netzwerk gründet, sei es von al-Qaida gesteuert oder einer islamistischen Internationale.

Kultureller Graben

Die Iraker hingegen werfen den Amerikanern vor, mit ihrem Verhalten den Hass auf die Besatzer zu nähren. Die US-Offiziere sähen das Verhalten von Gläubigen viel zu oft als religiösen Fanatismus an, beklagt sich Abdel Asis al Nasrawi, stellvertretender Gouverneur von Kerbela, der Heiligen Stadt der Schiiten. "Es ist noch nicht richtig, den Dschihad auszurufen", sagt Scheich Abdel Mahdi Abdel Amir, der eine der großen Schiitengruppen im Land anführt. "Derzeit fordern wir noch auf friedlichem Weg eine Verfassung und eine Regierung mit Volksvertretern. Aber wenn auf diese Forderungen nicht eingegangen wird, wird sich das ändern."

Die Schiiten werfen den Amerikanern vor, mit Pornografie und der Anwerbung von Prostituierten die jungen Menschen zu verderben. Zu glauben, die Anschläge seien allein auf Ewiggestrige zurückzuführen, sei ein folgenreicher Irrtum. Die Schiiten, die die Mehrheit der Bevölkerung stellen, verkünden: "Im Zweifel kämpfen wir gegen die Überreste des entmachteten Saddam-Regimes als auch gegen die ausländischen Besatzer".

Die US-Soldaten hoffen, möglichst schnell abgelöst zu werden. Die deutlich ruhigere Situation im Süden des Landes, wo die Briten das Sagen haben, zeigt ihnen, dass sich das Feindbild und damit das Ziel für Angriffe auf alles Amerikanische festgelegt hat. Das beunruhigt nicht nur die 140.000 US-Soldaten. Ungarn erwägt bereits einen Rückzug seiner Soldaten aus dem Irak, falls es dort zu "kriegerischen Situationen" kommen sollte, wie der ungarische Verteidigungsminister Ferenc Juhasz sagte. Die Uniformen der Ungarn sehen denen der Amerikaner zum Verwechseln ähnlich.

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