Frustrierte Alliierte Die fünf Leben des "Chemie-Ali"

Das Pentagon erklärte "Chemie-Ali" bereits für tot. Doch der für den Giftgas-Einsatz gegen die Kurden berüchtigte irakische General Hassan Ali al-Madschid lebt womöglich noch. Er sei "wie Freddy Krüger", sagte ein frustrierter britischer Offizier: "Wir haben ihn schon fünf Mal getötet."


Ali Hassan al-Madschid: "Chemie-Ali" lebt womöglich immer noch
AP

Ali Hassan al-Madschid: "Chemie-Ali" lebt womöglich immer noch

Bagdad - Die Alliierten haben seit Kriegsbeginn bereits mehrfach versucht, Madschid zu töten, berichtet die "Washington Post". Am vergangenen Wochenende hätten die britisch-amerikanischen Truppen die Information erhalten, "Chemie-Ali" befinde sich in einem Bürogebäude in der von Briten belagerten Stadt Basra. Der General, ein Vetter des irakischen Präsidenten Saddam Hussein, habe womöglich sogar Chemiewaffen bei sich, habe der Informant gewarnt. Prompt wurde das Gebäude von F-16-Jagdbombern dem Erdboden gleich gemacht.

Am Morgen danach behaupteten britische Offiziere, sie hätten "Chemie-Alis" Leiche gefunden. Keine Zwölf Stunden später aber räumten die Briten laut "Washington Post" ein, dass der berüchtigte General noch am Leben sein könnte - obwohl US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld weiterhin erklärte, al-Madschid sei tot. "Ich werde nicht spekulieren, so lange ich keine DNS-Probe habe", sagte der britische Oberst Larry Brown. "Der Typ ist wie Freddy Krüger", meinte der Offizier in Anspielung auf die langlebige Hollywood-Horrorfigur. "Wir haben ihn schon fünf Mal getötet."

Madschid gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten des irakischen Regimes und nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen auch zu den brutalsten. Vor 15 Jahren leitete er den Feldzug gegen die irakischen Kurden, bei dem Schätzungen zufolge rund 10.000 Menschen ums Leben kamen. Madschid ließ dabei auch Giftgas gegen die Zivilbevölkerung einsetzen. Bei der blutigen Niederschlagung der Schiiten-Aufstände nach dem Golfkrieg von 1991 spielte er ebenfalls eine wichtige Rolle.

Britische Offiziere erklärten gegenüber der "Washington Post", es habe bereits "konzertierte Anstrengungen" gegeben, Madschid zu töten. Offenbar gehörte "Chemie-Ali" neben Saddam Hussein zu den Zielen des erfolglosen "Enthauptungsschlages", mit dem die Alliierten am 20. März den Irak-Krieg eröffneten. Zwei Nächte später hätten ihn Geheimdienstler in einem Haus in Amarah, nördlich von Basra, lokalisiert und F-18-Kampfjets geschickt. Diesmal, glaubten US-Militärs, hätten sie Madschid endlich erwischt. "Wir glauben, dass er nicht mehr lebt", frohlockte ein Offizier.

Er hatte sich zu früh gefreut. Eine Woche später, so die "Washington Post", meinten die Alliierten, den gefürchteten General in Al-Schattra, einer Kleinstadt nördlich von Nassirija, aufgespürt zu haben. Sie ließen Kommandotruppen angreifen - und waren wieder erfolglos.

Der jüngste Angriff auf "Chemie-Ali" in der Nacht zum Montag in Basra sei auf Grund des Tipps eines geheimen Informanten erfolgt. Madschid sollte sich demnach zusammen mit einem weiteren General und zwei Obersten in einem Gebäude nahe des Flusses aufhalten. Zwei F-16-Bomber hätten gleich ein halbes Dutzend lasergesteuerte 250-Kilo-Bomben abgeworfen. Major Bryant Sewall von der US-Marineinfanterie sagte der "Washington Post", dass al-Madschid nun wohl tot sei. Es gebe "keinen glaubhaften Beweis", dass er noch lebe. Auch ein britischer Offizier erklärte den irakischen General für tot.

Wenige Stunden später aber ruderten die Militärs zurück: Britische Truppen bekamen der Zeitung zufolge den Hinweis, dass "Chemie-Ali" noch immer am Leben sei. Also hätten sie die Verfolgung wieder aufgenommen. "Die Briten sagen, sie haben ihn in die Enge getrieben", erklärte ein US-Offizier. Allerdings hätten die Briten vor ein paar Tagen schon behauptet, der Tod Madschids sei zu 99 Prozent sicher. "Da war wohl das eine Prozent richtig."



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