"Fuck"-Fauxpas In der Abhörfalle

Victoria Nuland telefonierte ohne Stimmverschlüsselung - und das ist offenbar normal im US-Außenministerium. Jetzt wundert sich die Abhör- und Geheimdienstgroßmacht USA über die bescheidenen Sicherheitsstandards der eigenen Diplomaten und Staatsdiener.

Victoria Nuland: Ungeschützt am Mobiltelefon geplaudert
REUTERS

Victoria Nuland: Ungeschützt am Mobiltelefon geplaudert

Von , New York


Jen Psakis hat keinen beneidenswerten Job. Die Chefsprecherin des State Departments hat alle Hände voll zu tun, den "Fuck"-Fauxpas der US-Europaberaterin Victoria Nuland schönzureden. Dabei gerät sie schließlich so aus dem Konzept, dass sie sich hilflos verhaspelt. "Es ist Freitag", seufzt sie. "Ich bitte um Verzeihung."

Als sich Psaki am zweiten Nachmittag dieses Skandals den Reportern stellt, läuft die Ex-Wahlkampfsprecherin von Präsident Barack Obama geradezu ins Sperrfeuer. Denn während Nulands Äußerungen die breite US-Öffentlichkeit kaltlassen, haben Washingtons Journalisten Blut geleckt: Unbarmherzig nehmen sie Psaki deswegen ins Kreuzverhör.

Im Mittelpunkt stehen dabei aber weniger die diplomatischen Verstimmungen, die das abgehörte Telefonat Nulands mit Geoffrey Pyatt, dem US-Botschafter in der Ukraine, vor allem in Europa ausgelöst hat. Sondern die mehrfach wiederholte, geradezu ungläubige Frage: Wie konnte es passieren, dass eine so hohe US-Beamtin in eine Abhörfalle tappte?

Das State Department telefoniert ohne Stimmverschlüsselung

Nuland und Pyatt hätten offenbar über ungeschützte Mobiltelefone gesprochen, meldete die Agentur Reuters am Abend unter Berufung auf mit dem Fall vertraute US-Kreise. Pyatt habe sich dabei in der Ukraine befunden, der damalige Aufenthaltsort Nulands sei bisher unbekannt. Das Gespräch sei "wahrscheinlich" auf ukrainischer Seite abgefangen worden.

Die Abhörer der Welt - plötzlich selbst abgehört: Das scheint die Amerikaner an der Affäre zunächst am meisten zu irritieren. Kein Wunder, dass Psaki sich um Antworten drückt.

"Allen Angestellten des Außenministeriums ist Datenverschlüsselung verfügbar", weicht sie aus und verrät dann aus Versehen gleich den Hersteller besagter Dienst-Handys: "Alle Blackberry-Geräte im Besitz des State Department haben Datenverschlüsselung."

Dann fügt sie einen kleinen, aber umso wichtigeren Satz hinzu: "Sie haben allerdings keine Stimmverschlüsselung."

Die Reporter können's kaum glauben. Gilt das auch für US-Außenminister John Kerry? Psaki eiert herum. "Als geheim eingestufte Gespräche", sagt sie, sichtlich irritiert, seien auf Dienstgeräten jedenfalls "verboten". Man habe aber "eine Reihe anderer Möglichkeiten", solche Top-Secret-Dialoge abzuwickeln.

Dieser Möglichkeiten bediente sich Nuland jedoch nicht. US-Medien zitierten entsetzte Geheimdienstkreise: "Nicht zu glauben", dass Nuland so was riskiert habe - auf einer "ungesicherten Leitung, die angezapft wurde".

Die Geheimdienstnation USA, die alle anderen anzapft, erwartet mehr von sich selbst: "Dafür muss man die NSA verantwortlich machen!", schimpfte CNN-Anchorman Wolf Blitzer, scheinbar blind für die Ironie der Situation.

Dass Politiker auf den Komfort ihrer flotten Smartphones nicht verzichten wollen, auch wenn diese ungeschützt sind, ist freilich nichts Neues - auch in Deutschland. So bekannte der damalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler bei einem Besuch voriges Jahr im Silicon Valley:

"Jeder weiß, dass wir unsere privaten Telefone benutzen, obwohl es verboten ist."Zwar bleibt weiter offen, wer den Mitschnitt des Nuland-Gesprächs anfertigte und wer ihn lancierte. Doch scheinen es Experten gewesen zu sein: "Es war ziemlich eindrucksvolle Spionagearbeit", staunte selbst Nuland vor Journalisten in Kiew. "Der Ton war sehr klar."

Der Kontext ist aber weiter unklar. Auch könnte die Aufnahme zusammengeschnitten sein, um einer bestimmten Agenda Vorschub zu leisten. Dass eine Agenda dahintersteckt, legt ein zweiter, in diesem Zusammenhang ebenfalls auf YouTube publizierter Mitschnitt nahe. In dem beklagt sich die stellvertretende EU-Außenbeauftragte Helga Schmid beim EU-Botschafter in der Ukraine, Jan Tombinski, wiederum über die Amerikaner. Russischer Untertitel: "Wie sie die Ukraine spalten."

"Momente kleiner Frustration"

Psaki deutet am Freitag erneut an, dass die USA Russland für die Episode haftbar machten: "Die Russen waren die ersten, die dieses spezifische Gespräch twitterten." Auch hätten "nur wenige Länder" die Fähigkeit, Telefonate abzuhören. Die Frage sei: "Was wollen die Russen, warum diese Ablenkungskampagne?"

Zugleich legt der Skandal offen, wie tief die USA in die Ukraine-Krise verwickelt sind - allen öffentlichen Beteuerungen zum Trotz. Nuland hat saftige Worte für alle Beteiligten parat und äußert deutliche amerikanische Präferenzen für die dortige Regierungsbildung. In ihrer Stimme schwingt Zuversicht, dass die USA darauf starken Einfluss haben - notfalls an der EU vorbei, die das als europäischen Konflikt sieht.

"Das war kein Gespräch, das die Ereignisse analysiert und überlegt, wie man auf das reagiert, was als nächstes kommt", schreibt die US-Zeitung "Christian Science Monitor". "Hier ging es darum, eine Situation den US-Interessen gemäß zu prägen." Prompt wetterte Moskau gegen die "Einmischung" der USA.

Psaki versucht, auch diesen Eindruck zu zerstreuen. Nuland habe sich ja entschuldigt, ihre Worte spiegelten die wahre Beziehung der USA zur EU keineswegs wider: "In jedem Verhältnis gibt es Momente kleiner Frustration." Man müsse nun "nach vorne schauen". Motto: "Back to business as usual."

insgesamt 95 Beiträge
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hans-georg-pabst 08.02.2014
1. Das zeigt einmal mehr wie doof amerikanische Politiker sind
Bei den Veröffentlchungen von Wikileaks war man ernüchtert über die primitive Ausdrucksweise zwischen amerikanischen Größen. Die Eröffnung der Olympischen Spiele zeigte doch wie nahe die russische Kultur mit der Europäischen verwachsen ist. Amerikanische Kultur basiert wohl zum Großteil auch auf europäischem Erbe, es waren aber mehr die hemdsärmeligen Haudegen, die vorher auch bei uns angeeckt sind. Zu aller Schande haben sie gleich die Indianer weitgehend ausgerottet, mit dem Civilwar den blutigsten Krieg aller Zeiten geschlagen und als Höhepunkt 2 Atombomben auf die Zivilbevölkerung Japans geworfen. Was soll man von so einem Volk erwarten?
otelago 08.02.2014
2. Thema verfehlt
Zitat von sysopREUTERSVictoria Nuland telefonierte ohne Stimmverschlüsselung - und das ist offenbar normal im US-Außenministerium. Jetzt wundert sich die Abhör- und Geheimdienstgroßmacht USA über die bescheidenen Sicherheitsstandards der eigenen Diplomaten und Staatsdiener. http://www.spiegel.de/politik/ausland/fuck-the-eu-us-diplomatin-nuland-telefonierte-unverschluesselt-a-952213.html
Viel interessanter wäre für den Leser eine Analyse der Krise in der Ukraine im Kontext - Störaktionen aus US-Ostküste gegen politische Union EU - US - Spionageextermismus - Sinn und Unsinn des Freihandelsabkommens EU - USA - Putins notwenidige Ordnungsmacht in Russland - Unruhen in Ukraine, soziale Perspektiven für die Menschen in der Ukraine
LeCrayon 08.02.2014
3. Ami go home!
Fauxpas oder Ignoranz - über das wahre Problem wird hinweggesabbelt: Was die Amis wirklich von ihrem/ihren Vasallen halten? >Germany/Europe, fuck them!< ABZ... Freundschaft? Das neue Unwort des Jahres. So wenig wert wie tausend facebook-follower.
appenzella 08.02.2014
4. Europa - was ist aus dir geworden?
Die abgehörten Abhörer - Spion gegen Spion - Ein wenig Schlemihl - wer mit dem Teufel paktiert und seine Seele verkauft - ist seelenlos. Demokratie ohne verfassungmäßige Rechte ist seelenlos. Kapitalismus ohne Herz ist seelenlos. Politik ohne Kontrolle - Es wird Zeit, die Macht der demokratischen Diktatoren, die doch nur Toren sind zu begrenzen. Putin ist kein Übermensch, Obama erst recht nicht. Herr Kim aus Nordkorea ist lebenslänglich. Wie lange müssen wir Frau Merkel noch ertragen?
thalia 08.02.2014
5. Keine direkte Beleidigung, dennoch aussagekräftig
Ich glaube nur ein einziger Kommentator hat das bisher bemerkt und das ist ein wenig untergegangen, daher hier noch einmal: Nulands "fuck the EU" ist in dem Kontext, in dem sie es verwendet, keine wirkliche Beleidigung der EU. Es meint eher so etwas wie "vergiss die EU, wir machen das jetzt ohne die", nur eben in extrem informeller Umgangssprache. Also vermutlich schon "scheiß doch auf die EU", aber eben nicht aggressiv oder als Beschimpfung, sondern als Mir-doch-egal-Geste, was man im Video deutlich am Tonfall hört. Es ist daher mehr als nachvollziehbar, wenn sich die EU-Politiker jetzt über diesen Satz am wenigsten empören, er ist es nicht wert. Aussagekräftig ist das Telefonat an sich aber schon, weil es zeigt, dass die US-Regierung die EU hier nicht als Verhandlungspartner auf Augenhöhe wahrnimmt und im Grunde für Konfliktlösungen nicht als wichtig erachtet. Daran muss sich etwas andern - aber dafür bräuchten wir eigentlich eine stärkere politische Union und eine klarere gemeinsame außenpolitische Linie, was derzeit viele in Europa ablehnen... Es gibt mit dem NSA-Skandal weiß Gott genug Gründe sich über die US-Regierung (bitte nicht "die" Amerikaner, ich will auch nicht zu "den" Deutschen gezählt werden) zu empören - aber in diesem speziellen Fall täte ein wenig weniger Empörung ganz gut...
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