Fukushima und die Folgen Schweden steuert unbeirrt auf Atomkurs

Den Atomausstieg hatten die Schweden vor 30 Jahren beschlossen - doch im Sommer 2010 machte das Parlament den Weg frei für AKW-Neubauten. Wegen der Katastrophe in Japan will Premier Reinfeldt seine Haltung nicht ändern: "Jede Energie hat ihre Auswirkungen auf die Umwelt."
Schwedisches AKW Forsmark: Probleme mit Störfällen

Schwedisches AKW Forsmark: Probleme mit Störfällen

Foto: Fredrik Sandberg/ AP

Berlin - "Die Atomkraft erlebt eine Renaissance" - das sagte Schwedens Premier Fredrik Reinfeldt Anfang März in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt".

Eine Woche später gab es im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Explosionen, Reaktorhüllen barsten, Radioaktivität wurde freigesetzt,

Schwedische Oppositionpolitiker forderten daraufhin eine Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen, insbesondere in dem Kraftwerk Oskarshamn. Denn dort werde der selbe Uran-Plutonium-Mischoxid-Brennstoff verwendet wie in Reaktor 3 von Fukushima 1, so ein Grünenpolitiker.

Für die bürgerliche Regierung in Stockholm aber bedeutet die Katastrophe in Japan keinen Anlass, ihren Atomkurs in Frage zu stellen - die zehn schwedischen Reaktoren in den drei Kraftwerken Forsmark, Oskarshamn und Ringhals werden bleiben. Neue Schritte seien nicht notwendig, so Ministerpräsident Reinfeldt. "Wir sind uns der Risiken der Atomkraft bewusst." Jede Form der Energieproduktion habe Auswirkungen auf die Umwelt. Die Vereinbarung seiner Koalition stehe fest, so Reinfeldt.

Neue Meiler nur dann, wenn alte stillgelegt werden

Derzeit bezieht Schweden knapp die Hälfte seines Stroms aus der Kernkraft - erst im vergangenen Sommer hatte das Parlament ein Gesetz des Kabinetts verabschiedet, wonach in Schweden neue Atommeiler gebaut werden dürfen, vorausgesetzt ein alter Meiler wird im Gegenzug stillgelegt. Die Betreiber müssen die Neubauten selbst bezahlen, staatliche Subventionen sind ausgeschlossen.

Reinfeldt verteidigte den neuen Kurs als klima- und wirtschaftsfreundlich. Die Opposition wütete: "Wir werden zu Europas Kernkraftpark umgebaut", beschwerte sich Grünen-Chefin Maria Wetterstrand. Ähnliche Debatten werden in Nachbarland Finnland geführt. Dort wird bereits seit 2005 an einem neuen Kraftwerk gebaut, zwei neue sind geplant.

Der Ausstieg aus dem Atomausstieg - für Schweden bedeutete die neue Richtlinie einen krassen Bruch. 1980 hatte die Bevölkerung in einem Referendum als erstes europäisches Land für einen Ausstieg aus der Atomenergie gestimmt, ein gesetzlicher Neubau-Bann wurde vom Parlament beschlossen.

Sechs Jahre später zogen die radioaktiven Wolken aus Tschernobyl nach Schweden, im AKW Forsmark flackerten am 27. April 1986 die Warmlampen auf - das Kraftwerk war einer der ersten Orte außerhalb der Sowjetunion, wo erhöhte Strahlungswerte gemessen wurden.

Probleme mit Störfällen

Auch mit Störfällen im eigenen Land haben die Schweden Erfahrungen. In Forsmark gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Probleme. Im Juli 2006 kam es in der Anlage zu einem Kurzschluss. Bei der automatischen Notabschaltung versagten zwei von vier Dieselgeneratoren, die Strom für die Kühlwasserpumpen lieferten. Spätere Untersuchungen zeigen, dass die Anlage nur Minuten von einem GAU entfernt war. Vier Monate später brannte im AKW Ringhals einer der Transformatoren.

Bei der Regierung gibt es nach Japan kein Umdenken. In der schwedischen Bevölkerung regt sich dennoch Protest. Atomgegner riefen in den vergangenen Tagen immer wieder zu Demonstrationen auf.

Besonders ein Umstand sorgt dabei für neue Aufregung: Die Pläne für ein atomares Endlager nahe des Kraftwerks in Forsmark sind fertig - am Mittwoch reichte das zuständige Unternehmen SKB den Antrag bei den Behörden in Stockholm ein. Damit ist Schweden das erste Land in Europa, das ein fertiges Konzept für die Entsorgung von Atommüll hat.

Die Anlage 150 Kilometer nördlich von Stockholm soll ab 2015 gebaut, 2025 in Betrieb genommen werden und 2070 gefüllt sein. Danach sehen die Betreiber die Sicherheit des in Kupferkapseln eingeschlossenen Atommülls für 100. 000 Jahre gewährleistet.

Aber das Vorhaben ist höchst umstritten - nicht nur bei Umweltschützern und Atomgegnern: Schwedens Umweltminister Andreas Carlgren erklärte, die endgültige Genehmigung nach dem mehrjährigen Prüfungsverfahren sei nicht sicher.

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