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Reportage aus Gainesville: Besuch beim Zündler

Foto: Leon Dische Becker

Fundamentalisten-Prediger in Florida Koran-Zündler Jones lobt Sarrazin

Zynische Witze, Frauen in Rüschenblusen, Männer mit Pistolen am Gürtel: Eine fanatische Splittergemeinde in Florida hält die Welt in Atem. Weil sie den Islam hasst, sollen Korane brennen. SPIEGEL-ONLINE-Autor Leon Dische Becker besuchte ihren Gottesdienst - und wurde prompt mit Thilo Sarrazin konfrontiert.

Gainesville - Die Tür schwingt auf, und Pastor Wayne lässt die Gäste herein. Er trägt ein Holster mit einer Pistole am Gürtel. Den Kirchenraum hinter Wayne schmücken die Flaggen von 30 Nationen, darunter Jamaika, China und der Libanon. Eine pinkfarbene Satin-Gardine hängt an den Wänden hinter der Kanzel, eine weiße Plastiktaube ruht unter einem gigantischen Holzkreuz.

Das ist das Dove World Outreach Center - frei übersetzt das "Weltmissionszentrum im Zeichen der Taube".

Der Gottesdienst beginnt mit einem hektischen Auftritt - sechs Frauen mittleren Alters schmettern Rock'n'Roll für Jesus, begleitet werden sie von einer fünfköpfigen Band, vier Teenager und ein Mann mittleren Alters. Plastikpflanzen säumen die halbrunde Bühne, eine amerikanische Flagge steht darauf. Verlängerungskabel schlängeln sich über den fleckigen Boden, zusammengehalten von verschmortem schwarzen Klebeband.

Fast die Hälfte der Gemeinde steht oben auf der Bühne. Das ist also die berühmt-berüchtigte Gruppe, die gerade die Welt in Atem hält.

Sieben Männer im formellen Country-Outfit: jeansblaue, zugeknöpfte Hemden, die Pistole im Gürtel, die Eheringe glänzend. Zwölf Frauen im konservativen Saloon-Look: Hosenanzüge über gerüschten Blusen, auffälliges Make-up. Und eine ganze Horde herausgeputzter Kinder. 30 Menschen sind hier, sie sind aufgekratzt, weil sie gerade erfolgreich den Kampf der Kulturen heraufbeschworen haben.

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Terry Jones: Gefährlicher Zündler

Foto: JOE RAEDLE/ AFP

Pastor Terry Jones

Dann tritt die Person ein, deren Abbild am gleichen Tag in den Straßen von Kabul verbrannt wird: . Der Mann, der vom Himmel die Anweisung erhalten haben will, Korane zu verbrennen. Der bärtige Pastor mit Florida-Teint trägt einen schwarzen Smoking und schreitet zu seinem Platz.

Seine Frau Sylvia springt auf die Bühne, die anderen Sänger versammeln sich hinter ihr. Die Girlgroup stimmt eine neue Power-Ballade für Jesus an und hüpft dabei wild umher. Die Zuschauer erheben sich und wippen mit. Einige von ihnen singen mit, der Text ist an die Wand neben dem Holzkreuz projiziert. Andere Gläubige brabbeln wie in Trance.

Pastor Jones lässt die Waffe unter seinem Smoking aufblitzen. Sein Thema heute ist das große Gemetzel aus dem Buch Ester im Alten Testament. Der hohe Beamte Haman bereitet einen Völkermord an den Juden im persischen Reich vor, weil es angeblich mit seinen Gesetzen nicht zu den anderen Völkern passte. Ester und ihr Vetter Mordechai dringen unter Lebensgefahr zum König vor und warnen ihn vor der Verschwörung Hamans. Der König erlässt ein Dekret zur Vernichtung aller Nichtjuden - und 75.000 Menschen finden den Tod.

Jones tippt auf seine Waffe: "Und Ester hatte nicht mal eine 40-Kaliber-Halbautomatik." Die Botschaft: Wer nicht untergehen will, muss wehrhaft sein. Muss bereit sein, sich zu wehren.

Es dauerte nicht lange, bis Morddrohungen eintrafen

Gegen wen, ist klar, aber Jones macht noch weitere Feinde aus: "Wir haben hier etwas Schlimmeres als Muslime", wettert er und dreht sich zu mir, "einen Reporter!" Das ist besonders skurril, wenn man bedenkt, wie sehr Jones nach Öffentlichkeit giert. Kurz nachdem seine Gemeinde sich auf die Koran-Verbrennung geeinigt hatte, verstärkte sie ihre Präsenz in den Tiefen des Internets. Sie investierte in eine Web-Seite, sie gewann mehrere tausend Fans bei Facebook (ihre Fan-Seite rühmt sich mit 12.000 Anhängern). Einige von ihnen kündigten an, ebenfalls am 11. September einen Scheiterhaufen für den Koran zu errichten. Andere schickten dem Dove Outreach Center Exemplare der verhassten heiligen Schrift der Muslime. 200 Stück sind eingegangen. Und es dauerte nicht lange, bis auch die Morddrohungen kamen.

Produzenten von CNN sahen die Facebook-Seite der Kirche und entsandten ihren Nachrichtensprecher Rick Sanchez, um Jones zu interviewen. Alle anderen Fernsehstationen eiferten CNN nach. MSNBC fragte den Prediger, ob irgendjemand ihn von seinen Plänen abhalten könne - der frühere Präsident George W. Bush etwa, Jones' persönlicher Held.

Jones sagte Nein.

Je illustrer seine Gäste werden, desto störrischer scheint Jones zu reagieren. Er hat zwar inzwischen angeboten, die Koran-Verbrennung abzusagen, aber nur, wenn das islamische Gemeindezentrum nahe Ground Zero nicht gebaut wird. Die Entscheidung überlasse er aber Gott.

Seine Predigt widmet er denn auch der Verbrennung des Korans. Alle anderen geistlichen Angelegenheiten ordnet er seinem Lieblingsprojekt unter. Wer hierher gekommen ist, um etwas allgemeineren christlichen Beistand zu erhalten, der wird leider ohne Antwort wieder gehen müssen. Denn der Pastor glaubt, er habe einen Kampf von biblischer Bedeutung losgetreten.

In den Augen des Pastors ist der Islam "das Böse" schlechthin. Mit dem Argument, dass seine Aktion zu weltweiten und sogar gewalttätigen Protesten führen könnte, kann man ihm nicht beikommen. Das ist ja genau sein Plan, dieses angebliche aggressive "Wesen des Islams" bloßzustellen. Pauschal setzt er den Islam mit extremistischen Tendenzen, die es bekanntermaßen in jeder Religion gibt, gleich.

Brave Brillen, brave Gesichter - und Hass auf den Islam

Er hoffe natürlich, sagt Jones, dass durch seine demonstrative Koran-Verbrennung niemand zu Schaden komme, aber er macht auch sehr deutlich, dass er einen Krieg der Kulturen im Prinzip für unausweichlich hält. Und für diesen Kampf, davon ist er überzeugt, sei die Christenheit nur schlecht gerüstet.

Schlimmer noch, sagt er, die Christen wollten nicht wahrhaben, welche Gefahr von den Muslimen ausgehe, die unter ihnen lebten. Jones' Gemeinde glaubt, dass sich alle Muslime gegen den Westen verschworen haben und ihre heimliche Invasion schon längst in Gang ist. Wenn die Zeit reif sei, so die absurde Theorie weiter, würden die Muslime in einer konzertierten Aktion losschlagen. Pfarrer Jones will sie nun "aus ihren Verstecken locken", bevor es dazu komme - und der brennende Koran soll sein Köder sein.

"Der Islam wird keine Ruhe geben, die werden nicht klein beigeben", hämmert Jones seinen Leuten ein. Denn die Muslime seien anders als die Christen, nicht "weich wie Wiener Würstchen. Sie haben eine Vision und sie sind bereit, dafür zu kämpfen und zu sterben".

Dann macht Jones einen bizarren Schwenk nach Deutschland: Er lobt nicht nur die "Entschlossenheit und Gehorsamkeit" der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, er widmet sich auch der aktuellen Politik: "Dieser Banker da bei euch, der steht auf." Damit ist Thilo Sarrazin gemeint, der sich gerade aus dem Vorstand der Bundesbank zurückgezogen hat, nachdem er mit Thesen über Muslime für Aufsehen sorgte, die sich angeblich nicht integrieren wollen.

Als er über Deutschland spricht, schallt aus der ersten Reihe ein enthusiastisches "Right!" zurück - die Stimmen der deutschen Emigranten. Neun Deutsche gehören zur Gemeinde Dove Outreach, zwei davon sind selbst Pastoren. Terry Jones hat 30 Jahre seines Lebens in Köln verbracht, als Missionar und Kirchenführer. Als er wegen Klagen über steuer- und arbeitsrechtliche Unregelmäßigkeiten in die USA zurückkehrte, folgte ihm ein kleiner Trupp der treuesten Anhänger. Im Gepäck: eine tiefe Aversion gegen den Islam.

"Sie hatten unehelichen Sex, sie tranken Alkohol"

"Unsere Aktionen gegen den Islam haben bereits in Deutschland begonnen", sagt der Sohn des Pastors, der 29-jährige Luke, in seinem starken deutschen Akzent. Worin dieser Feldzug bestand, will er allerdings nicht ausführen. Wie einige andere Gemeindemitglieder kommt auch Luke aus Köln - und zwar aus dem Stadtteil Kalk, in dem viele Türken leben. "Ich bin mit Muslimen aufgewachsen", erzählt Luke mit weit aufgerissenen Augen, als würde er von einer aufregenden Episode einer Karriere als Extremsportler berichten.

"Türken, Araber, Bosnier" - das waren seine Kumpels während der "Drogenphase" seines Lebens. Trotz der gemeinsamen Erfahrungen habe man bestimmte Barrieren nie überwunden. "Über ihre Art zu leben durfte ich nichts sagen", klagt er. "Sie hatten unehelichen Sex, tranken Alkohol und waren nicht bereit, ehrlich über den Islam zu sprechen." Was ihn jedoch am meisten verstört habe, sei ihre unbedingte Loyalität zu anderen Muslimen gewesen. Als Christ habe er sich immer wie ein Bekannter zweiter Klasse gefühlt.

Obwohl auch er hinter der geplanten 9/11-Aktion der Gemeinde steht und den Koran verbrennen möchte, spricht er fast mit Bewunderung von den Muslimen. Er habe großen Respekt für sie, räumt er ein, weil sie so stolz auf ihre Identität seien, weil sie bereit seien, für ihre Überzeugungen zu kämpfen. Deshalb ist Luke nach Amerika ausgewandert: weil die Menschen hier stolz auf das seien, was sie sind und was sie geschaffen haben, weil sie stolz darauf sein könnten, Christ zu sein.

Vor kurzem ist er zum Priester in der Kirche seines Vaters geweiht worden. Auf seinem Unterarm prangt eine halbfertige Tätowierung des Sternenbanners. Er ist überzeugt, dass Deutschland längst von den Muslimen überrannt worden sei. Sollen sie es doch haben, ihm ist das jetzt egal. Mit seiner Frau Anna spricht er manchmal noch Deutsch - aber nur aus Versehen, sagt er, in einem Moment der Schwäche.

Achterbahn einer wilden Predigt

Pastor Ludger Böcken weigert sich ebenfalls, Deutsch zu sprechen. Er ist ein freundlicher und kontaktfreudiger Lulatsch, mit einem kindlichen Gesicht und einer dieser typisch deutschen Brillen mit einem schmalen Gestell. Auch er spricht von seiner Heimatstadt, als sei sie von Feinden überrannt und unbewohnbar geworden. Wenn er von seinen letzten Tagen in der Heimat spricht, ist es die pure Melancholie, traurige Resignation: "Ich lief durch mein Viertel, ging zum Friseur, bestellte mir mein Lieblingsessen, aber ich fühlte mich nicht mehr zu Hause. Ich hatte ständig das ungute Gefühl, dass ich bestimmte Dinge nicht mehr sagen konnte."

Er habe sich permanent von den Muslimen und "ihrer verdammten" Scharia bedroht gefühlt, sagt Böcken und klingt wie ein Mann, dem einfach zu oft das Fahrrad geklaut wurde. Das also ist seine Konsequenz, seine Lösung: den Koran verbrennen. "Ja, das ist ein Anfang", sagt er. Es soll wohl der Beweis dafür sein, dass er sich nicht länger einschüchtern lassen will.

Doch es sieht eher so aus, als würde er Pastor Jones in die Schlacht schicken, den unbekümmerten, unbesonnenen Krieger im Kampf der Kulturen. Böcken sitzt in der ersten Reihe, direkt vor Jones, und folgt der Achterbahn einer wilden Predigt, die zwischen Bibelzitaten, historischen Anspielungen und wütenden Verwünschungen hin und her springt. Frau Böcken trägt eine ähnliche Brille wie ihr Mann und hat das gleiche brave Gesicht. Beide lachen laut, als der Pastor darüber spekuliert, ob "Hussein" - so nennt er Obama bei dessen zweitem Vornamen - wohl persönlich in ihrer Kirche erscheinen werde, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

Der Witz tut allen gut hier. Überhaupt gibt ihnen die weltweite Empörung das Gefühl, dass ihre Kirche Teil einer Mission sei, die größer und wichtiger ist als sie selbst. Als wären sie Teil eines neuen Kapitels der Bibel, das von einer kleinen Gemeinde in Florida und ihrem trotzigen Freudenfeuer erzählt.

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