Fundraising mit Kerry "Eine Wahlkampf-Woche hat neun Tage"

Zehntausend Dollar, mindestens, für einen Cocktail, einen Teller Lasagne und ein Stück Schokokuchen zum Nachtisch. Das ist selbst für die US-Hauptstadt Washington ganz schön happig und die Menschen zahlen nur, weil sie einem Star nahe sein wollen. John F. Kerry heißt ihrer.

Von Georg Mascolo, Washington


Kerry in Washington: "Sätze mit weniger als 15 Wörtern"
REUTERS

Kerry in Washington: "Sätze mit weniger als 15 Wörtern"

Der Old Post Office Pavillon an der Pennsylvania Avenue gehört zu den Touristen-Attraktionen der Stadt, nur drei Blocks liegt es vom Weißen Haus entfernt. Das ist nach Überzeugung der inzwischen wieder siegessicheren Demokraten der ideale Ort für das letzte große Fundraising dieser Präsidentenkampagne.

Für die 30 Tage bis zur Wahl mobilisieren beide Parteien noch einmal mit aller Macht. Seit der Senator bei der ersten Debatte mit Präsident George W. Bush überraschend gut abschnitt, fließt das Geld wieder in Strömen. Eine Jazzband spielt, über dem Büfett hängen überlebensgrosse Plaketten einstiger demokratischer Präsidenten. Auf einer steht: "Jugend für John F. Kennedy".

Terry McAufliffe, der immer gut gelaunte Vorsitzende der Demokratischen Partei, sorgt für die rechte Stimmung: Er zitiert eine gerade anderthalb Stunden alte Umfrage des Magazins "Newsweek". Kerry, monatelang abgeschlagen und von vielen schon abgeschrieben, liegt wieder knapp vor Bush. In den aufkommenden Jubel hinein erscheinen Kerry und seine Frau Teresa. Der Kandidat winkt, salutiert, ballt die Faust, küsst die Gattin. Die letzten Tage waren hart, die nächsten werden noch härter. Am Freitag muss er noch einmal gegen Bush antreten und dessen Berater haben schon durchsickern lassen, dass der Präsident seinen Gegner dieses Mal unbarmherzig attackieren wird. Kerry braucht seine Kraft. Kürzlich blieb ihm schon einmal die Stimme weg, er soll sich schonen. Das Reden überlässt er erst einmal seiner Frau. Sie sieht so erschöpft aus wie er. "Eine Wahlkampf-Woche hat neun Tage", sagt sie. Kerry lächelt und schwitzt im grellen Scheinwerferlicht. Der Parteivorsitzende tuschelt ständig in sein Ohr. Teresa Heinz verspricht ein neues Amerika: "Stolz, aber nicht arrogant, stark, aber nicht bedrohlich. Ich weiß wofür John kämpft, er ist mein Mann." Keine fünf Minuten redet sie. Kerry fasst sich noch kürzer.

Überzeugen müssen die Kerrys heute Abend niemand: Wer ins Old Post Office gekommen ist, wählt ihn ohnehin. Und: Seit er Bush nach Überzeugung von 61 Prozent aller Amerikaner in der TV-Debatte geschlagen hat, lieben sie ihn - und zahlen wieder. In Washington muss er nur schnell Danke für die Schecks sagen. Das Publikum bekommt dafür die Kurzversion der Wahlkampfrede zu hören, die er jeden Tag in Ohio, Florida, Wisconsin und Pennsylvania hält: Dass er weiß wie man kämpft, dass Bush die Welt unsicherer macht und er, Kerry, weiß, wie man den Krieg gegen die Terroristen gewinnt.

Teresa Heinz hat sich auf einen der beiden schwarzen Barhocker auf der Bühne gesetzt. Sie sieht jetzt noch müder aus. Kerry sagt gerade: "Und außerdem wisst Ihr jetzt, dass ich wirklich Sätze mit weniger als 15 Wörtern sagen kann."

Ein Winken, Händeschütteln, einige Erinnerungsfotos. Dann schieben sich ein Dutzend Secret Service Agenten mit Kerry und Teresa zum Ausgang. Der Abend hat sechs Millionen Dollar gebracht.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.