Furcht vor schmutzigen Bomben
Plünderer in irakischen Atomanlagen
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat schwere Vorwürfe gegen die USA erhoben. Diese hätten nicht genug zur Absicherung nuklearer Anlagen im Irak getan. Der Chef der Behörde, Mohammed al-Baradei, schlägt Alarm. Möglicherweise ist Plünderern hochradioaktives Material in die Hände gefallen.
Hamburg - Die Lage ist offenbar ernst. Al-Baradei will Experten in den Irak entsenden, die überprüfen sollen, in welchem Ausmaß es zu Plünderungen in irakischen Atomanlagen gekommen ist. Der IAEA-Chef hat die Uno bereits um einen entsprechenden Auftrag gebeten. Eine Sprecherin der Behörde sagte in Wien, bisher habe man noch keine Antwort erhalten.
Die Sprecherin teilte weiter mit, die USA hätten der Behörde zugesagt, für die Sicherheit der
Atomanlagen zu sorgen. Die Berichte über Plünderungen in Nuklear-Anlagen seien beunruhigend. Die "Washington Post" hatte am Wochenende berichtet, irakische Anlagen
mit großen Mengen hochradioaktiven Materials seien geplündert worden. Derzeit könne man noch nicht sagen, ob etwas fehle.
Nach Darstellung der Zeitung hat die Unfähigkeit einiger Entscheidungsträger dazu geführt, dass es zu den Plünderungen hatte kommen können. Einen ganzen Monat habe es gebraucht, bis eine Spezialtruppe des Pentagon entsandt wurde, um sich um die wichtigsten Nuklearstandorte des Irak zu kümmern. im Atomforschungszentrum in Bagdad habe das Team Anzeichen für schwerste Plünderungen vorgefunden. Seit Ende des Krieges sei dies der zweite bekannt gewordene Fall von Raubzügen in Atomanlagen, so die "Washington Post. Die Lage in den Gebäuden sei so unübersichtlich, dass man nicht sagen könne, ob radioaktives Material entwendet wurde oder nicht.
Nun hofft man auf die IAEA. Die Wiener Behörde verfügt über eine detaillierte Liste von radioaktivem Material unter anderem der Forschungsanlage
Tuwaitha, die von der Behörde versiegelt worden ist. Berichten
zufolge sollen jedoch US-Streitkräfte im vergangenen Monat die Siegel
gebrochen und die Anlage betreten haben, so dass auch nicht ausgeschlossen werden kann, dass Unbefugte in der Anlage Nuklear-Material entwendet haben. Nun sollen Experten die Ereignisse seit Kriegsbeginn rekonstruieren.
Nach Angaben der IAEA-Sprecherin eignet sich der Großteil des radioaktiven Materials, das die IAEA in den Anlagen gefunden hat, nicht für den Bau von Atomwaffen. Allerdings
befürchtet die Behörde, dass die Stoffe in die Hände von Terroristen gelangen und zum Bau von so genannten "schmutzigen Bomben" genutzt werden könnte. Als schmutzige Bomben werden Sprengsätze bezeichnet, denen radioaktives Material beigemischt
wird.
Unabhängig von möglichen Schlampereien hat al-Baradei die USA auch deshalb kritisiert, weil es seiner Ansicht nach keinerlei Rechtfertigung des Krieges im Hinblick auf atomwaffenfähiges Material gegeben habe. Im ZDF forderte er die Wiederaufnahme der
Waffenkontrollen im Irak. Nur die Uno-Inspektoren könnten glaubwürdig sicherstellen,
dass der Irak tatsächlich keine Massenvernichtungswaffen besitze, sagte al-Baradei gegenüber "Frontal 21".
Laut al-Baradei geht es bei der Suche nach Massenvernichtungswaffen auch um ein Glaubwürdigkeitsproblem. Waffenfunde durch amerikanische und
britische Truppen würden als zweifelhaft wahrgenommen werden. "Ich glaube
nicht, dass die internationale Gemeinschaft damit zufrieden wäre,
solange nicht wir, die Uno-Waffeninspekteure, dorthin gehen und die
Funde überprüfen." Besonders in der arabischen und muslimischen Welt sei die Glaubwürdigkeit der Inspekteure entscheidend. Je länger die Suche nach Massenvernichtungswaffen andauere, desto mehr stelle sich indes die Frage, ob Irak diese Waffen tatsächlich besitze.