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10. November 2010, 12:50 Uhr

G-20-Hype

Südkorea verordnet seinen Bürgern Dauerlächeln

Von Malte E. Kollenberg, Seoul

Für Südkorea ist G20 der Gipfel. Seoul versteht seine Gastgeberrolle als Chance, Werbung in eigener Sache zu betreiben - und inszeniert den Besuch der Staats- und Regierungschef als Harmonie-Show. Kritiker warnen allerdings: Zu viel Gleichklang wirkt befremdlich.

Lee Eun-jeong und Jeong Hyeon-min lächeln. Das ist ihr Job. Dafür sind sie von der Korea International Trade Association angeheuert worden. Dafür stehen sie das ganze Wochenende vor Seouls größtem Einkaufszentrum. Und um Luftballons mit dem Aufdruck "G20 Business Summit" zu verteilen.

Einen Tag bevor der eigentliche G-20-Gipfel beginnt, treffen sich rund hundert Vorstandsvorsitzende und Spitzenmanager zum G20 Business Summit in Seoul. "Wir machen das, damit der G-20-Gipfel ein Erfolg wird", erklärt Hyeon-min. Und Eun-jeong fügt hinzu: "Die Koreaner sollen positiv über G20 denken. Außerdem wollen wir helfen, dass die koreanische Bevölkerung Ausländern gegenüber freundlich und aufgeschlossen ist."

Ganz Korea soll harmonisch, fröhlich und friedlich sein, wenn die Welt am 11. und 12. November auf Seoul schaut, wenn Hunderte Journalisten aus dem Ausland über Korea berichten. Dafür hat die Regierung in der Stadt Plakate aufhängen lassen. Mit "Bitte lächeln" lassen sich die Slogans darauf ganz frei übersetzen. Deshalb lächeln auch Hyeon-min und Eun-jeong. Für die Ausländer, fürs Vaterland, für den Erfolg des G-20-Gipfels und ein bisschen auch für die Regierung. Denn der ist es schließlich zu verdanken, dass der G-20-Gipfel in Südkorea stattfindet.

Gibt es auch nur einen Hinweis, dass die Veranstaltung möglicherweise nicht ganz so harmonisch wird? Dass auf dem Treffen der Mächtigen die Fetzen fliegen? Nein, denn die Inhalte spielen keine Rolle. Der Gipfel allein ist schon der Erfolg.

Bereits jetzt wird er in einem Atemzug mit den Olympischen Spielen in Seoul 1988 und der Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea 2002 genannt. Die südkoreanische Regierung wird nicht müde zu betonen, dass zum ersten Mal ein G-20-Gipfel in einem Schwellenland stattfindet und auch zum ersten Mal in Asien. Was den Gipfel aber über alle bisherigen erhebt, auch über die zurückliegenden G-8-Treffen, ist die Inszenierung zu einem Mega-Event für das gesamte Land.

G20 ist omnipräsent in Seoul. Keine touristische Attraktion, die ohne das G-20-Logo auskommt. Die Marke Korea soll mit dem G-20-Gipfel noch attraktiver werden. "Nation Branding" nennt man das. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alles ist nahezu perfekt organisiert. Dass der Gipfel möglichst reibungslos verläuft, daran arbeitet seit rund einem Jahr ein Präsidialausschuss. In einem unscheinbaren Gebäude im Norden der südkoreanischen Hauptstadt wird jedes Detail vorbereitet. Von den wichtigsten Politikfeldern beim Gipfeltreffen bis hin zu G-20-Verhaltensregeln für koreanische U-Bahn Nutzer.

Regel eins lautet: Wenn du einen Ausländer triffst, nicht erschrecken, lächeln und 'Hello' sagen.

G20 hat eine treue Fangemeinde in Korea

Mit einer riesigen Werbekampagne wird das Großprojekt "Seoul Summit" begleitet. Für die technikverliebte koreanische Jugend gibt es sogar Strahlenschutzaufkleber fürs Handy, mit G-20-Logo versteht sich. International bekannte koreanische Promis sind zu G-20-Botschaftern ernannt worden. Darunter die K-Pop-Band Girls Generation, Eiskunstläuferin Kim Yu-na und Park Ji-sung vom englischen Fußballclub Manchester United.

Auf YouTube haben die Organisatoren einen eigenen G-20-Kanal, mit Interviews und Hintergrundberichten eingerichtet. Die meisten Videos drehen sich um "Let's go", den G-20-Titelsong, ein Gemeinschaftsprojekt von 21 koreanischen Popsternchen. Eine koreanische und eine englische Version haben sie aufgenommen. Seit Wochen klingt das Lied durch die Einkaufszentren der Hauptstadt. Auch durch das im Convention und Exhibition Center COEX. Dort, wo im angrenzenden Konferenzzentrum Staats- und Regierungschefs Ende der Woche tagen werden. Dort, wo Eun-jeong und Hyeon-min Luftballons verteilen und lächeln.

Nur wenige hundert Meter entfernt, direkt vor dem Eingang zum Konferenzzentrum, diskutieren Aktivisten der koreanischen Freiwilligenorganisation Manam mit dem Sicherheitsdienst. Seit einer Stunde bereiten sie eine Pro-G-20-Aktion vor. Hüte mit dem Spruch "Welcome G20 - Let's jump together" haben sie gebastelt. Eigentlich wollen sie nur ihre Unterstützung für den Gipfel kundtun.

"Das hat einen schädigenden Effekt für Korea"

Schade nur, dass das Demonstrationsverbot im Radius von zwei Kilometern rund um die Tagungsstätte auch für Solidaritätsbekundungen gilt. Für die jugendlichen G-20-Fans wird dann aber doch eine Ausnahme gemacht, unter einer Bedingung: Schnell muss es gehen. Also tanzen sie die einstudierte Choreographie, rollen fix das mitgebrachte Transparent aus, posieren für die umstehenden Fotografen und lächeln in die Kameras. Nach zwei Minuten ist alles wieder vorbei.

Kim Sang-jo, Professor für internationalen Handel an der Seouler Hansung Universität, glaubt zu wissen, warum vor allem junge Koreaner dem G-20-Hype verfallen. "Die verstehen gar nicht, worum es bei G20 geht", sagt er. Ob jung oder alt, für ihn ist klar, ein sehr großer Teil der Bevölkerung ist von der Propaganda der Regierung beeinflusst. Gegenpositionen würden nicht zugelassen, greift er den Präsidenten und die regierende Grand National Party an. An der Scheineinigkeit seien auch die Medien mit schuld. "Über Opposition zum Gipfel wird kaum berichtet", ärgert er sich. Bei so viel Harmonie macht sich auch Kim Gedanken um das "Nation Branding". "Auf Ausländer muss diese Gesellschaft merkwürdig wirken. Offiziell gibt es nur eine Meinung. Das hat außerhalb des Landes einen schädigenden Effekt für die Marke Korea."

Ganz so einig sind sich die Koreaner dann allerdings doch nicht.

Zwar hat die größte Gewerkschaft des Landes, die Federation of Korean Trade Unions, im Vorfeld angekündigt, auf Proteste und Demonstrationen gegen den Gipfel zu verzichten. Die zweitgrößte Gewerkschaft, die Korean Confederation of Trade Unions, aber hat am 8. November ihre erste Protestkundgebung auf dem Platz vor dem Seouler Rathaus abgehalten. Umringt von mehreren Tausend Polizisten und unter den Augen von G-20-Botschafterin Kim Yu-na, die überlebensgroß von einem riesigen Plakat auf Zehntausende Protestanten herablächelte.

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