G-20-Hype Südkorea verordnet seinen Bürgern Dauerlächeln

Für Südkorea ist G20 der Gipfel. Seoul versteht seine Gastgeberrolle als Chance, Werbung in eigener Sache zu betreiben - und inszeniert den Besuch der Staats- und Regierungschef als Harmonie-Show. Kritiker warnen allerdings: Zu viel Gleichklang wirkt befremdlich.

Malte E. Kollenberg

Von Malte E. Kollenberg, Seoul


Lee Eun-jeong und Jeong Hyeon-min lächeln. Das ist ihr Job. Dafür sind sie von der Korea International Trade Association angeheuert worden. Dafür stehen sie das ganze Wochenende vor Seouls größtem Einkaufszentrum. Und um Luftballons mit dem Aufdruck "G20 Business Summit" zu verteilen.

Einen Tag bevor der eigentliche G-20-Gipfel beginnt, treffen sich rund hundert Vorstandsvorsitzende und Spitzenmanager zum G20 Business Summit in Seoul. "Wir machen das, damit der G-20-Gipfel ein Erfolg wird", erklärt Hyeon-min. Und Eun-jeong fügt hinzu: "Die Koreaner sollen positiv über G20 denken. Außerdem wollen wir helfen, dass die koreanische Bevölkerung Ausländern gegenüber freundlich und aufgeschlossen ist."

Ganz Korea soll harmonisch, fröhlich und friedlich sein, wenn die Welt am 11. und 12. November auf Seoul schaut, wenn Hunderte Journalisten aus dem Ausland über Korea berichten. Dafür hat die Regierung in der Stadt Plakate aufhängen lassen. Mit "Bitte lächeln" lassen sich die Slogans darauf ganz frei übersetzen. Deshalb lächeln auch Hyeon-min und Eun-jeong. Für die Ausländer, fürs Vaterland, für den Erfolg des G-20-Gipfels und ein bisschen auch für die Regierung. Denn der ist es schließlich zu verdanken, dass der G-20-Gipfel in Südkorea stattfindet.

Gibt es auch nur einen Hinweis, dass die Veranstaltung möglicherweise nicht ganz so harmonisch wird? Dass auf dem Treffen der Mächtigen die Fetzen fliegen? Nein, denn die Inhalte spielen keine Rolle. Der Gipfel allein ist schon der Erfolg.

Bereits jetzt wird er in einem Atemzug mit den Olympischen Spielen in Seoul 1988 und der Fußballweltmeisterschaft in Japan und Korea 2002 genannt. Die südkoreanische Regierung wird nicht müde zu betonen, dass zum ersten Mal ein G-20-Gipfel in einem Schwellenland stattfindet und auch zum ersten Mal in Asien. Was den Gipfel aber über alle bisherigen erhebt, auch über die zurückliegenden G-8-Treffen, ist die Inszenierung zu einem Mega-Event für das gesamte Land.

G20 ist omnipräsent in Seoul. Keine touristische Attraktion, die ohne das G-20-Logo auskommt. Die Marke Korea soll mit dem G-20-Gipfel noch attraktiver werden. "Nation Branding" nennt man das. Nichts wird dem Zufall überlassen. Alles ist nahezu perfekt organisiert. Dass der Gipfel möglichst reibungslos verläuft, daran arbeitet seit rund einem Jahr ein Präsidialausschuss. In einem unscheinbaren Gebäude im Norden der südkoreanischen Hauptstadt wird jedes Detail vorbereitet. Von den wichtigsten Politikfeldern beim Gipfeltreffen bis hin zu G-20-Verhaltensregeln für koreanische U-Bahn Nutzer.

Regel eins lautet: Wenn du einen Ausländer triffst, nicht erschrecken, lächeln und 'Hello' sagen.

G20 hat eine treue Fangemeinde in Korea

Mit einer riesigen Werbekampagne wird das Großprojekt "Seoul Summit" begleitet. Für die technikverliebte koreanische Jugend gibt es sogar Strahlenschutzaufkleber fürs Handy, mit G-20-Logo versteht sich. International bekannte koreanische Promis sind zu G-20-Botschaftern ernannt worden. Darunter die K-Pop-Band Girls Generation, Eiskunstläuferin Kim Yu-na und Park Ji-sung vom englischen Fußballclub Manchester United.

Auf YouTube haben die Organisatoren einen eigenen G-20-Kanal, mit Interviews und Hintergrundberichten eingerichtet. Die meisten Videos drehen sich um "Let's go", den G-20-Titelsong, ein Gemeinschaftsprojekt von 21 koreanischen Popsternchen. Eine koreanische und eine englische Version haben sie aufgenommen. Seit Wochen klingt das Lied durch die Einkaufszentren der Hauptstadt. Auch durch das im Convention und Exhibition Center COEX. Dort, wo im angrenzenden Konferenzzentrum Staats- und Regierungschefs Ende der Woche tagen werden. Dort, wo Eun-jeong und Hyeon-min Luftballons verteilen und lächeln.

Nur wenige hundert Meter entfernt, direkt vor dem Eingang zum Konferenzzentrum, diskutieren Aktivisten der koreanischen Freiwilligenorganisation Manam mit dem Sicherheitsdienst. Seit einer Stunde bereiten sie eine Pro-G-20-Aktion vor. Hüte mit dem Spruch "Welcome G20 - Let's jump together" haben sie gebastelt. Eigentlich wollen sie nur ihre Unterstützung für den Gipfel kundtun.

"Das hat einen schädigenden Effekt für Korea"

Schade nur, dass das Demonstrationsverbot im Radius von zwei Kilometern rund um die Tagungsstätte auch für Solidaritätsbekundungen gilt. Für die jugendlichen G-20-Fans wird dann aber doch eine Ausnahme gemacht, unter einer Bedingung: Schnell muss es gehen. Also tanzen sie die einstudierte Choreographie, rollen fix das mitgebrachte Transparent aus, posieren für die umstehenden Fotografen und lächeln in die Kameras. Nach zwei Minuten ist alles wieder vorbei.

Kim Sang-jo, Professor für internationalen Handel an der Seouler Hansung Universität, glaubt zu wissen, warum vor allem junge Koreaner dem G-20-Hype verfallen. "Die verstehen gar nicht, worum es bei G20 geht", sagt er. Ob jung oder alt, für ihn ist klar, ein sehr großer Teil der Bevölkerung ist von der Propaganda der Regierung beeinflusst. Gegenpositionen würden nicht zugelassen, greift er den Präsidenten und die regierende Grand National Party an. An der Scheineinigkeit seien auch die Medien mit schuld. "Über Opposition zum Gipfel wird kaum berichtet", ärgert er sich. Bei so viel Harmonie macht sich auch Kim Gedanken um das "Nation Branding". "Auf Ausländer muss diese Gesellschaft merkwürdig wirken. Offiziell gibt es nur eine Meinung. Das hat außerhalb des Landes einen schädigenden Effekt für die Marke Korea."

Ganz so einig sind sich die Koreaner dann allerdings doch nicht.

Zwar hat die größte Gewerkschaft des Landes, die Federation of Korean Trade Unions, im Vorfeld angekündigt, auf Proteste und Demonstrationen gegen den Gipfel zu verzichten. Die zweitgrößte Gewerkschaft, die Korean Confederation of Trade Unions, aber hat am 8. November ihre erste Protestkundgebung auf dem Platz vor dem Seouler Rathaus abgehalten. Umringt von mehreren Tausend Polizisten und unter den Augen von G-20-Botschafterin Kim Yu-na, die überlebensgroß von einem riesigen Plakat auf Zehntausende Protestanten herablächelte.

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Giruvegan 10.11.2010
1. .
Oha, also nur lächeln und den "Fremden" schüchtern ein 'hello' entgegenhauchen? Ist das jetzt Nord- oder Südkorea? Und für die letzten Rationalen, die sich dieser Propaganda der Wirtschaftsextremisten entziehen und protestieren, gibts die in Südkorea üblichen Knüppelgelage der hiesigen Polizei. Zur Abwechslung vielleicht mal eine interessantere Betrachtung des Geschehens: http://de.indymedia.org/2010/11/293941.shtml und http://www.demotix.com/news/499981/first-big-rally-against-upcoming-g20-summit
elbröwer 10.11.2010
2. Verwunderung
"G20 hat eine treue Fangemeinde in Korea" Sie sind wirklich anders die Koreaner. Dort wird nur gelabert, blockiert, das Blaue vom Himmel versprochen jedoch nichts eingehalten. Außer Spesen und dem Bankett nichts gewesen und die Koreaner finden es toll. Vielleicht liegts an den Genen, Milch oder Alkohol vertragen die wohl auch nicht so gut.
säsch 10.11.2010
3. falsche Ansichten
Zitat von GiruveganOha, also nur lächeln und den "Fremden" schüchtern ein 'hello' entgegenhauchen? Ist das jetzt Nord- oder Südkorea? Und für die letzten Rationalen, die sich dieser Propaganda der Wirtschaftsextremisten entziehen und protestieren, gibts die in Südkorea üblichen Knüppelgelage der hiesigen Polizei. Zur Abwechslung vielleicht mal eine interessantere Betrachtung des Geschehens: http://de.indymedia.org/2010/11/293941.shtml und http://www.demotix.com/news/499981/first-big-rally-against-upcoming-g20-summit
säsch 10.11.2010
4. stolze Koreaner
Ich lebe seit nun knapp 2 Jahren in Seoul und will hier mal einige Sachen klar stellen. Die populistischen und schlichtweg falschen Aussagen von "Giruvegan" kann man nicht unkommentiert so stehen lassen. Eins ist Fakt. Um den G20 Gipfel wird viel Hype betrieben und viele Koreaner denken auch, dass es ein wenig übertrieben ist. Doch aus eigener Erfahrung weiß ich um die Zustimmung und Freude von mindestens 95% der Koreaner auf diese Event. Und die "Smilie Korea - Smile Seoul" Kampagne gab es auch schon vor 2 Jahren als ich hier angekommen bin. Außerdem sind Koreaner an sich mehr als freundlich und zuvorkommend, da hätte es eine solche Kampagne nicht gebraucht. Es liegt an der koreanischen Mentalität, dass ein solcher Hype veranstaltet wird. Koreaner fühlen sich von der restlicen Welt nicht genug wahrgenommen und wollen nun zeigen was für ein tolles Land sie sind. Und das können sie mit Fug und Recht auch behaupten. Auch die zwei aufgeführten links von "Giruvegan" sind einfach einseitig betrachtet. Bei jeder Demonstration in Korea sind extrem viele Polizisten anwesend. Auch bei den Demos gegen Nordkorea sind viele Polizisten im Einsatz und es kommt regelmäßig zu Ausschreitungen. Und das liegt nicht daran, weil die Regierung mit Hilfe der Polizei die Meinung nicht zulassen will, sondern an der Eigendynamik dieser Demonstrationen. Die Koreaner sind alle sehr respektvoll im Umgang miteinander und es verbietet sich allein schon aus kulturellen Gründen Menschen einfach so Schaden zuzufügen. Es kann meiner Meinung nach einfach nicht sein, dass Leute hier Sachen kommentieren und schlecht machen, von denen sie keine Ahnung haben. "Giruvegan" ist bestimmt auch gegen Stuttgart 21 und kommt nicht aus der Gegend bzw. hat keine Ahnung über die genauen Fakten.
habnichviel 10.11.2010
5. G-20 Gipfel und die Südkoreaner
Apropos Koreaner, da möchte ich mal was zu sagen. Jedes Jahr fliege ich im Winter auf die Philippinen für mindestens 3 Monate. Habe dort ein paar kleine Immobilien vermarktet und kann dann dort ein sogenanntes bescheidenes zweites Leben leben. All die Jahre domimierten dort als Ausländer die Amis und die Aussies. Seit 3Jahren aber werden die Philippinen von Südkoreanern regelrecht überrannt. Die gründen dort viele kleine Existenzen und da die Philippinen ein englischsprechendes Land sind, müssen die dort englisch sprechen. Und da beginnt für sie eine enorme Herausforderung. Da sprießen Englisch-Sprachschulen aus dem Boden wie bei uns im Frühjahr die Tulpen. Da könnte sogar ich als 72-jähriger noch den Englischlehrer machen. Ich habe mir nun schon seit den Jahren den Kopf zerbrochen, warum die Koreaner solche enormen Probleme mit Englisch haben. Ich glaube das liegt daran. das diese Menschen aus ihrem Land bis Anfang des 2.Jahrtausends nicht herausgekommen sind und erleben jetzt die Vielfältigkeit der Welt. Natürlich sind schon Millionen von Koreanern im 19.Jahrhundert wegen Hunger nach Amerika emigriert, aber das hatten wir auch in Europa. Jetzt haben die Südkoreaner begriffen, das die Globalisierung für sie eine große Chance bietet, der man sich aber weltweit stellen muß und nicht nur im Mutterland hocken und produzieren. Besonders fällt auf, das viele der Koreaner auf den Philippinen aus der unteren Mittelschicht kommen, ein Segen für 3.Weltländer wie die Philippinen. Das Geld wird nicht mit der Gießkanne über den Philippinen ausgegossen, wie früher bei den Amis. Man zeigt den Leuten wie hart Geld verdient wird. Und so profitiere auch ich mit meinen bescheidenen Einnahmen, davon. Kann sogar einen neuen kleinen Koreaner fahren und in einer Sonderwirtschaftszone im Hotel leben, weil meine Immobilien bewohnt sind. Unvorstellbar in West-Euroland. Die Koreaner machen vor, wie man ein Land wie die Philippinen mitziehen kann und dann natürlich im Verbund mit China, die das Land mit Ware zuwerfen und dann die China-Ware noch billiger als bei uns verkaufen. Es ist klar das die Koreaner im Moment ein anderes Verhältnis zur Globalisierung haben als wir. Die sind halt mehr positiv davon betroffen. Für die gehts aufwärt für alle. Bei uns gehts abwärts für viele, besonders in den USA. Und das ist zwangsläufig, wenn man über seine Verhältnisse lebt.
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