G-8-Gewalt "Ich wusste lange nicht, ob meine Tochter noch lebt"

Nach der Gewalt beim G-8-Gipfel wächst die Kritik an der italienischen Polizei. Die Grünen wollen die brutalen Übergriffe von beiden Seiten jetzt international untersuchen lassen. Derzeit sind noch 68 deutsche Demonstranten in Haft - ohne mit Anwälten sprechen zu dürfen. Einige werden vermisst, ein Berliner schwebt noch in Lebensgefahr.

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In der Schule wurden alle Protestler festgenommen - bisher ohne Begründung
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In der Schule wurden alle Protestler festgenommen - bisher ohne Begründung

Berlin/Genua - Bodo Zeuner hing den ganzen Tag am Telefon. Alle hat der Politikprofessor vom Otto-Suhr-Institut in Berlin schon angerufen: die italienische Botschaft in Deutschland, die Polizei in Genua, das Auswärtige Amt, das Bundeskriminalamt (BKA) und danach alle wieder von vorn. Erst am Dienstag bekam er Ruhe - nach weiteren Telefonaten. "Ich wusste lange nicht, ob meine Tochter noch lebt", sagt er.

Wo seine Tochter Katharina gerade ist, scheint jetzt geklärt zu sein. Das Generalkonsulat in Mailand teilte ihm mit, sie sei im Gefängnis. Weitere Informationen jedoch konnte Zeuner nicht bekommen und wurde wie an den Tagen zuvor abgewimmelt. "Sie halten uns hier nur von der Arbeit ab", hatte ein Polizeibeamter zu dem Professor gesagt und ihm geraten, doch einfach morgen noch mal anzurufen.

Mit seiner Ratlosigkeit ist Bodo Zeuner nicht allein. Wie ihm geht es am Dienstag allen Angehörigen jener 68 Personen, die nach Angaben des Auswärtigen Amts (AA) in Genua festgenommen wurden.

Festnahmen auch noch am Montag

Das AA teilte mit, dass es sich bei zehn Personen offenbar um Gewalttäter handele, einige weitere seien noch am Montag festgenommen worden, als sie versuchten, Italien in Richtung Deutschland zu verlassen. Daneben seien 42 Deutsche bei der Razzia im Zentrum der Gipfelgegner in der Nacht von Samstag auf Sonntag festgenommen worden.

Wie mit den Festgenommen weiter verfahren werden soll, war hingegen unklar. Das AA habe Mitarbeiter abgestellt, um den Angehörigen zu helfen, und beim Generalkonsulat gebe es jetzt eine Sonderbeauftragte, hieß es. "Ich hatte bei den italienischen Behörden das Gefühl einer Mischung aus Chaos und Willkür", sagte der Vater von Katharina Zeuner.

Doch nicht nur die Informationspolitik der italienischen Behörden erscheint fragwürdig. Auch das Einsatzkonzept der italienischen Polizei gerät immer stärker in die Kritik. Am Dienstag debattierte auch das italienische Parlament über seine Sicherheitskräfte. Während vor dem Gebäude mehrere hundert Menschen "Polizisten sind Mörder" skandierten, verteidigte der Innenminister Claudio Scajola die tödlichen Schüsse auf den Genueser Carlo Giuliani als berechtigte Notwehr des Polizisten. Der Beamte habe sich selbst verteidigt, um nicht gelyncht zu werden, sagte er, und seine Regierung stellte sich hinter ihn.

Nicht nur der Tod des Demonstranten soll jetzt untersucht werden
REUTERS

Nicht nur der Tod des Demonstranten soll jetzt untersucht werden

Dabei sind es nicht nur die tödlichen Polizeikugeln, die Fragen aufwerfen. Die Grünen forderten am Dienstag eine internationale Untersuchungskommission, welche die Ausschreitungen in Genua unter die Lupe nehmen soll - auf beiden Seiten der Barrikaden. Die Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele und Cem Özdemir meinten, dass nach die Eskalation der Gewalt durch die Polizeitaktik geradezu heraufbeschworen worden sei. Beide betonten, dass diese Maßnahmen "keineswegs eine inneritalienische Angelegenheit" seien.

Deckte die Polizei den "schwarzen Block"?

Auch die von den Organisatoren erhobenen Vorwürfe über eine angebliche Kooperationen zwischen den Gewalttätern des schwarzen Blocks und der Polizei erscheinen nicht mehr völlig abwegig. Italienische Zeitungen veröffentlichten am Dienstag Fotos von Vermummten, die bewaffnet aus einer Polizeiwache kommen. Auch berichten Augenzeugen von Autonomen, die sich unter den Augen der Polizei bewaffneten.

Vermummte Chaoten wie dieser verwüsteten ganze Stadtviertel - offenbar ohne von der Polizei gehindert zu werden
REUTERS

Vermummte Chaoten wie dieser verwüsteten ganze Stadtviertel - offenbar ohne von der Polizei gehindert zu werden

Und auch viele friedliche Demonstranten beschrieben die Polizeitaktik als merkwürdig. "Der Schwarze Block agierte fast ungestört", beobachtete ein Berliner Demonstrant, "während wir mit roher Gewalt vertrieben wurden". Solche Zeugenaussagen liegen nach Angaben der Protestorganisatoren dutzendweise vor. Das Material wird nun gesammelt und der Staatsanwaltschaft übergeben.

Kritik an der Blitzattacke auf die Schule

Derartige Verschwörungstheorien sind für den Berliner Bundestagsabgeordneten Ströbele nichts Neues. Fast jedes Jahr hört er solche Gerüchte und Andeutungen nach den traditionellen Krawallen zum 1. Mai in der Hauptstadt. Bisher jedoch ließ es sich in Berlin zumindest nicht beweisen.

Viel mehr jedoch hat den gelernten Juristen der "Blitzangriff" auf die Schule "Diaz" ergriffen, in der zahlreiche Demonstranten im Schlaf von einer Sondereinheit der Polizei angegriffen wurden. Am Mittwoch will Ströbele nach Genua reisen und versuchen, mit den noch Inhaftierten und Verletzten in den Krankenhäusern zu sprechen. Bisher haben die italienischen Behörden den jungen Leuten, die sie wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung festgenommen hatten, den Zugang zu ihren Anwälten verweigert. "Fest steht bisher nur, dass die gesamte Aktion rechtswidrig war, da noch nicht mal eine Durchsuchungsbeschluss vorlag", sagte die Berliner Rechtsanwältin Eva Lindemeyer zu SPIEGEL ONLINE. Die Juristin vertritt die Berliner Inhaftierten.

"Ich hörte nur noch Schreie aus der Schule"

Kaum einer der Aktivisten kam ohne Blessuren davon
AFP

Kaum einer der Aktivisten kam ohne Blessuren davon

Am Dienstag äußerten sich Augenzeugen der umstrittenen Polizeiaktion und bestätigten vorherige Berichte über den Polizeieinsatz. "Aus dem Haus kam niemand unverletzt raus", beschrieb der freie Journalist Ingo Keil seine Eindrücke. Die Polizisten hätten auf alle eingeschlagen, obwohl sie sich bereits auf den Boden gelegt hatten und sich nicht wehrten. "Ich hörte nur noch Schreie, von Menschen die geschlagen werden", sagte ein weitere Berliner, der sich auf dem Dach versteckt hatte.

Bei der Polizeiaktion ist ein Aktivist aus Berlin so schwer verletzt worden, dass er zwei Tage im Koma lag. Der Schwester des 21-Jährigen verweigerte die Polizei am Dienstag jedoch einen Besuch im Krankenhaus in Genua. "Ihnen wurde nur gesagt, er sei aus dem Koma erwacht, aber die Situation ist weiter lebensbedrohlich", sagte der Vater des Verletzten zu SPIEGEL ONLINE. Nach Angaben der Ärzte hat der junge Mann ein einen Bluterguss unter der Schädeldecke. Die Einreisegenehmigung für die Schwester hatte das Auswärtige Amt organisiert. "Die Italiener interessierte das offenbar nicht", so der Vater des Verletzten weiter.

Auch noch eine Journalistin in Haft

Nach Angaben einer Mitarbeiterin des Ermittlungsausschusses in Berlin sitzen in Genua noch insgesamt 40 Deutsche in Haft oder liegen im Krankenhaus. Der Ausschuss versucht, den Angehörigen Rechtsbeistand zu bieten und Informationen zu sammeln.

Die Verletzungen der Frau zeugen von der Brutalität der Polizei
AFP

Die Verletzungen der Frau zeugen von der Brutalität der Polizei

Auch die Journalistin der Zeitung "Junge Welt" sitzt weiter in einem Gefängnis, auch ihr wurde trotz gültiger Akkreditierung der Kontakt zu einem Anwalt verweigert. Die 33-jährige Kirsten Wagenschein hatte für die Zeitung vom Gipfel berichtet und war zur Zeit der Polizeiaktion ebenfalls in der Schule.

Die Polizei in Italien bleibt dabei, dass in der Schule Autonome einen neuen Angriff auf den Gipfel vorbereiteten. Als Beweis hatten die Sicherheitsbehörden am Montag angebliche Waffen wie Stahlstangen und Holzlatten vorgeführt. Für die Augenzeugen ein Hohn, da nach ihren Aussagen das Haus gerade renoviert wird. "Dass dort auch Ziegelsteine und anderes waffenfähiges Material herumliegt, ist wohl klar", sagte der freie Journalist Ingo Keil, der die Aktion beobachtet hatte.

Berichte über Misshandlungen

Angeblich sollen am Mittwoch die ersten Haftprüfungen stattfinden. Über den Zustand der Inhaftierten gibt es jedoch nur Spekulationen, ebenso über die Haftbedingungen. Augenzeugen, die nur für einige Stunden in Haft waren, berichteten am Dienstag in Berlin über stundenlange Verhöre, zuvor hatten sie sich ausziehen müssen.

An der Wand der Polizeiwache hätten Nazi-Symbole gehangen, berichtete der freie Journalist Michael Zimmer. Die Polizisten hätten dabei absichtlich ihre Dienstnummern verborgen, sagte er. An seinem Verdruss über solche Zustände in einer europäischen Demokratie ließ der Reporter keinen Zweifel: "So wie dort hatte ich mir immer die Diktatur im Chile der siebziger Jahre vorgestellt."



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