G-8-Gipfel in Deauville Sarkozy macht Urlaub vom Ungemach

Der G-8-Gipfel in Deauville hatte weltpolitisch kaum Bedeutung, doch für Nicolas Sarkozy war das Treffen ein Glücksfall. Frankreichs Staatschef konnte Urlaub vom innenpolitischen Kleinklein und pikanten Affären nehmen - und sich endlich mal wieder als jovialer Staatsmann inszenieren.

REUTERS

Aus Deauville berichtet


Zwei Tage, um die Welt in Ordnung zu bringen. Zumindest vorläufig. Der G-8-Gipfel in Deauville markierte nicht gerade einen historischen Höhepunkt im Dauerreigen internationaler Treffen und Tagungen. Während der "bewusst informell" gehaltenen Zusammenkunft an der normannischen Küste wühlten sich die acht wichtigsten Staats- und Regierungschefs wacker durch die aktuellen Krisenthemen - von der Atomkraftfrage bis zur künftigen Zusammenarbeit mit Afrika - es war ein Arbeitstreffen, bei dem dicke Akten gewälzt und kleine Kompromisse erzielt wurden.

Überraschungen gab es keine: Die 40 Milliarden Dollar Treibstoff für den "arabischen Frühling" in Ägypten und Tunesien waren ebenso erwartbar wie die gemeinsame Rücktrittsforderung an den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi. Immerhin einigten sich die Industrieländer unisono auf eine Drohgebärde gegen Syriens Diktator Baschar al-Assad und zeigten sich wohlmeinend und harmonisch in der pädagogisch wertvollen Adresse an die Entwicklungsländer, dass "Demokratie der beste Weg zu Frieden und Wohlstand" sei.

Friede, Freude, Eierkuchen: Bevor die G-8-Führer zum gegenseitigen Schulterklopfen beim Erinnerungsfoto antraten, waren jegliche Differenzen, etwa Russlands abweichende Haltung zu Libyen und Syrien, in wachsweichen Formulierungen versenkt, zwischen Deauvilles Casino und der berühmten Strandpromenade herrschte "breite Übereinstimmung in allen wichtigen Fragen", dazu passt auch der medienwirksam verabredete gemeinsame Besuch von Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy und dem britischen Premier David Cameron bei den Rebellen im libyschen Bengasi.

Nein, weltbewegend waren die Beschlüsse des Deauville-Gipfels nicht, so nahm es kaum Wunder, dass die G-8-Themen beinahe vom Programm der First Ladys zu Aids und Analphabetismus übertönt wurden - zumal der Auftritt der Politikergattinnen rund um die jetzt auch offiziell schwangere Carla Bruni-Sarkozy mindestens genauso detailliert kommentiert wurde wie die Abschlusserklärung der Männer.

Gastgeber im Glück

So nützte das Treffen in der Normandie vor allem dem Gastgeber: Nicolas Sarkozy konnte sich - zumindest im übertragenen Sinne - mal wieder auf Augenhöhe mit den Großen der Welt präsentieren, das gab dem Präsidenten die willkommene Gelegenheit, über sich hinauszuwachsen. Händeschütteln mit Barack Obama und Dmitrij Medwedew, Küsschen für Kanzlerin Angela Merkel, Witzeln mit Silvio Berlusconi - Sarkozy mimte den international gewieften Diplomaten und ließ dabei die Petitessen des politischen Alltags hinter sich.

Dabei gibt es derlei reichlich: Die wachsende Besorgnis wegen der ausscherenden Zentrumsfraktion im Regierungsbündnis, die sich an diesem Wochenende als "Konföderation der Mitte" etablieren will? Abwarten.

Schuldenberg und Haushaltsloch? Kein Thema.

Erst recht vergessen war - für 48 Stunden - die peinliche Debatte um Radarfallen, die im Lauf der vergangenen Woche den Innenminister gegen den Premier aufbrachte und in der konservativen Fraktion für eine wahre Fronde verärgerter Parlamentarier sorgte. Schluss, aus, Ende der Debatte: Sarkozy sonnt sich zurzeit im Glanz präsidialer Grandezza.

Anlass dazu bietet ihm freilich nicht nur ein zweitägiges G-8-Treffen, sondern allgemein die für ihn günstige Konstellation politischer Konflikte, allen voran die Nordafrika-Krise, in deren Mitte er als Lenker internationaler Geschicke auftreten konnte. Dazu kommt ein ordentliches Wirtschaftswachstum im Inland, das vom Elysée-Palast bereits als Anfang eines neuen Aufbruchs gewertet wird. Und schließlich gehen sogar, wenn auch nur in geringem Maße, die offiziellen Arbeitslosenzahlen in Frankreich zurück.

Stillschweigen zur DSK-Affäre

Sarkozy surft aber auch deshalb auf einer Welle der Selbstzufriedenheit, weil die Opposition durch den Donnerschlag der DSK-Affäre desavouiert und entmutigt ist. Der Sexskandal um den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) Dominique Strauss-Kahn, zugleich designierter Präsidentschaftskandidat der sozialistischen Partei (PS) hat Sarkozys politische Gegner geradezu überwältigt. Tag für Tag füllen neue Details der Affäre, angesiedelt zwischen griechischer Tragödie und amerikanischer Seifenoper, die Zeitungen und Fernsehnachrichten und färben auf das Renommee der Sozialisten ab.

Sorgte schon Strauss-Kahns IWF-Spitzenjob bei den Parteilinken für Unruhe, weil sich der Kandidat für die Präsidentenwahl damit als Vertreter des kapitalistischen Systems geoutet hatte, so verunsichern die Umstände des New Yorker Prozesses sogar treue Gefolgsleute des Sozialisten: Ein unter Anklage stehender PS-Promi, frei auf Kaution, der sich eine überwachte Stadtresidenz zu monatlich 50.000 Dollar leisten kann, das wirft kein gutes Licht auf eine Partei, die sich traditionell als Interessenvertretung der einfachen Leute versteht: Vier Schlafzimmer mit Bad, Luxusküche, Whirlpool, privatem Kinosaal - da räumte selbst PS-Sprecher Benoît Hamon ein, dass so viel Reichtum "Millionen Franzosen schockieren könnte."

Angesichts derartiger Oppositionsnöte konnte Sarkozy lange auf jeden Kommentar verzichten. Als sich der Staatschef am Freitag dann endlich zum Fall DSK äußerte, waren seine Einlassungen staatsmännisch getragen: "Eine triste Affäre" sei die ganze Sache, erforderlich seien nun "Würde und ein abgeklärter Blick". Mehr noch: "Als Staatschef, glaube ich, kann ich keine Partei ergreifen." So viel Zurückhaltung bei einem Politiker, der sonst keine Gelegenheit für eine verbale Volte vorbeiziehen lässt - reine Strategie. "Vor allem darf man die Öffentlichkeit nicht von dem Spektakel ablenken, das die Linke derzeit bietet", zitiert der konservative "Figaro" einen Elysée-Berater.

Sexskandal, jetzt auch von rechts

Tatsächlich ist Vorsicht geboten. Denn trotz der Affäre um Strauss-Kahn hat es noch keinen entscheidenden Stimmungswechsel für Sarkozy gegeben. Das Imageproblem der Linken schlägt sich nicht automatisch als Sympathiezuwachs bei den Rechten nieder. Für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr wünschen derzeit 63 Prozent der Franzosen, dass Sarkozy nicht wiedergewählt wird, ergab eine Umfrage des Ipsos-Instituts. "Er muss völlig mit dem eigenen Image brechen", so der Politologe Stéphane Rozès.

Die präsidiale Distanz zur DSK-Affäre hat vermutlich aber noch einen ganz anderen Grund. Denn auch die Regierung hat derweil einen mutmaßlichen Sexskandal: Gegen einen Staatssekretär für Öffentlichen Dienst wurde am Montag Klage wegen sexueller Belästigung erhoben. Zwei Mitarbeiterinnen des Mannes gaben zu Protokoll, dass die Fußmassagen, die der Politiker und Amateur-Reflexologe ihnen verabreicht hätte, bisweilen in sexuellen Übergriffen geendet hätten.

Der Betroffene dementiert die Anschuldigungen als haltlos und hat seinerseits Verleumdungsklage erhoben. Vom Elysée kam hierzu bislang keine Stellungnahme. Und, wen wundert's, auch am schönen, sonnenverwöhnten Strand von Deauville blieb alles ruhig.



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seine-et-marnais 28.05.2011
1. Abgelutschte Show vor leerem Saal
Zitat von sysopDer G-8-Gipfel in Deauville hatte weltpolitisch kaum Bedeutung, doch für Nicolas Sarkozy*war das Treffen ein Glücksfall. Frankreichs Staatschef konnte Urlaub vom innenpolitischen Kleinklein und pikanten Affären nehmen - und sich endlich mal wieder als jovialer Staatsmann inszenieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765426,00.html
Stell Dir vor da ist ein Gipfel den kein Aas interessiert, und er wird Vater, na und? Davon kann sich auch niemand was kaufen. Interessanter ist da schon was in Barcelona passiert.
aronsperber 28.05.2011
2. Immer gegen Sarko
Man stelle sich vor, man hätte Sarkozy und nicht DSK in einer ähnlichen Sitation erwischt. http://americanviewer.wordpress.com/2011/05/18/dks-und-repulsion-vs-bunga-bunga/ was für ein Triumphgeheul im "progresiven, aufgeklärten Teil der Medien" hätte das gegeben
seine-et-marnais 28.05.2011
3. Das bleibt ihrer Phantasie ueberlassen
Zitat von aronsperberMan stelle sich vor, man hätte Sarkozy und nicht DSK in einer ähnlichen Sitation erwischt. http://americanviewer.wordpress.com/2011/05/18/dks-und-repulsion-vs-bunga-bunga/ was für ein Triumphgeheul im "progresiven, aufgeklärten Teil der Medien" hätte das gegeben
Links (DSK) attackiert man den Mund, Rechts (Tron) die Fuesse, und dabei ist Sarko etwas rechts von Tron.
forumgehts? 28.05.2011
4. Le petit Nic
Zitat von sysopDer G-8-Gipfel in Deauville hatte weltpolitisch kaum Bedeutung, doch für Nicolas Sarkozy*war das Treffen ein Glücksfall. Frankreichs Staatschef konnte Urlaub vom innenpolitischen Kleinklein und pikanten Affären nehmen - und sich endlich mal wieder als jovialer Staatsmann inszenieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765426,00.html
Wenn sich ein Politiker von Inszenierungen etwas verspricht, ist er tatsächlich naiv. Inszenierungen sind Eintagsfliegen - solange es noch keine Halbtagtsfliegen gibt.
hans a. plast 28.05.2011
5. aber auf jeden Fall...............................
Zitat von sysopDer G-8-Gipfel in Deauville hatte weltpolitisch kaum Bedeutung, doch für Nicolas Sarkozy*war das Treffen ein Glücksfall. Frankreichs Staatschef konnte Urlaub vom innenpolitischen Kleinklein und pikanten Affären nehmen - und sich endlich mal wieder als jovialer Staatsmann inszenieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765426,00.html
-------------- sorgt Sarkozy immer fuer sehr heitere Bilder, gestern neben Obama oder den Gaesten aus Tunesien und Nordafrika, seine Auftritte brauchen keine Kommentare! MfG
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