G20-Staatschefs unter sich "Bei Konflikten wird es schon sehr intensiv"

Julia Gillard, Ex-Premier von Australien, ist G20-Veteranin. Sie war mit Putin, Merkel und Berlusconi in der Leaders' Lounge und weiß, wie G20-Politik abseits der inszenierten Fototermine gemacht wird.

Gillard 2012 beim G20-Gipfel in Los Cabos, Mexiko: "Was mir nicht fehlt, ist die Härte der Politik"
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Gillard 2012 beim G20-Gipfel in Los Cabos, Mexiko: "Was mir nicht fehlt, ist die Härte der Politik"


Zur Person
  • Chris Grodotzki/ jib collective
    Julia Gillard, 55, war bis 2013 Regierungschefin und hat drei G20-Gipfel miterlebt. Sie kennt das Defilee vor den Kameras - und die Gespräche hinter verschlossenen Türen mit Regierungschefs.

SPIEGEL ONLINE: Frau Gillard, es gibt ein Familienfoto, die Staats- und Regierungschefs gehen ins Konzert. Das sehen die Menschen im Fernsehen. Aber wie muss man sich die eigentliche Arbeit vorstellen?

Gillard: Ein G20-Gipfel ist das Ergebnis monatelanger Vorbereitungen. Die Sherpas haben hart gearbeitet, und die aktuellen weltpolitischen Entwicklungen spielen eine Rolle. Diesmal wird es sicher um Nordkorea und die neue Rakete gehen, die in den vergangenen Tagen abgefeuert wurde. Das gute an G20-Treffen ist, dass die Staats- und Regierungschefs sich auch mit den langfristigen Fragen befassen, die das Gesicht der Welt verändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es, als Regierungschefin dabei zu sein?

Gillard: Was die Menschen sehen, sind ein paar Fernsehbilder, Handschlag oder Küsschen zur Begrüßung, das Gruppenfoto. Was man nicht sieht: Es werden sehr intensive bilaterale Gespräche geführt, der Kalender ist randvoll vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Jeder versucht, möglichst viele wichtige Themen für sein Land mit möglichst vielen anderen Regierungschefs zu besprechen. Es ist eine intensive Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel ist vorher abgemacht, wie viel passiert spontan?

Gillard: Formelle bilaterale Treffen werden vorbereitet, aber es gibt Platz für spontane Gespräche: Alle kommen in einer Leaders' Lounge an - schön dem Protokoll folgend, der Wichtigste als Letztes. Da kann es freundlichen Small Talk geben, aber durchaus auch Substanzielles - vor allem wenn es etwas gibt, das man mit einem anderen dringend persönlich besprechen möchte.

SPIEGEL ONLINE: Wird es da auch laut?

Gillard: Als ich dabei war, wurde es nie laut. Die Mächtigen können in diesen Momenten sehr normal miteinander umgehen. In den Lounges ist die Atmosphäre vergleichsweise locker. In den Meetings der Tagesordnung und in den Vieraugengesprächen hängt der Grad der Anspannung sehr stark vom Thema ab. In vielen Angelegenheiten sind sich die G20 ohnehin einig. Aber jeder Gipfel hat seine Themen, bei Konflikten wird es schon sehr intensiv.

Julia Gillard, Board Chair der Initiative Global Partnership for Education
Chris Grodotzki/ jib collective

Julia Gillard, Board Chair der Initiative Global Partnership for Education

SPIEGEL ONLINE: Fehlt Ihnen das jetzt?

Gillard: Als Regierungschefin hatte ich natürlich andere Möglichkeiten. Man erkennt ein Problem, bringt einen Prozess in Gang und Dinge verändern sich. Das hat mir gefallen. Ich war auch immer gern auf internationalen Zusammenkünften, sie sind anstrengend, aber es wird auch viel erreicht. Was mir überhaupt nicht fehlt, ist die Unbarmherzigkeit, die Härte der Politik. Es gibt keine einfachen Tage für Regierungschefs. Übergriffige Fragen zu Privat- und Familienleben vermisse ich auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Auf den Straßen gibt es viel Protest, Zehntausende kritisieren die G20 - und besonders einige Teilnehmer wie Erdogan, Putin und Trump - für ihre Weltpolitik.

Gillard: Der Gipfel in diesem Großformat ist 2009 entstanden als Reaktion auf die Finanzkrise. Die daraus folgende harte Sparpolitik hat vielen geschadet, und das führt zu Unmut, wie man ihn jetzt auch in Hamburg sieht. Jetzt, da die Krise gemeistert ist, schauen die G20 auch auf andere Themen. Es ist spannend dieses Jahr, wegen der neuen Akteure.


SPIEGEL ONLINE: Und Sie müssen machtlos zusehen.

Gillard: Jetzt bin ich Aktivistin, die Vorstandsvorsitzende der Global Partnership for Education. Unser Ziel ist es, mehr Kindern Zugang zu hochwertiger Bildung zu geben. Weltweit gehen 264 Millionen Kinder gar nicht in die Schule. Mehr als 100 Millionen Kinder sind zwar eingeschult, aber der Unterricht ist so schlecht, dass er nicht den Namen Bildung verdient. Ich setzte mich dafür ein, dass jedes Kind zur Schule gehen und lernen kann, egal, wo auf der Welt es aufwächst.

SPIEGEL ONLINE: Genügt ihnen das?

Gillard: Es ist was anderes, eine Mischung: Ich wäre mächtiger in der Regierung, und könnte direkt Geld für mehr Bildung ausgeben. Aber ich hätte nur sehr wenig Zeit, das Thema voll zu durchdringen und Schulen in aller Welt zu besuchen. Darum bin ich genau richtig hier, im Einsatz für mehr und bessere Bildung auf der Welt.



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