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G20-Gipfel: Das deutsch-russische Stimmungstief

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Gespräch in Brisbane Merkel verliert die Geduld mit Putin

Beim G20-Gipfel in Brisbane trifft die deutsche Kanzlerin den russischen Präsidenten - die Stimmung ist wegen der Ukraine auf einem Tiefpunkt. Deutlich wie nie wirft Merkel dem Kreml-Herrscher Putin Expansionsstreben vor.

Unterschiedlicher können Willkommensgrüße nicht ausfallen. Noch bevor Wladimir Putin überhaupt beim G20-Gipfel in Bisbane eintraf, sah er sich schon mit der Forderung nach einer Entschuldigung konfrontiert. Australiens Regierungschef Tony Abott hatte den russischen Präsidenten wegen des Absturzes des Flugzeugs MH17 hart angegangen. In der Maschine waren auch viele Australier ums Leben gekommen.

Angela Merkel dagegen avancierte unmittelbar nach ihrer Landung für einen kurzen Augenblick zum Star der australischen Medien. Wie es der Zufall will, liegt ihr Hotel in einer Kneipenmeile. Als Merkel dort am Freitagabend ankam, erkannten Passanten die deutsche Kanzlerin. Merkel posierte kurz für Selfies, die seitdem im Internet die Runde machen.

An diesem Samstagabend treffen sich Putin und Merkel im Hotel des russischen Präsidenten. Gegen 22 Uhr soll es losgehen, nach dem offiziellen Abendessen. Thema ist die Ukraine, mal wieder. Unter den Staats- und Regierungschefs der G20 gibt es kaum zwei Politiker, die sich so lange kennen wie die beiden. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den nächtlichen Treff. Doch es spricht wenig dafür, dass das Gespräch erfreulicher verlaufen wird als beim letzten Mal vor gut einem Monat in Mailand. Sie wolle sich einen "Eindruck verschaffen, wie der russische Präsident die Lage einschätzt", sagt Merkel vorsichtig. Mit Blick auf die Ukraine fügt sie hinzu: "Die Situation ist nicht zufriedenstellend."

Merkel verliert die Geduld mit Putin

Es ist es kurz vor 18 Uhr an diesem Samstag in Brisbane, eben hat Merkel mit Putin und den anderen G20-Staatschefs das obligatorische Familienfoto hinter sich gebracht. Jetzt steht sie in einem nüchternen Besprechungsraum vor den Kameras. Merkel will über die Themen reden, die ihr bei dem Gipfel wichtig sind, das geplante Freihandelsabkommen mit den USA und die Frage, wie die Weltwirtschaft belebt werden kann. Doch die Fragen drehen sich fast ausschließlich um ihren Treff mit Putin.

Die Kanzlerin, das ist nicht zu übersehen, verliert die Geduld mit dem russischen Präsidenten. Deutlich wie selten zuvor kritisiert sie das russische Expansionsstreben - über die Ukraine hinaus. Als sie auf die Kriegsschiffe angesprochen wird, die der Kreml-Herrscher rechtzeitig zum G20-Gipfel vor die australische Küste beordert hat, winkt Merkel ab. Die Schiffe seien nicht das Hauptproblem. "Der zentrale Punkt heißt: Wie geht es weiter mit dem Land Ukraine? Ich kann Moldawien hinzufügen, ich kann Georgien hinzufügen." Merkel sorgt sich um die Menschen in diesen Ländern, aber auch um die wirtschaftspolitischen Auswirkungen der Krise. "Geopolitische Spannungen sind nicht gerade wachstumsfördernd."

Die langjährige Beziehung Merkels mit Putin steht vor einem neuen Tief.

Darüber können auch die freundlichen Bilder nicht hinwegtäuschen, die die beiden am Samstagmorgen beim Betreten eines Konferenzsaals zeigen. Im Jahr 2000 trafen sie sich zum ersten Mal in Berlin, zwei Jahre später besuchte Merkel Putin als deutsche Oppositionsführerin im Kreml. Beider Biografien haben Berührungspunkte. Putin arbeitete für den KGB in der DDR, dem Land, in dem Merkel aufgewachsen ist. Eigentlich müsste das Merkel einen Startvorteil geben, wenn es darum geht, Putin zu verstehen.

Putin weiß, dass ihm vom Westen keine echte Gefahr droht

Doch inzwischen tut sich damit die Kanzlerin immer schwerer.

"Ich kann dort keinerlei Durchbruch erkennen", sagte sie nach dem letzten Treffen mit Putin, spätnachts am Rande des Europa-Asien-Gipfels in Mailand. Mehrere Stunden, bis halb zwei in der Nacht, hatten beide Mitte Oktober in der Ukraine-Frage gerungen. Das Gespräch sei "schwer, aber gut gewesen", sagte Putin. Vor dem Treffen hatte er Merkel mehrere Stunden warten lassen.

Der russische Präsident weiß, dass ihm vom Westen derzeit kaum Gefahr droht. Militärische Gewalt haben Merkel und die anderen westlichen Regierungschefs ausgeschlossen, ebenso die Unterstützung der Ukraine durch die Lieferung schwerer Waffen. Und auch wenn der scheidende EU-Ratspräsident Herman van Rompuy in Brisbane weitere Sanktionen androht, sind diese noch längst keine beschlossene Sache. Wenn sich am Montag die EU-Außenminister treffen, geht es bestenfalls um "die Listung weiterer Personen", wie Merkel sagt, also wohl um weitere Einschränkungen der Reisefreiheit oder der Konten für enge Gefolgsleute Putins.

Putin selbst will auch keine Verschlechterung in seiner Beziehung zur Kanzlerin erkennen. "Wir lassen uns von Interessen leiten, wie jede Regierung", sagte er in einem Interview vor Beginn des Gipfels. "Ich sehe deshalb keine wesentliche Veränderung in unserem Verhältnis."

Selbst die Kritik an der Entsendung von Kriegsschiffen vor die australische Küste ließ der Kreml-Herrscher vor seiner Ankunft in Australien noch schnell flapsig kontern, wie australische Zeitungen heute berichten. Die Kriegsschiffe würden ihre Reichweite testen für den Fall, dass sie in der Antarktis zum Klimawandel forschen müssten.

Angesichts solcher Argumente dämpft Merkel schon mal die Erwartungen an den nächtlichen Treff. "Ich verspreche mir keine qualitativen, plötzlichen Veränderungen", sagt sie.

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