Putin und Trump bei G20-Gipfel Du kannst mich mal gern haben

Witzeln über Russlands Einmischung in die US-Präsidentschaftswahl: Beim G20-Gipfel lächeln Wladimir Putin und Donald Trump alle Differenzen weg. Das kann kaum überdecken, wie schwierig das Verhältnis ihrer Länder ist.

Bitte lächeln: Russlands Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump in Osaka beim G20-Gipfel
MICHAEL KLIMENTYEV/ SPUTNIK/ KREMLIN/ EPA-EFE/ REX

Bitte lächeln: Russlands Präsident Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump in Osaka beim G20-Gipfel

Von , Moskau


Donald Trump begrüßt Wladimir Putin mit einem kräftigen Handschlag, als ob nichts gewesen sei. Die Festnahme 24 ukrainischer Marinesoldaten in der Meerenge von Kertsch, die Anklage gegen drei Russen im Fall der abgeschossenen Passagiermaschine MH17, die Veröffentlichung des Mueller-Reports zur russischen Einmischung in die US-Präsidentschaftswahl: Beim G20-Gipfel im japanischen Osaka wirken die Ereignisse der vergangenen Monate weit weg.

Wären da nicht die Rufe der US-Reporter, die wissen wollen, ob Trump Putin sagen werde, er solle sich nicht in die Abstimmung im kommenden Jahr einmischen. "Ja, natürlich", sagt Trump. Lächelnd wendet er sich demonstrativ an Putin: "Mischen Sie sich nicht in die Wahlen ein." Dann zeigt er sogar mit seinem Finger auf Putin und wiederholt. "Mischen Sie sich nicht in die Wahlen ein." Putin sitzt daneben und lächelt, dreht sich zu seiner Übersetzerin. Als er hört, was Trump gesagt hat, lacht er.

Es ist der große Auftritt zweier Präsidenten, die eines gemein haben: Sie tun die Vorwürfe der Wahleinmischung ab. Trump scherzt darüber, als wäre der russische Amtskollege sein Kumpel.

Vergessen scheint Trumps Affront beim vergangenen G20-Gipfel in Argentinien. Damals sagte er per Tweet das Treffen mit Putin ab, als dieser schon im Flugzeug auf dem Weg nach Buenos Aires saß.

In Osaka dauert das Gespräch der beiden fast eineinhalb Stunden. Auffällig ist, dass Trump es - anders als beim Gipfeltreffen der beiden in Helsinki im vergangenen Sommer - im Beisein einer großen Delegation führt: Sicherheitsberater John Bolton ist dabei, Außenminister Mike Pompeo, Trumps Tochter und Beraterin Ivanka Trump sowie Schwiegersohn Jared Kushner.

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Ergebnisse gibt es kaum, von amerikanischer Seite nur eine dünne Erklärung, die beiden Präsidenten hätten vereinbart, die Beziehungen der beiden Staaten zu verbessern, was nicht nur im Interesse der Länder, sondern auch der Welt sei. Man habe über die Lage in Iran, Syrien, Venezuela und der Ukraine gesprochen. Man wolle weiter über die Kontrolle von Waffen im 21. Jahrhundert reden, ein Prozess, in den laut Trump auch China einbezogen werden muss.

Putins Berater Jurij Uschakow verkündet später, man habe Trump zum 9. Mai 2020 nach Moskau eingeladen, dann wird der 75. Jahrestag des Sieges über Hitlerdeutschland gefeiert. Außenminister Sergej Lawrow nennt die Atmosphäre des Treffens "sehr gut und konstruktiv".

Dabei hatte Putin das Verhältnis zwischen den USA und Russland zuletzt als schlecht bezeichnet. Denn auch im Kreml kann man den wankelmütigen US-Präsidenten nicht einschätzen, der mal einen Militärschlag gegen Iran vorbereiten lässt, ihn dann doch absagt, um erneute Sanktionen zu verkünden. In Moskau beobachtet man dies mit großer Sorge. Ein Krieg mit Iran ist nicht im Interesse des Kreml, der seine Militärpräsenz in Syrien lieber früher als später reduzieren möchte.

Noch Anfang Juni auf dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg hatte Putin hart die Wirtschaftspolitik der USA verurteilt. Es gebe ein Risiko, dass ungezügelter "wirtschaftlicher Egoismus", der anderen Ländern mit Kraft aufgedrückt werde, zu mehr Konflikten in der Welt führe.

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Putins Botschaft an den Westen

Vor dem G20-Gipfel hörte sich das schon ganz anders an. Putin lobte Trump, bezeichnete ihn in einem Interview mit der "Financial Times" als eine "talentierte Person". Der US-Präsident wisse "sehr genau, was seine Wähler von ihm erwarten". Putin sagte aber auch, er akzeptiere viele Methoden nicht, mit denen Trump Probleme angehe.

In Osaka war davon nicht viel zu spüren - schon zu Beginn des Gipfels schritten die beiden zusammen plaudernd zum Gruppenbild der Vertreter der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, vorbei an Bundeskanzlerin Angela Merkel, dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der britischen Regierungschefin Theresa May und EU-Ratspräsident Donald Tusk.

Putin hatte ihnen zuvor eine Botschaft zukommen lassen: Im Interview mit der "Financial Times" erklärte er seine Sicht auf die Welt: Die "liberale Idee" habe ausgedient, sei "obsolet", so der Präsident. Als Beleg dafür führte er an, dass es im Westen Widerstand gegen Einwanderung, offene Grenzen und Multikulturalismus gebe. Dabei sprach Putin pauschal von "vielen Menschen", die verstanden hätten, dass der Multikulturalismus nicht effektiv sei und die Interessen der einheimischen Bevölkerung berücksichtigt werden müssten. Er behauptete gar, "Migranten können töten, plündern und ungestraft vergewaltigen".

Dabei blieb er nicht nur Belege schuldig, sondern verschwieg auch, dass es durchaus unterschiedliche Meinungen in den europäischen Ländern gibt - und es vor allem einen Konsens in der EU gebe, den Tusk so auf Twitter formulierte: "Wer immer behauptet, dass die liberale Demokratie überflüssig ist, der behauptet auch, dass Freiheiten überflüssig sind, dass die Rechtsstaatlichkeit überflüssig ist und dass Menschenrechte überflüssig sind." Die EU stehe fest hinter dieser Idee. Was er wirklich überflüssig finde, sagte Tusk, "sind Autoritarismus, Personenkult und die Herrschaft von Oligarchen".

Das darf man als Seitenhieb gegen Putin werten. Allerdings ist der fünf Jahre nach Annexion der Krim und Beginn des Krieges im Donbass präsenter denn je auf der Weltbühne: Er wird in Japan nach Trump zehn weitere Regierungschefs in Einzelgesprächen treffen, darunter auch Macron und Merkel.

Mitarbeit: Alexander Chernyshev

insgesamt 14 Beiträge
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SonstNichts 28.06.2019
1. Augenhöhe
Die beiden kommen schon klar. Augenhöhe halt. Dagegen spricht Trumps Kanzlerinnen-Lob Bände. Bände der Ironie.
Profdoc1 28.06.2019
2. Problematisch
Problematisch ist, dass es sich um zwei Charaktere handelt, die eben nicht den Blick auf demokratische Strukturen haben. Insoweit ähneln sie sich und deshalb mögen sie oerzeptiert miteinander 'umgehen' können. Inhaltlich sind bei in Bezug auf eine strukturierte internationale Politik bedenkenswerte Figuren. Tragisch!
qualidax 28.06.2019
3. Putin und Trump kann man nicht vergleichen!
Putin ist ein filigraner Stratege, spricht mehrere Sprachen, spielt virtuos auf der diplomatischen Klaviatur. Trump dagegen ist ein grober Klotz, definitiv kein Diplomat. Blöd ist er aber nicht, denn sonst kommt man nicht in diese Position ...
Darwins Affe 28.06.2019
4. Putins Missverständnis
1) Putin hat keine Ahnung von liberalen Ideen wie z.B. anti-kollektivistisch, anti-étatistisch, anti-planwirtschaftlerisch. 2) Putin verwechselt liberal mit einem schwachen Staat, der z.B. seine Gesetze nicht mehr durchsetzen kann, der seine Grenzen nicht mehr schützen kann, der Radikalinskis jeder Couleur jeglichen Freiraum gibt und sich (nicht nur) militärisch verteidigungsunfähig macht.
andregera 28.06.2019
5. Zumindest treffen sich beide
und unterhalten sich. Ist doch gut so. Bei den Kriegstreibern Obama und Hillary war das nicht der Fall. Gar nicht auszudenken was alles geschehen wäre, wenn diese rachelüsterne und intrigante Hillary Präsidentin geworden wäre. Es bleibt friedlich und was wollen wir denn mehr?
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