G7-Gipfel Schlossgeister von Elmau

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit: Nach lockerem Aufgalopp bestimmen das griechische Schuldendrama und der Konflikt mit Russland den ersten Tag des G7-Gipfels. Vor allem eine Frage macht die Runde ratlos: Was will Wladimir Putin?
Tsipras (l.) und Putin (im April in Moskau): Über sie wird in Elmau gesprochen

Tsipras (l.) und Putin (im April in Moskau): Über sie wird in Elmau gesprochen

Foto: Alexander Zemlianichenko/ dpa

Wladimir Putin und Alexis Tsipras sind die Phantom-Gäste dieses G7-Gipfels. Den einen, Russlands Präsidenten, haben sie vor einiger Zeit rausgeworfen aus ihrem Kreis. Der andere, Griechenlands Premier, ist Lichtjahre davon entfernt, jemals aufgenommen zu werden.

Und doch waren beide am ersten Gipfeltag immer mit im Raum. Tsipras und Putin sind die Schlossgeister von Elmau. Und sie sind keine guten Geister. Sie stören Angela Merkels Gipfelidyll.

Während die Runde bei Tsipras noch Hoffnung auf Besserung hat, machte sich in den Gesprächen über Putin Ratlosigkeit breit: Was treibt der Kreml-Chef für ein Spiel? Warum zündelt er weiter in der Ukraine? Was hat er vor? Es blieben am späten Sonntagabend viele Fragezeichen bei der Kanzlerin und ihren Gästen in Oberbayern.

Obama beklagt "russische Aggression"

Beim Abendessen tauschten sich die sieben Staatenlenker über die außenpolitischen Krisen der Welt aus. Der Ukraine-Konflikt und der Umgang mit Russland nahmen dabei den weitaus größten Teil ein, nachdem die Kämpfe zwischen pro-russischen Separatisten und der ukrainischen Armee im Osten des Landes unmittelbar vor dem Gipfel wieder aufgeflammt waren.

US-Präsident Barack Obama hatte am Vormittag den Ton angegeben und ein geschlossenes Auftreten gegen die "russische Aggression" gefordert. Tatsächlich zeigte sich die Runde ohne Risse. Die Sanktionspolitik soll fortgesetzt werden, solange Russland das Minsker Friedensabkommen nicht voll erfüllt. Ende Juni will die EU ihre Strafmaßnahmen bis Jahresende verlängern.

Zugleich ist ein Comeback Putins in der Elmau-Runde vorerst ausgeschlossen. Mit der Annexion der Krim und seiner "Einmischung" in den Konflikt in der Ostukraine habe Russland sich gegen die gemeinsamen Werte der G7 gestellt, betonte Merkel in der ARD. "Und deshalb ist - so weit wir das jetzt sehen - im Augenblick die Rückkehr von Russland nicht möglich."

Doch so einig man sich in der aktuellen Verurteilung des russischen Vorgehens ist, so ratlos ist man, wie es langfristig weitergehen soll. Über die Motive Putins wird gerätselt, man versuchte sich auch am Abend lange in einer Analyse des Präsidenten - ohne eine echte Strategie zu erkennen.

Dabei ist allen klar: Ohne Russland geht bei vielen anderen Problemen gar nichts. Die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm etwa wurden am Sonntagabend angesprochen. Oder der Krieg in Syrien. Der Kanzlerin kommt vor diesem Hintergrund eine besondere Rolle zu: Sie hat noch immer den besten Draht in den Kreml. Zur Einsicht bringen konnte aber auch sie Putin bisher nicht.

Merkel muss ihre Griechenland-Politik verteidigen

Die Frage nach dem guten Draht und der Einsicht stellt sich auch bei Alexis Tsipras. Die griechische Schuldenkrise ließ Merkel den ganzen ersten Gipfeltag nicht los. Der US-Präsident sprach die Kanzlerin im Vier-Augen-Gespräch darauf an, genauso der kanadische Premier Stephen Harper und sein japanischer Amtskollege Shinzo Abe. Die Nicht-Europäer im G7-Kreis wundern sich darüber, wie schwer sich die Eurozone tut, ihre Probleme in den Griff zu kriegen.

Die USA sind seit Langem der Meinung, dass die Europäer es mit der Sparsamkeit übertreiben und die Wirtschaft in Griechenland und anderen Krisenländern abwürgen. Nach seinem Treffen mit Merkel ließ Obama einen Sprecher in Washington erklären, man sei sich einig, dass Griechenland Reformen brauche. Zugleich hoffe der Präsident, dass die Europäer diesen Kurs einschlagen könnten, ohne Volatilität in den Finanzmärkten auszulösen. Kurz: Rauft euch zusammen, bevor wir alle drunter leiden!

Merkel sah sich gezwungen, ihre Politik zu verteidigen. "Wir konnten noch nicht sagen, dass das Problem gelöst ist. Sondern wir haben gesagt, dass wir mit Nachdruck und Hochdruck arbeiten", berichtete Merkel im ZDF aus der ersten Arbeitssitzung, in der es um die Weltwirtschaft ging.

Junckers Zorn auf Tsipras

Die Kanzlerin schilderte der Runde, wie sie sich gemeinsam mit Frankreichs Präsident François Hollande um eine Lösung des Streits um weitere Finanzhilfen für den von der Pleite bedrohten Staat bemüht. Dabei geht es um den Abschluss des laufenden Hilfsprogramms, das Ende Juni ausläuft. Griechenland hofft auf einen Kompromiss über sein Reformpaket, damit ausstehende Zahlungen von 7,2 Milliarden Euro fließen können. Merkel und Hollande wollen Tsipras schon am Mittwoch wieder treffen.

Auch Jean-Claude Juncker berichtete von seinen Gesprächen mit Ministerpräsident Tsipras. Der EU-Kommissionspräsident dürfte keine wohlwollenden Worte gefunden haben. Noch bevor das offizielle Gipfelprogramm gestartet war, hatte Juncker, eigentlich ein Verbündeter Griechenlands, seinem Ärger über Tsipras Luft gemacht, weil der ein Angebot der Gläubiger als "absurd" zurückgewiesen hatte. Juncker lehnte daraufhin öffentlich einen angeblichen Wunsch Tsipras' nach einem Telefonat ab.

In Elmau schlenderte Juncker ins Gespräch mit Obama vertieft zur ersten Sitzung. Möglicherweise musste er dabei gegenüber dem Präsidenten mal wieder Henry Kissinger widerlegen. Der frühere US-Außenminister soll einst spöttisch gefragt haben, unter welcher Telefonnummer dieses Europa eigentlich zu erreichen sei. Nach dem jüngsten Streit zwischen Tsipras und Juncker wirkt es, als würden in der EU selbst interne Telefonate nicht immer durchgestellt.

Video: So verlief der erste Gipfel-Tag

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