G8 in Deauville Gipfel langweilt seine Gegner

Stell Dir vor, es ist G8 und keiner geht hin: Für das Klassentreffen der Mächtigen im französischen Deauville interessieren sich kaum noch Globalisierungsgegner - Proteste bleiben aus. Attac und Co nehmen den Club der Acht nicht mehr ernst. 

DPA

Von Annika Joeres, Deauville


Einsam schwingt das bunte Banner im Wind. "G8 - Dégagez-vous" - "G8: Haut ab" - heißt es auf dem Plakat. Hundert Globalisierungskritiker entrollen das Stoffstück auf dem Kieselstrand von Le Havre, rund vierzig Kilometer von dem gleichzeitigen Abendessen der acht mächtigen Staatschefs im französischen Deauville entfernt. "Es ist recht leer am Strand", sagt Aurélie Trouvé, Vize-Chefin von attac Frankreich. Weder Straßenschlachten noch lautstarke Proteste begleiteten das diesjährige Klassentreffen der einstmals führenden Industrienationen.

Ihre geübten Kritiker, von Attac über Umweltschützer bis zu christlichen Pazifisten, haben zum ersten Mal die G8 und ihre martialischen Sicherheitsvorkehrungen einsam dastehen lassen. "Auf dem ägyptischen Tahrir-Platz und in Madrid zeigt sich gerade das Gewissen der Welt", sagt die 32-jährige Trouvé. Die kleine Strand-Demo sei nur eine "Aufwärmübung für wirklich wichtige Aktionen".

Umso realitätsfremder wirken die millionenschweren Sicherheitsvorkehrungen in Deauville. Mehr als 12.000 Polizisten sind in dem Badeort unterwegs. Sie reiten über menschenleere Strände, stehen vor geschlossenen Geschäften und riegeln Straßen ab, die niemand benutzen möchte.

Die Anwohner müssen stets Spezialausweise bei sich tragen, seit Tagen knattern unablässig Hubschrauber am blauen Himmel. Das alles für ein paar Anti-Atom-Aktivisten und grauhaarige Gewerkschafter in der Fußgängerzone. "Wir haben in Deutschland nicht einmal für das Gipfeltreffen mobilisiert", sagt Frauke Distelrath, Sprecherin von Attac in Deutschland.

Für die Globalisierungskritiker habe sich das Treffen der acht Staatschef überholt. "Wir konzentrieren uns auf die Kritik an den G20, die sind doch viel wichtiger", sagt Distelrath. Schließlich werde die weltweite Finanzpolitik auf der Ebene dieser 20 Staaten inklusive Indien und China verhandelt.

Überlebtes Königstreffen

Für die ehemals so bedeutenden Wirtschaftsmächte der G8 läutet für attac schon das Todesglöckchen. "Sie werden es nicht schaffen, ihre internen Brüche zu überwinden und weiter an Bedeutung verlieren", meint Distelrath.

Tatsächlich sind ist das bisherige Ergebnis des Treffens nahezu banal. Die acht Länder Deutschland, USA, Japan, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Italien und Russland wollen ihre Atomkraftwerke überprüfen - nach dem Super-GAU in Fukushima eine Selbstverständlichkeit.

Das ehemalige Königstreffen hat sich genauso überlebt wie die wutschäumenden Straßenschlachten dagegen. Der Anti-G-8-Gipfel im benachbarten Le Havre brachte am Wochenende nur 5000 Menschen auf die leer gefegten Straßen. Für die Globalisierungskritiker haben diese acht Staaten die weltweite Finanzkrise ausgelöst, die Sünder mit Steuergeldern gerettet und bis heute nichts dazu gelernt. Das Achter-Bündnis solle abgeschafft werden, skandierten sie.

Einzige Zwischenfälle: Teilnehmer haben laut Polizei eine Mülltonne vor dem Bahnhof angezündet und mit Bierflaschen die Scheiben eines Optikers beschädigt. "Tout ca pour ca?" (etwa: "Dafür der ganze Aufwand?") fragte sich auch die örtliche Presse. Schließlich wurden schon Wochen vorher Überwachungskameras installiert, Gefängniszellen für Widerspenstige frei gehalten und Polizisten aus ganz Frankreich zusammen gezogen. Aber keiner wollte widerspenstig sein.

Neuer Termin für Krawalle ist gesetzt

Dabei ist Frankreich der Musterschüler unter den demonstrierenden Völkern: Nahezu jedes Wochenende gehen Tausende Franzosen auf die Straße, wahlweise gegen schlechtes Schulessen, geringere Renten oder Radarfallen. Diesmal blieben die Fahnen im Schrank und die Trillerpfeifen stumm. Dabei war der G8-Gipfel bislang immer das jährliche Happening von Ökos, Pazifisten, Christen und einigen randalierenden Prostestierenden.

Bislang standen jedes Jahr den Hundertschaften Zehntausende Gegner gegenüber. In Genua kämpften 2001 Demonstranten erbittert mit der hoch gerüsteten Polizei, der 23-jährige Italiener Carlo Giuliani wurde erschossen, Hunderte Menschen verletzt.

Anfang November aber könnten Frankreichs Straßen-Revolutionäre noch einmal zeigen, was sie können - dann findet im südfranzösischen Cannes der G-20-Gipfel statt, das Treffen des wirklich mächtigen Staatenclubs. Dann werden auch Busse aus Deutschland anrollen, und schon jetzt trommeln Attac und Co. für Aktionen.

In dem mondänen Ort und seinen Nachbargemeinden werden Hunderttausende Protestierende aus aller Welt erwartet. Dann, so die Kritiker einstimmig, werde es wieder ernst.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
meisterraro 27.05.2011
1. Es ist ja auch schwer
Zitat: "Attac und Co nehmen den Club der Acht nicht mehr ernst." eine Veranstaltung ernst zu nehmen, bei dessen Zusammenkunft regelmäßig wenig herauskommt und wo sich die Mächtigen nur ritualhaft selbst zelebrieren. Dass einige wenige über das Geschehen in der ganzen Welt beraten, das hat sich offenbar überholt. Und das ist gut so, denn nicht die Schwellenländer brauchen die G8 sondern wir brauchen die Schwellenländer. Aber es stimmt schon nachdenklich, wenn man sich die Sicherheitsvorkehrungen ansieht, die immer getroffen werden: Wie weit ist es mit einem System gekommen, wenn die Regierungschefs bei ihrer Zusammenkunft von ganzen Armeen von Polizisten geschützt werden müssen? Wenn der Versammlungort eine Burg ist? Zustimmung sieht anders aus und man sollte sich in den G8 dringend fragen, ob die bisherigen Vorgehensweisen in der Weltpolitik wirklich gut und zeitgemäß sind. Einen ersten Schritt in die Zukunft könnte man machen, wenn man keinen Europäer mehr als IWF Chef bestimmt. Denn die alten Machtstrukturen lösen sich auf und das wird zu einer friedlicheren Welt führen.
Tamarind 27.05.2011
2. ...
Zitat von sysopStell Dir vor, es ist G8 und keiner geht hin:*Für das Klassentreffen der Mächtigen im französischen Deauville interessieren sich kaum noch Globalisierungsgegner -*Proteste bleiben aus. Attac und Co nehmen*den Club der Acht nicht mehr ernst.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765212,00.html
Offenbar ist es inwzischen klar geworden, dass sich dort nicht die wahren Machthaber sammeln sondern nur deren Helfer. Wenn ein Land nach dem anderen unter der Schuldenlast zerbricht, sogar die USA, kann man sich ausdenken, wer die Kontrolle hat: Wer die Schulden der Welt kontrolliert, kontrolliert die Welt.
frubi 27.05.2011
3. .
Zitat von sysopStell Dir vor, es ist G8 und keiner geht hin:*Für das Klassentreffen der Mächtigen im französischen Deauville interessieren sich kaum noch Globalisierungsgegner -*Proteste bleiben aus. Attac und Co nehmen*den Club der Acht nicht mehr ernst.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765212,00.html
Was bringt denn ein Protest bei solchen Veranstaltungen überhaupt noch? Man kassiert Prügel von brutalo Bullen, die danach sowieso keine Konsequenzen zu fürchten haben und verhindern kann man diese Treffen bzw. die dort getroffenen Maßnahmen sowieso nicht. Zudem befinden sich dort Personen, die in ihren Ländern kaum Einfluss haben. Die Merkel hat ohne Bild-Zeitung und ohne die Gunst der Wirtschaftsbosse überhaupt nichts zu sagen. Russland lässt seine Nummer 1 zu Hause. Bei Kan ist es offensichtlich, dass Unternehmen wie Tepco sich gegen jeden Einfluss des Staates wehren können. Berlusconi........ dazu braucht man nun wirklich nichts mehr zu sagen/schreiben und Sarko hat ebenfalls schützende Hände, ohne die er keinen Schritt gehen könnte. Und Obama? Der mächtigste Mann der Welt? Der noch nicht mal ein Wort ohne seine Telepromter und vorgeschriebene Reden keinen Ton sagen kann? Das ist ein Treffen für die Presse und den Pöbel. Mehr auch nicht. Und dafür Platzwunden und Schlafmangel riskieren?
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