Entwicklungshilfe in Gambia Hinwerfen oder weitermachen?

Bewässerungsanlagen, Gemeindegärten - die Hilfsorganisation "Sabab Lou" will Dörfern in Gambia zu neuen Einkommensquellen verhelfen, vor allem den Frauen dort. Aber bringt die Unterstützung wirklich Fortschritte?

Edith Lanfer arbeitet aus Überzeugung in der Entwicklungshilfe, doch immer öfter kommen ihr Zweifel
Friedrich Keller-Bauer/ Sabab Lou

Edith Lanfer arbeitet aus Überzeugung in der Entwicklungshilfe, doch immer öfter kommen ihr Zweifel

Ein Gastbeitrag von


Unsere Stiftung "Sabab Lou" arbeitet seit neun Jahren in Gambia, einem kleinen, nach langer Diktatur verarmten Land in Westafrika. Der Name kommt aus der Sprache Wolof und bedeutet frei übersetzt: "Was man tun muss, um sein Ziel zu erreichen". Wir unterstützen den Aufbau von Gemeindegärten, um neue Einkommensquellen zu erschließen, vor allem für die Landfrauen. Die Projekte in den Dörfern Chamen und Dutabullu liefen zunächst gut, doch Ende 2013 beschlichen mich erstmals Zweifel.

Im November dieses Jahres wollten wir den Grundstein für eine solare Bewässerungsanlage im Ort Jumansar legen, doch am Vorabend wurden die Feierlichkeiten abgesagt. Denn wir hatten erfahren, dass zwei von 45 Jugendlichen aus dem Distrikt, in dem unsere Hilfsorganisation tätig ist, in Libyen erschossen worden waren. Wir waren erschüttert, es gab keinen Grund mehr zum Feiern.

Zur Autorin
  • Friedrich Keller-Bauer/ Sabab Lou
    Edith Lanfer, Jahrgang 1957, hat einst sogar die Meisterprüfung als Goldschmiedin abgelegt. Sie studierte dann Pädagogik und arbeitete in den Neunzigerjahren für die deutsche Entwicklungshilfe in Indien. Gemeinsam mit ihrem Mann gründete sie die Stiftung "Saba Lou", für die sie seit zehn Jahren tätig ist, vor allem in Gambia.

Damals erfuhren wir auch, dass einige Jugendliche das mühsam erwirtschaftete Geld aus dem Gemüsebau für die Bezahlung von Schleppern verwendet hatten. Waren wir also mitverantwortlich dafür, dass sie den "backway", den inoffiziellen Weg nach Europa, überhaupt antreten konnten?

Es sollte noch schlimmer kommen. Die Rücklagen für den Betrieb der Anlagen - eine verpflichtende Maßnahme, die wir vor der Installation vereinbart hatten - wurden von den einheimischen Projektpartnern ausgesetzt. Sie hatten sich verschuldet. Und wir hatten das wichtigste Ziel, die finanzielle Eigenständigkeit der Dörfer, verfehlt.

Was tun, wenn es nicht glatt läuft?

Wie umgehen mit dieser Situation? Alles hinwerfen oder weitermachen? Wir machten weiter. Doch zwei Jahre später mussten wir ein Dorf von der Förderliste streichen. Der Pflanzgarten wurde mangels Arbeitskräften nicht mehr profitabel bewirtschaftet, sodass keine Rücklagen gebildet werden konnten.

Angesichts bettelarmer Zustände einfach "nein" zu sagen, ist für uns Helfer immer eine Zerreißprobe. Bei allem Mitgefühl finden wir es nicht nur kontraproduktiv, sondern sogar schädlich, arme Menschen dauerhaft zu alimentieren. Wir ersticken dadurch deren Motivation, Kreativität, Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortlichkeit. Unsere Arbeit wird stets von diesen Zweifeln begleitet: Wir fragen nach dem Sinn und Unsinn von Hilfe.

Die Falle des paternalistischen Übergriffs

Eine Gruppe von Frauen aus dem Dorf Jumansar bat mich, ihren Männern mal eine Predigt zu halten, weil sie sich beharrlich weigern, den Zaun des Gartens zu reparieren. Spiele ich den Ball zurück und lasse die Frauen das selbst ausfechten? Greife ich ein - möglicherweise mit dem Risiko, dass die Frauen dann aggressiv belehrt werden?

Ich griff ein und versuchte, die Männer von den wirtschaftlichen Nachteilen ihres Schlendrians zu überzeugen. Sie blieben bei ihrer Haltung, sich von Frauen nicht herumkommandieren zu lassen. Schließlich wurde ich laut und sagte: "Entweder ihr seid zu reich, zu dumm oder zu faul!" Ich war wütend über die ungerechte Verteilung der Arbeitslasten und die Weigerung der Männer, mit anzupacken.

Ich erschrak über meine Worte, aber das saß. Und die Frauen applaudierten. Ich bezweifle, dass meine Wutrede eine nachhaltige Wirkung hatte. Aber vielleicht habe ich wenigstens die Frauen darin bestärkt, künftig entschlossener aufzutreten.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft, für das unsere Reporter von vier Kontinenten berichten. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.
Was ist das Projekt Globale Gesellschaft?
Unter dem Titel Globale Gesellschaft werden Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa berichten - über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen im Politikressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird über drei Jahre von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
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Die Stücke sind bei SPIEGEL ONLINE zu finden auf der Themenseite Globale Gesellschaft.

Der Irrsinn: Entwicklungshilfe als Wiedergutmachung?

Selbst wenn wir glauben, bei Projekten alles bedacht zu haben, stellen sich plötzlich unvorhergesehene Hindernisse in den Weg. Wir rieten den Gärtnerinnen in Gambia, Zwiebeln anzubauen. Und dann machten sie Verluste, weil auf dem lokalen Markt die importierten Knollen aus Holland billiger waren. Wir wichen auf den Anbau Roter Bete aus - und litten unter der Konkurrenz tiefgefrorener, verzehrfertiger Bete. Aufgeben und verzweifeln?

Nein! Nischen finden, Produkte verbessern, den Markt passgenau bedienen, Kunden pflegen. Aber wie gehen wir mit dem ungeheuerlichen Vorwurf um, dass arme Staaten selbst schuld an ihrer kränkelnden Landwirtschaft seien, schließlich könnten sie doch Handelszölle auf ihre Erzeugnisse erheben?

Wie rechtfertigen wir eigentlich unsere zerstörerischen Agrarexporte aus der EU? Entbindet freie Marktwirtschaft von globaler Verantwortung? Oder ist alles nicht so schlimm, weil wir die Schäden mit unserer Entwicklungshilfe wiedergutmachen?

Es macht mich auch wütend, wenn ich sehe, wie großzügig und planlos Entwicklungshilfegelder vergeben werden und wie wir in selbstgefälligem Gutmenschentum oft nutzlose Großprojekte fördern, die sich gegenseitig übertrumpfen. Ich mache mir Sorgen, dass in Gambia der gleiche Irrweg eingeschlagen wird wie etwa in Haiti.

Der karibische Inselstaat wurde nach dem Erdbeben 2010 mit Hilfsgeldern überschüttet, dennoch hat sich die Lebenssituation vieler armer Menschen dramatisch verschlechtert. Gewinner waren das Heer der Entwicklungshelfer und die korrupte Elite, die sich hemmungslos bereichert hat.

Hoffen - aller Schwarzmalerei zum Trotz

Warum machen wir eigentlich weiter, obwohl alles so kräftezehrend, unergiebig und zweifelhaft ist? Sollten wir die Hilfe nicht einfach einstellen? Würden wir dann vielleicht sogar weniger Schaden anrichten? Kann man überhaupt gute Entwicklungsarbeit leisten?

Ja, man kann! Jeder kleine Erfolg ist den Einsatz wert, jede kleine Verbesserung motiviert die Menschen. Sie wollen ihre Lage verbessern und eine menschenwürdige Zukunft gestalten. Wir begegnen immer wieder jungen Migranten, die in ihre Heimat zurückkehren, um dort etwas zu bewirken. Ich bin davon überzeugt, dass sie ihre Gesellschaften verändern und die Macht der lähmenden Traditionen überwinden können - aus eigener Kraft, in ihrem eigenen Zeitrahmen. Wir können sie dabei nur unterstützen.

Und meine Zweifel? Ich hoffe, dass sie mir erhalten bleiben!



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
querdeutsch 16.06.2019
1. Sagenhaft
wie naiv manche sind. Ein typisch deutsches Charaktermerkmal. Die super "dynamischen" Männer aus Gambia haben wir als sog. Flüchtlinge im deutschen Sozialsystem, und damit sind sie für alle Zeiten zufrieden. Chillen in Hartz4. Cool. Die Aktivposten, die Frauen, malochen in Gambia. Bravo.
whitewisent 16.06.2019
2.
1965 - 380.000 Einwohner 2015 - 2,1 Mil. Einwohner Das ist die Ursache und das Hauptproblem aller Aspekte, und ähnlich überall in Afrika. Egal wie erfolgreich Entwicklungshilfe ist, wenn jeglicher Fortschritt durch die traditionelle Familienplanung ad absurdum geführt wird, kann man trefflich über holländische Zwiebeln streiten. Es ist ein Wettlauf, bei dem es keine Sieger geben wird, denn auch diese Überbevölkerung führt zu dem Druck, sich in Europa eine neue Chance zu suchen, wobei durch Transferzahlungen die Kette nur verlängert und verstärkt wird. Nur das Beispiel mit dem Zaun zeigt ja, wie kurzsichtig viele Bewohner sind, und wenn die Familie nicht mitmacht, können Europas Helfer überhaupt nichts erreichen.
ctrader62 16.06.2019
3. Andere Regeln anerkennen
Ich habe selbst jahrelange Erfahrungen in Gambia gemacht. Vergesst all unser vermeintlich wirtschaftlich vernünftiges Denken. Die Mentalität und viele Gegebenheiten sind völlig anders. Wer nicht seinen Enthusiasmus in Enttäuschung und Wut umwandeln will, sollte nur ganz kleine Schritte machen. Und dann sollte man jede freie Minute verwenden um den Menschen hier zu zeigen, wie sehr unsere angeblich moralisch überlegene alternativlose Politik von verfehlter Entwicklungshilfe und Freihandel in diesen Ländern unzählige Existenzen zerstört und eine ganz wesentliche Ursache für Fluchtbewegungen ist. Die Dimension dieser Zerstörung ist eigentlich nur als riesiges Verbrechen zu bezeichnen. Wer es nicht glaubt, soll sich selbst vor Ort überzeugen und den Kindern erklären, warum unsere Politik angeblich so human und moralisch überlegen ist. Übrigens, Gambia hat Glück, weil es keine Bodenschätze hat. Sonst würde es noch viel schlimmer dran sein. All das schreibe ich, weil ich mehrfach vor Ort war, eigene kleine Projekte betrieben habe und regelmäßigen Kontakt mit mehreren Familien vor Ort habe.
swandue 17.06.2019
4.
Statt zuzulassen, dass sich da etwas entwickelt, wovon die Menschen leben können, ist es für uns wichtiger, noch den letzten Euro mitzunehmen, Und dann meckern wir, dass die Menschen zu uns kommen.
pweissferdt 17.06.2019
5. Es ist nicht einfach...
Lebe nach dem Ende meiner Berufstaetigkeit in Deutschland in Gambia --17 Jahre.-- und habe in dieser Zeit ein Hilfsprojeckt fuerein Dorf realisiert mit einer Windmuehle und 100 elektrisch angeschlossenen Hauesern,auch eine Wasserversorgung gehoerte dazu.Das Netz wurde von dem Dorf selbst verwaltet.das hat fast 4 Jahre funktioniert,der Strom war halb so teuer wie beim Versorger so dass alle sich Elektrizitaet leisten konnten.Die Lebensbedingungen im Dorf haben sich dadurch dramatisch verbessert.Allerdings ohne meine permanente Unterstuetzung waere das Projekt schnell tot gewesen.Am Ende hat der Nationale Versorger und die Regierung der Sache ein Ende bereitet,vermutlich weil sie daran nichts verdienten.Es ist schade aber hier zu helfen ist mit viel Frustration und Rueckschlaegen verbunden.Die Erkenntnis der Menschen ,dass sie selbst dazu etwas leisten muessen ist unterentwickelt und als der Strom dann abgeschaltet wurde hat das auch nicht viele aufgeregt..wir haben vorher ohne Strom und Wasser aus dem Wasserhahn gelebt dann ist es eben wieder so....und dann gibt man auf. Jetzt baue ich fuer die Grundschule mit 450 Kindern neue Toiletten mit Klaeranlage ,sowie eine Wasser- und Stromversorgung. Die Schule hatte eine einzige schmutzige Toilette. kein Wasser und keinen Strom......Ich habe mit 77 also doch noch nicht aufgegeben....
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