Joachim Gauck in Oradour Scham und Stolz am Ort des Grauens
Joachim Gauck in Oradour: Scham und Stolz am Ort des Grauens
Foto: Philippe Wojazer/ AP/dpaWarum? Joachim Gauck steht ratlos dort, wo früher einmal der Marktplatz von Oradour-sur-Glane war - also umgeben von Ruinen. Seit dem Massaker der Waffen-SS am 10. Juni 1944 existiert Oradour nicht mehr. "Warum", will der Bundespräsident von Robert Hébras wissen. Warum löschten die deutschen Soldaten damals dieses Dorf aus?
Der rüstige, ältere Herr mit schlohweißem Haar hat keine Antwort. "Die haben das einfach so gemacht", sagt er. Oradour war kein Ort der Résistance, selbst die wahnwitzige Vergeltungslogik der SS kann das Furchtbare nicht erklären. Hébras weiß ja nicht einmal, warum er damals überlebte, zusammen mit fünf anderen Bewohnern Oradours.
642 Menschen dagegen starben.
Joachim Gauck ist an diesem traumhaften Spätsommertag nach Oradour gekommen, um Abbitte für den Alptraum von vor 69 Jahren zu leisten. Gauck besichtigt gemeinsam mit Frankreichs Präsident François Hollande und dem Überlebenden Hébras die Überreste des Grauens. Präsident Charles de Gaulles verfügte nach dem Krieg, dass Oradours Ruinen als ewige Mahnung erhalten blieben.
Gauck in Frankreich: Geste der Versöhnung
Die SS-Männer der Panzer-Division "Das Reich" trieben an diesem Juni-Tag 1944 die Bewohner Oradours auf dem Marktplatz zusammen und verteilten sie auf mehrere Orte. Frauen und Kinder in die Kirche, Hébras fand sich in einer Scheune wieder. Kaum einer im Dorf, so erzählt es der Überlebende, ahnte etwas von dem, was folgen sollte. "Ich habe mich mit meinen Freunden über das anstehende Spiel unserer Fußballmannschaft unterhalten", sagt er.
Ein paar Stunden später waren seine Kameraden tot. Getötet durch Maschinengewehrkugeln oder das Feuer, das die Deutschen anschließend überall im Dorf legten.
Hébras erzählt Gauck und Hollande davon im Plauderton, wie ein Fremdenführer. Das liegt wohl daran, dass er genau dies seit Jahrzehnten tut. Er führt durch die Ruinen und berichtet. Wie ihn, weil Hébras ganz hinten in der Scheune stand, die Körper anderer schützten und er später knapp den Flammen entkam.
Der erste Besuch eines hohen Repräsentanten
Jeder Franzose kennt Oradour. Die Auslöschung des Dorfs stellt eines dieser historischen Ereignisse dar, die im kollektiven Gedächtnis einer Nation bleiben. Und die in diesem Fall auch das Verhältnis zum deutschen Nachbarn konstituieren. Deshalb sollte es niemanden verwundern, dass man noch heute Besucher in Oradour treffen kann, alte Männer und Frauen, deren Blick auf Deutschland von diesem schrecklichen Ereignis geprägt ist. Allerdings ist Oradour auch bis heute kein einfaches innerfranzösisches Thema, weil damals auch SS-Männer aus dem Elsass mordeten.
Gauck ist der erste Bundespräsident, der Oradour besucht. Auch ein Regierungschef war noch nicht hier. Knapp sechs Jahrzehnte hat es gedauert, bis ein hoher Repräsentant Deutschlands diesen Ort der deutschen Schande besucht. Trotz der deutsch-französischen Freundschaft, die in diesem Jahr schon ihren 50. Geburtstag feiert. Trotz der vielen Städtepartnerschaften, der zig Schüleraustausche.
Tränen am Erinnnerungsbuch
Wahrscheinlich musste erst einer wie Joachim Gauck Präsident im Nachbarland werden, um an diesen Ort kommen zu dürfen. Gauck sagt Sätze wie: "Als Bundespräsident ahne ich und als Mensch fühle ich, was diese Entscheidung für Frankreich und die Franzosen bedeutet." Die Menschen fühlen, dass er es wirklich so meint.
Ja, der ehemalige Pastor ist gefühlsduselig. Aber genau so muss ein deutscher Präsident sein, der sich nach Oradour traut.
Robert Hébras führt die beiden Staatsoberhäupter auch auf den Friedhof Oradours und zum dortigen Mahnmal. Hier treffen sie Mitglieder von Überlebenden-Verbänden und tragen sich in Erinnerungsbücher ein. Gauck ist so bewegt, dass er leise schluchzend schreibt: "Mit Entsetzen, Erschütterung und Abscheu stand ich vor dem, was hier unter deutschem Kommando geschehen ist. Demütig und dankbar habe ich die Einladung angenommen. Ich darf heute Zeugnis ablegen, dass es ein anderes, friedliches und solidarisches Deutschland gibt. So soll es bleiben. Joachim Gauck."
Er zögert. Und legt schließlich seine Arme um Hollandes Schultern. Einen langen Moment verweilen sie so, kurz darauf kommt es noch zu einer Dreier-Umarmung mit dem Überlebenden Hébras.
Vergleiche mit Kohl-Besuch in Verdun
Es ist ein großes Bild, auch für den französischen Präsidenten. Im Elysée-Palast, so ist zu hören, sieht man den Gauck-Besuch in Oradour schon in einer Linie mit den historischen Treffen von Charles de Gaulle und Kanzler Konrad Adenauer 1962 in Reims sowie François Mitterrand und Helmut Kohl 1984 in Verdun.
Ob Gauck an diesem Tag in solchen Kategorien denkt, weiß man nicht. Zu erleben ist ein Präsident, dem dieser Besuch wirklich "am Herzen liegt". Und der dankbar ist - auch dafür, dass er jetzt ein anderes Deutschland repräsentieren darf. "Aber aus der ernsthaften Auseinandersetzung mit dieser bitteren Geschichte haben die Menschen in Deutschland die Kraft gewonnen, mein Heimatland zu einem guten Land zu machen", sagt er bei seiner Rede zum Abschluss in Oradour. Gauck ist an diesem Tag auch ein stolzer Bundespräsident.