Staatsbesuch in Israel Der unbequeme Freund

Zweifel an der deutsch-israelischen Freundschaft? Bundespräsident Gauck sieht dazu keinen Anlass - und spricht die heiklen Themen Siedlungsbau und Iran an. Beim langen Meinungsaustausch mit Premier Netanjahu einigte man sich auf die Formel: ein Dissens unter Freunden. 

dapd

Aus Jerusalem und Tel Aviv berichtet


Die junge Wissenschaftlerin ist jetzt in der Bredouille. Hannah Schmidt-Glenewinkel aus Greifswald soll dem Bundespräsidenten erklären, warum sie als Deutsche hier am Weizmann-Institut forscht. "Es fällt mir schwer", sagt die promovierte Biologin, "weil es so klar ist". Doch Joachim Gauck lässt nicht locker. "Erklären Sie es mir", sagt der Präsident und schaut sie erwartungsvoll an.

Hannah Schmidt-Glenewinkel erzählt von den tollen Arbeitsbedingungen am Weizmann-Institut - benannt nach dessen Gründer, später erster Präsident Israels -, der besonderen Kultur hier vor den Toren Tel Avivs und der wissenschaftlichen Exzellenz des Hauses. Der Bundespräsident nickt und gibt sich zufrieden.

Aber eigentlich war er es schon zuvor: Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Deutsche ihren Lebensmittelpunkt nach Israel verlagert hat - so stellt sich der Präsident die Freundschaft zwischen beiden Ländern vor. Immer wieder hat er das in den vergangenen zwei Tagen wiederholt: Das enge Verhältnis dürfe nicht nur durch die furchtbare Vergangenheit geprägt sein, sondern durch die praktizierte Gegenwart. "Ganz besonders freue ich mich auf junge Menschen. Durch sie wird sichtbar, wie unsere Beziehungen sich wandeln, wie sie die Vergangenheit mitnehmen, aber wachsen und in die Zukunft greifen", sagte Gauck am Dienstagabend beim Staatsbankett mit Israels Präsident Schimon Peres.

Jetzt sitzt ein solcher junger Mensch mit ihm im Raum, und viele andere deutsche Nachwuchs-Wissenschaftler, die hier arbeiten. Außerdem erfährt Gauck von einem Professor, dass regelmäßig Weizmann-Forscher zu Studienaufenthalten nach Deutschland geschickt werden. Der Präsident ist begeistert.

Später bekommt Gauck eine Führung durch das ehemalige Wohnhaus von Chaim Weizmann, idyllisch auf einem kleinen Hügel gelegen. Dort liegt unter anderem der blaue Pass des ersten israelischen Präsidenten in einer Vitrine. Er trägt die Nummer "00001". So nah liegen hier Vergangenheit und Gegenwart zusammen.

Um die Zukunft des deutsch-israelischen Verhältnisses sei ihm nicht bange, betont Gauck ebenfalls bei jeder Gelegenheit. Auch wenn ihn manche Entwicklung schon besorgt: In Deutschland ist es die Ignoranz vieler Bürger gegenüber Israel, bei seinen Gastgebern die zunehmende Ignoranz gegenüber den arabischen Nachbarn.

Dissens zwischen Berlin und Jerusalem

Gauck spricht vor den Weizmann-Wissenschaftlern von einer "politischen Landschaft, die es schwer hat, an Aufklärung und politische Vernunft zu glauben". Wenige Stunden später sitzt er dann mit Regierungschef Benjamin Netanjahu zusammen, dessen politische Macht sich zum Teil auf eben jenes Klientel von streng-konservativen und -religiösen Israelis stützt. Fast 90 Minuten länger als geplant dauert das Treffen, es gibt viel zu besprechen.

Dass Netanjahu in seinem Eingangsstatement ausdrücklich die Freundschaft mit Deutschland erwähnt, wie ein Sprecher anschließend berichtet, dürfte die Atmosphäre entkrampft haben. Genau wie der Hinweis des deutschen Gastes, wie groß der gemeinsame Wertekanon mit Israel sei. Aber der Dissens zwischen Berlin und Jerusalem kommt ebenfalls auf den Tisch: Gauck verteidigt die Kritik an der aktuellen Siedlungspolitik als Ausdruck der deutschen Nähe zu Israel, Netanjahu betont seine Sicht der Dinge. Demnach hänge der Friedensprozess nicht an der Siedlungspolitik, sondern an der Bereitschaft der Araber, den Staat Israel anzuerkennen.

Am Donnerstag geht es in die Palästinensergebiete

Und auch über Iran wird gesprochen. Bei diesem Thema gibt es inzwischen einige Aufregung in Deutschland, weil Präsident Gauck sich dabei nach Meinung mancher Beobachter von Kanzlerin Angela Merkel distanziert hat. Ihren Ausdruck von der "Staatsräson", die Deutschland in jedem Fall an die Seite Israels stellt - also auch im Kriegsfall gegen Iran -, mochte der Präsident sich bei einem Gespräch mit Journalisten am Dienstagnachmittag so nicht zu eigen machen. "Ich will nicht in Kriegsszenarien denken", sagte er. Allerdings fügte Gauck hinzu: "Deutschland sollte das allerletzte Land sein, das Israel seine Freundschaft und Solidarität aufkündigt."

Im Gespräch mit Netanjahu bleibt Gauck dem Vernehmen nach bei seiner Linie. Er erwähnt Merkels Satz von der Staatsräson, sagt dann aber: "Es gibt verschiedene Worte, das enge Verhältnis zu Israel auszudrücken."

Regierungschef Netanjahu genügt das offenbar, ohnehin scheint bisher niemand in Israel Anstoß an den Äußerungen Gaucks zu nehmen - wohl aber in Deutschland. Der "Leipziger Volkszeitung" sagte Philipp Mißfelder, außenpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, die Aussage der Kanzlerin "bleibe richtig".

Dem widersprach Gauck auch gar nicht. "Wenn jemand gemeint hat, eine Distanz zwischen der Bundeskanzlerin und mir bei einer Wortwahl herauszulesen, dann wäre das ein Irrtum", sagte Gauck am Mittwochabend in Jerusalem. Der Bundespräsident stellte richtig: "In der Sache bin ich ganz bei Angela Merkel."

Willkommen in der Außenpolitik, Joachim Gauck. Natürlich wusste der Bundespräsident, was für ein heikles Pflaster ihn in Israel erwartet. Und es wird nicht einfacher: Am Donnerstag reist Gauck weiter in die Palästinensergebiete.

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threadneedle 30.05.2012
1. Man darf sagen dass Herr Gauck ein guter Griff war!
Ehrlich, mir gefällt was er tut. Er ist eben kein Politiker sondern Staatsmann. Diesen Unterschied hätte sein Vorgänger, dieser wieheissternochgleich, nie begriffen.
Klaschfr 30.05.2012
2. Gemeinsamer Wertekanon
Zitat von sysopdapdZweifel an der deutsch-israelischen Freundschaft? Bundespräsident Gauck sieht dazu keinen Anlass - und spricht die heiklen Themen Siedlungsbau und Iran anspricht. Beim langen Meinungsaustausch mit Premier Netanjahu einigte man sich auf die Formel: ein Dissens unter Freunden. Gauck wirbt bei Netanjahu in Israel für Friedensprozess - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,836020,00.html)
Das sollte der Bundespräsident einmal näher erklären! Aber er bleibt ja auch sonst vage. Und die dumme These von der "Staatsräson" muss nicht von Mißfelder verteidigt werden um in ihrem Unbedacht noch deutlicher zu werden. Außer den allgemeinen Worthülsen hat der Besuch Gaucks nichts gebracht. Wie sollte er auch. Dazu hätte er Vieles deutlicher sagen müssen. Aber da hat er dieselbe "Feigheit vor dem Freund" wie Merkel. Probleme hat das noch nie gelöst.
bertholdalfredrosswag 31.05.2012
3. optional
Ein Freund ist in keinem Falle ein Freund, wenn er unfaires Verhalten seines Freundes nicht ernstlich anspricht. Ich wünsche dass Herr Gauck diesen Besuch überdenkt, wo es um der Freundschaft willen nötig gewesen wäre noch direkter auf das hinzuweisen was eine echte Freundschaft erfordert. Diesen dummen abgehobenen und selbstherrlichen Satz mit der Staatsräson möchte ich Frau Merkel um die Ohren hauen und dem Nachschwätzer Mißfelder doppelt. Hoffentlich begreift unsere Elite das Denken und Empfinden von Herrn Gauck und öffnet sich dieser Weitsicht und Ehrlichkeit. Herr Gauck hat diese Tür der Ignoranz jetzt einen kleinen Spalt geöffnet, doch ist die Tür noch mehr zu als offen und daran muss gearbeitet werden. Den Israelis bin ich von Herzen zugetan. Netanjahu und die Orthodoxen Wahnsinnigen muss jedoch die Luft zum atmen abgestellt werden. Diese sind die aktuellen Feinde des Staates Israel und in der Lage mit Gewalt ihren Wahn von einem heiligen Land zu verwirklichen. Auch wenn die ganze Welt dabei in Flammen aufgehen und Millionen Goims umkommen würden. Ihr Gott wird alleine sie beschützen.
sarandanon 31.05.2012
4. Feigheit
Zitat von KlaschfrDas sollte der Bundespräsident einmal näher erklären! Aber er bleibt ja auch sonst vage. Und die dumme These von der "Staatsräson" muss nicht von Mißfelder verteidigt werden um in ihrem Unbedacht noch deutlicher zu werden. Außer den allgemeinen Worthülsen hat der Besuch Gaucks nichts gebracht. Wie sollte er auch. Dazu hätte er Vieles deutlicher sagen müssen. Aber da hat er dieselbe "Feigheit vor dem Freund" wie Merkel. Probleme hat das noch nie gelöst.
Tja, meine lieber Mitforist, anscheinend haben Sie eine andere ("typisch-grundsätzlich-linke-dagegen") Sicht der Dinge. Waren Sie eigentlich schonmal persönlich in Israel und haben mit den Menschen dort geredet? Mich würde interessieren, wie Sie dort auftreten würden, ohne die von Ihnen gegenüber dem BP unterstellte Feigheit. Gauck ist nicht nur meiner Meinung nach, diplomatisch ziemlich geschickt und mit viel Empathie in Israel aufgetreten. Eine Eigenschaft, die bei uns im Lande scheinbar aufgrund der zugegeben nicht unbegründeten Politik- und Politikerverdrossenheit vielen abgeht. Die nach Ihrer Meinung "allgemeinen Worthülsen" sind von ihm wohlbedacht an der richtigen Stelle angewandt worden. Der richtige Umgangston unter Menschen (auch unter Staaten) ist durchaus bestimmend und richtungsweisend. Das werden Sie selbst im Umgang mit Ihren Mitmenschen bestimmt schon einmal festgestellt haben. Es sei denn, Sie gehören zu der Spezies Mensch, die meinen, seinem gegenüber immer die "eigene subjektiv wahrgenommene Wahrheit" an den Kopf zu knallen. Probleme mögen Worte nicht immer lösen, sie tragen aber durchaus zu einer besseren und wichtigen Verständigung bei. Wenn Sie aber meinen, Sie fänden bessere Worte, dann seien Sie nicht feige und reisen nach Israel und bringen diese an.
sarandanon 31.05.2012
5. Ignoranz
Es ist nicht nur jetzt schon, es war vorher schon Ignoranz. Was hierzulande viele, offensichtlich auch Sie, nicht machen ist, wirklich empathisch abzuwägen. Verraten Sie doch mal, wie Sie in Israel auftreten würden? Waren Sie eigentlich schonmal dort?
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