Gaza-Abzug Die letzte Siedlung ist geräumt

Nach 38 Jahren ist die Besatzung des Gaza-Streifens zu Ende. Die israelische Armee räumte die letzte noch bewohnte jüdische Siedlung Netzarim. Nun stehen die Räumungen im Westjordanland an - dort sind Hunderte bewaffnete Ultranationale zum Widerstand entschlossen.


Die letzte Siedlung wird geräumt: Bewohner von Netzarim tragen die Tora-Rolle aus der Synagoge
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Die letzte Siedlung wird geräumt: Bewohner von Netzarim tragen die Tora-Rolle aus der Synagoge

Netzarim/Tel Aviv - Die Siedlung sei vollständig geräumt worden, sagte der israelische Polizeichef Uri Bar-Lew in Netzarim. Die Bewohner hatten ihre Häuser nach einer Abschiedszeremonie am Nachmittag ohne gewalttätigen Widerstand verlassen. Sie stiegen in gepanzerte Busse, die sie in ihre neue Heimat bringen sollten. In der Siedlung hielten sich zuletzt etwa 60 Familien und 200 Sympathisanten auf. Netzarim war die letzte der 21 Gaza-Siedlungen und galt als eine Bastion der Hardliner. Die übrigen 20 Siedlungen waren in der vergangenen Woche vollständig geräumt worden.

Der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon kündigte unterdessen an, den Ausbau einiger jüdischer Siedlungen im Westjordanland fortsetzen zu wollen. Weitere einseitige Schritte zur Räumung von Teilen des Westjordanlands werde es vorerst nicht geben. Ein Sprecher Sharons bestätigte, dass der Ministerpräsident die großen Siedlungen Maaleh Adumim bei Jerusalem und Ariel nördlich von Tel Aviv erweitern will. Der Nahost-Friedensplan fordert ein Ende des Siedlungsbaus in den Palästinensergebieten.

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Gaza-Räumung: Erbitterter Widerstand der Siedler

Bei der Räumung der jüdischen Siedlungen haben Armee und Polizei mehr als 10.000 Bewohner und Demonstranten aus dem Gaza-Streifen gebracht. Der palästinensische Minister für Zivilangelegenheiten, Mohammed Dachlan, sagte in Gaza, die Evakuierung laufe schneller als erwartet. Er warnte vor einem vorzeitigen Abzug der israelischen Armee nach der Zerstörung der Siedlungen, um ein Machtvakuum und Chaos zu vermeiden. Der Abzug soll nach israelischen Angaben in rund fünf Wochen abgeschlossen sein.

Im Westjordanland bereiten sich Soldaten und militante Abzugsgegner auf die Räumung der Siedlungen Sanur und Homesch vor. Bis zu 6000 Soldaten wurden abkommandiert, weil in den Radikalen-Hochburgen mit gewalttätigem Widerstand gerechnet wird. Die Streitkräfte befürchten Auseinandersetzungen mit rund 2000 jugendlichen Ultranationalisten, die nach Angaben aus Sicherheitskreisen Handgranaten und Tränengas gehortet haben. Bereits in der Nacht zu heute waren rund 200 Eindringlinge auf dem Weg in die Siedlungen festgenommen worden. Einige hatten nach Angaben des Militärrundfunks entflammbare Stoffe, Nägel und Farbdosen dabei.

Auch palästinensische Sicherheitskräfte bezogen in der Region um Dschenin Stellung. Etwa 700 Polizisten sind auf den Straßen im Einsatz, die zu den schon leer stehenden Siedlungen Ganim und Kadim führen. Damit sollen Angriffe auf die umliegenden Siedlungen und die israelischen Soldaten verhindert werden. Für heute Abend hat der Siedlerrat Jescha einen Protestmarsch mit mehreren tausend Teilnehmern in Richtung der Siedlungen Sanur und Homesch angekündigt, die ab morgen evakuiert werden sollen. Nach Schätzungen der Sicherheitskräfte halten sich in dem Gebiet noch fast 2000 Menschen auf.



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