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21. Juli 2014, 00:31 Uhr

Gaza-Konflikt

Hamas gibt Entführung eines israelischen Soldaten bekannt

Die Palästinenser-Organisation Hamas hat nach eigenen Angaben einen israelischen Soldaten gefangen genommen. Zugleich steigt die Zahl der Toten bei Israels Gaza-Offensive. International wächst die Kritik an der Eskalation, die USA schalten sich ein.

Gaza/Washington - Die radikalislamische Hamas hat offenbar einen Soldaten der israelischen Armee IDF entführt. "Der israelische Soldat Schaul Aaron ist in den Händen der Essedin-al-Kassam-Brigaden", sagte ein Sprecher der Hamas-Miliz. Der Mann mit dem Kampfnamen Abu Obeida nannte als Beleg die persönliche Identifikationsnummer des Soldaten. In Gaza sowie in Ramallah und Hebron kam es daraufhin zu Jubelszenen.

Die Essedin-al-Kassam-Brigaden sind der bewaffnete Arm der Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert. Ein israelischer Armeesprecher sagte, eine Untersuchung sei eingeleitet worden.

Die Entführung dürfte die Lage im Gazastreifen weiter verschärfen. Am Wochenende hatte das israelische Militär seine Bodenoffensive intensiviert. Am bislang blutigsten Tag der Operation wurden über 100 Palästinenser getötet, die meisten im Stadtteil Schedschaija , darunter viele Frauen und Kinder. Auch 13 israelische Soldaten kamen ums Leben. Ungeachtet der hohen Opferzahlen kündigte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine Ausweitung der Offensive an.

Israel will einen Großteil der Tunnel im Gazastreifen binnen zwei bis drei Tagen zerstören, sagte der israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon. "Uns stehen noch lange Tage des Kampfes bevor", sagte er in Tel Aviv. Die Hamas versucht, durch Tunnel aus dem abgesperrten Gazastreifen nach Israel zu gelangen.

Die Hamas zahle "einen sehr hohen Preis, und wir versetzen ihr weiter harte Schläge", sagte Jaalon. Israel bedaure den Tod jedes Zivilisten, sagte der Verteidigungsminister. Die Hamas trage jedoch die Verantwortung für das Blutvergießen.

Obama besorgt, Kerry unterwegs

Die Eskalation wird international mit wachsender Beunruhigung verfolgt. US-Präsident Barack Obama sei sehr besorgt über die "steigende Zahl an Opfern, darunter eine steigende Zahl palästinensischer Zivilisten und der Verlust israelischer Soldaten", erklärte das Weiße Haus.

US-Außenminister John Kerry wird voraussichtlich schon am Montag nach Ägypten reisen, um einen Waffenstillstand zu vermitteln. "Es ist dreckig", sagte er in Bezug auf die Opfer. "Krieg ist dreckig. Aber sie (die Hamas - d. Red.) müssen ihre eigene Verantwortung erkennen." Obama und Kerry betonten Israels Recht auf Selbstverteidigung.

Zuvor hatte sich Kerry in einer Unterhaltung mit einem Mitarbeiter sarkastisch über das Vorgehen Israels geäußert. Die Unterhaltung war unplanmäßig von Kameraleuten aufgezeichnet worden. "Es ist eine wahrlich zielgenaue Operation", ist Kerry in der Aufzeichnung zu hören. Damit spielt er offenbar auf die Beteuerungen Israels an, nur militärische Ziele ins Visier zu nehmen.

Kerry rechtfertigte seine Reaktion später mit den vielen zivilen Opfern. In der Aufzeichnung sagte er auch: "Wir müssen sehen, dass wir dorthin kommen. Wir sollten heute Abend gehen. Ich denke, es ist verrückt, herumzusitzen."

Kritik an der hohen Zahl ziviler Opfer

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte Israel auf, Zivilisten bei den Angriffen auf den Gazastreifen zu verschonen. "Israel muss viel mehr tun, um Zivilisten zu schützen", sagte Ban bei einer Pressekonferenz in Katars Hauptstadt Doha. "Ich verurteile diese grauenvolle Aktion", sagte er mit Blick auf die Angriffe auf Schedschaija.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sagte, die Lage im Gazastreifen sei "unerträglich". Die Angriffe auf Schedschaija seien ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein grauenvolles Verbrechen und diejenigen, die es begangen haben, werden verfolgt und bestraft".

Der Uno-Sicherheitsrat wollte noch in der Nacht zum Montag eine Sondersitzung abhalten.

isa/AFP/dpa/Reuters

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