Gaza-Krieg Israel schickt Reservisten ins Kampfgebiet

Der Krieg in Gaza tobt weiter: Heftiger Gefechtslärm und schwere Explosionen sind zu hören, über dem Gebiet kreisen Helikopter und Drohnen. Israel hat jetzt Reservisten in die Kampfzone entsandt - Außenminister Steinmeier macht dennoch Hoffnung auf eine baldige Waffenruhe.


Tel Aviv/Gaza - Keine Ruhe im Gaza-Streifen, auch am 17. Tag der israelischen Militäroffensive auf das Palästinensergebiet: Nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira hat es am frühen Montagmorgen erneut schwere Explosionen gegeben. Heftiger Gefechtslärm sei zu hören gewesen, außerdem Fluggeräusche von Helikoptern und unbemannten Drohnen.

Ein israelischer Armeesprecher sagte allerdings am Montagmorgen, mit zwölf Angriffen der Luftwaffe seit Mitternacht seien insgesamt weniger Ziele beschossen worden als in den Tagen zuvor. Es habe aber etliche Gefechte von Bodentruppen mit bewaffneten Palästinensern gegeben. Die Luftwaffe habe erneut Tunnel im Grenzgebiet zu Ägypten und Waffenlager beschossen. Es seien bislang keine neuen Raketen aus dem Gaza-Streifen abgefeuert worden, sagte der Sprecher.

Israels Artillerie soll bei ihrem Beschuss des Gaza-Streifens nach Angaben von Menschenrechtlern auch Phosphorgranaten eingesetzt haben. Nach palästinensischen Angaben wurden diese auf den nördlichen Grenzort Chusa abgefeuert. Dabei seien eine Frau getötet und 50 weitere Menschen verletzt worden. Die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch bestätigte, sie habe den Abschuss von Phosphorgranaten im Umkreis der Flüchtlingssiedlung Dschabalija beobachtet. Sie appellierte an die israelische Regierung, solche Waffen in den dicht bevölkerten Gebieten des Gaza-Streifens keinesfalls zu verwenden.

Erstmals Reservisten im Gaza-Streifen eingesetzt

Am Sonntag hat das Militär erstmals seit Beginn des Einsatzes von Bodentruppen Reservisten ins Kampfgebiet geschickt. Israel will die Offensive ausweiten, sollte es bei Verhandlungen in Ägypten zu keiner Einigung über eine Waffenruhe kommen.

Der israelische Unterhändler Amos Gilad werde am Montag zunächst nicht wieder nach Ägypten fliegen, meldete der israelische Rundfunk. Im Gespräche mit dem israelischen Online-Dienst ynet äußerte Gilad sich allerdings optimistisch über eine mögliche Einigung. Ägypten sei sehr vertrauenswürdig, was die Hilfe bei der künftigen Verhinderung von Waffenschmuggel in den Gaza-Streifen angehe. Er sehe auch einen "Bewusstseinswandel" in Ägypten hinsichtlich der Hamas. Man verstehe dort inzwischen die Gefahr, die von der Organisation ausgehe, sagte Gilad.

Die Uno-Resolution zum Gaza-Krieg
(Klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren)
Waffenruhe
Der Uno-Sicherheitsrat "betont die Dringlichkeit und ruft zu einem sofortigen, dauerhaften und vollständig eingehaltenen Waffenstillstand auf, der zu einem vollständigen Rückzug israelischer Kräfte aus dem Gaza-Streifen führen soll". Das Gremium "verurteilt jegliche Gewalt und Feindseligkeit gegen Zivilisten sowie jede Art von Terrorismus". Diese Textstelle bezieht sich auf die Raketenangriffe der radikal-islamischen Hamas auf israelisches Staatsgebiet, die aber nicht ausdrücklich erwähnt werden.
Humanitäre Hilfe
Der Sicherheitsrat fordert "eine ungehinderte Lieferung und Verteilung von humanitärer Hilfe im ganzen Gaza-Streifen". Nötig seien "Lebensmittel, Kraftstoff und Medikamente". Das Gremium "begrüßt Initiativen zur Einrichtung und Öffnung von humanitären Korridoren sowie andere Mechanismen zur nachhaltigen Versorgung mit humanitärer Hilfe". Zudem ruft es "die Mitgliedstaaten auf, internationale Bemühungen zur Linderung der humanitären und wirtschaftlichen Lage im Gazastreifen zu unterstützen".
Friedensprozess
Der Sicherheitsrat "begrüßt die ägyptische Initiative sowie andere regionale und internationale Bemühungen". Er "fordert verstärkte internationale Bemühungen um Vereinbarungen und Garantien für eine dauerhafte Ruhe im Gaza-Streifen". Dazu zähle auch "eine Unterbindung des unerlaubten Schmuggels von Waffen und Munition sowie die Wiedereröffnung von Grenzübergängen".
Versöhnung der Palästinenser
Zugleich "ermutigte" das Gremium "greifbare Maßnahmen, die zu einer Versöhnung der Palästinenser führen". Darüber hinaus forderte der Sicherheitsrat "neue und dringende Bemühungen der Konfliktparteien und der internationalen Gemeinschaft um einen umfassenden Frieden, der auf der Vision von einer Region basiert, in der zwei demokratische Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite friedlich und mit sicheren sowie anerkannten Grenzen leben".

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert sieht zu Beginn der dritten Woche der Militäroffensive die Ziele der Operation näherrücken. "Wir nähern uns den selbstgesteckten Zielen", erklärte Olmert am Sonntag. Gleichzeitig gab er zu verstehen, dass Israel seine Militäroperation fortsetzen werde, auch wenn diplomatische Optionen geprüft würden. Erst am Vortag hatte die Armee Flugblätter über dem Gaza-Streifen abgeworfen und darauf verstärkte Angriffe angekündigt.

Nach Angaben des israelischen Militärs gab es beim Beschuss Südisraels mit selbstgebauten palästinensischen Kassam-Raketen seit Beginn der Militäroperation einen "dramatischen Rückgang". Die Zahl der Raketen sei seitdem um 50 Prozent gesunken, berichtete die Zeitung "Haaretz" am frühen Montagmorgen.

Steinmeier: Lage "von Tag zu Tag besorgniserregender"

Nach Einschätzung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sind die Chancen für ein Ende der Kämpfe im Gaza-Streifen gestiegen. Zum Abschluss seiner Nahost-Reise forderte Steinmeier in der Nacht zum Montag Israel und die Hamas-Miliz zu einer "humanitären Waffenruhe" auf. Im Zentrum seiner Bemühungen habe die Suche nach dem Einstieg in einen dauerhaften Waffenstillstand gestanden. "Ich bin der Überzeugung: Eine humanitäre Waffenruhe kann jetzt den Weg dafür öffnen", sagte Steinmeier auf dem Rückflug von Tel Aviv nach Berlin.

Am Sonntagabend hatte der Vizekanzler noch den israelischen Verteidigungsminister Ehud Barak getroffen. Anschließend sagte er, die Lage der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen werde "von Tag zu Tag besorgniserregender". Zugleich erneuerte er die deutsche Bereitschaft, Ägypten mit der Entsendung von Experten bei der Eindämmung des Waffenschmuggels in den Gaza-Streifen zu helfen. Dies sei die "Schlüsselfrage" für den Übergang von einer Feuerpause zu einem Waffenstillstand. Deutschland werde dafür "jegliche Unterstützung" geben. "Die Wiederbewaffnung der Hamas mit immer wirkungsvolleren Waffen muss verhindert werden."

Ägypten meldet erste Fortschritte bei den Gesprächen mit der Hamas. Die staatliche Nachrichtenagentur Mena meldete am Montag unter Berufung auf einen Regierungsbeamten, ein Treffen der Delegation der radikal-islamischen Hamas mit dem ägyptischen Geheimdienstchef Omar Suleiman am Sonntag in Kairo sei "positiv" verlaufen.

Suleiman habe den Palästinensern die Eckpunkte des von Präsident Husni Mubarak vergangene formulierten Vorschlages erklärt: Eine sofortige Feuerpause, eine neue Waffenruhe-Vereinbarung mit Israel, eine Aussöhnung zwischen der Hamas und der Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Die Gespräche zwischen Suleiman und der von Emad al-Alami geleiteten Hamas-Delegation sollten am Montag fortgesetzt werden.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Die israelische Militärführung kündigte allerdings nach Angaben der Zeitung "Jerusalem Post" an, sie werde ihre Operationen gegen die Tunnelanlagen an der Südgrenze zu Ägypten ausweiten. Durch die Tunnel werden Waffen in den Gaza-Streifen eingeschmuggelt. Diese Waffenlieferungen zu unterbinden ist eines der Ziele der israelischen Offensive.

Das israelische Militär griff am Sonntag 60 Ziele an, darunter 20 Schmugglertunnel an der Grenze zu Ägypten und mehrere Waffenlager. 15-mal seien feindliche Kämpfer angegriffen worden, teilte ein israelischer Militärsprecher mit. Militante Palästinenser schossen 20 Raketen auf Südisrael ab. Eine neue dreistündige Feuerpause wurde am Sonntag wieder nicht eingehalten.

Insgesamt belief sich die Zahl der Toten seit dem 27. Dezember nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza bis Sonntagabend auf 901. 3600 Menschen wurden demnach verletzt.

ffr/dpa/AP/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.