Gaza-Offensive Israel nimmt Dutzende Hamas-Mitglieder gefangen

Die Rufe nach einer Waffenruhe werden lauter, Hilfsorganisationen schlagen Alarm - doch Israel treibt seine Offensive im Gaza-Streifen voran. Die Armee hat bereits Dutzende Hamas-Mitglieder gefangen genommen, jetzt droht ein Häuserkampf.


Jerusalem - Die israelischen Streitkräfte setzen ihre Offensive im Gaza-Streifen mit voller militärischer Kraft fort: Kampfjets, Kriegsschiffe und Bodentruppen bombardierten und beschossen am Montag Moscheen, Wohnhäuser und Schmugglertunnel. Mindestens 16 Zivilpersonen wurden getötet, nach Angaben palästinensischer Ärzte sollen unter den Opfern zehn Kinder sein.

Während die internationalen Bemühungen um einen Waffenstillstand auf Hochtouren liefen, lehnt Israel eine Feuerpause zum derzeitigen Zeitpunkt ab. Außenministerin Zipi Livni sagte am Montag nach einem Treffen mit einer hochrangig besetzten Vermittlungsdelegation der Europäischen Union in Jerusalem, der Kampf gegen die Hamas werde weitergehen.

Ähnlich äußerte sich der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak. Die Offensive werde fortgesetzt, weil ihre Ziele noch nicht erreicht seien. Bislang laufe alles nach Plan, sagte er einem parlamentarischen Ausschuss. Hamas habe bereits schweren Schaden erlitten.

Gefangene werden nach Israel gebracht

Seit Beginn seiner Bodenoffensive hat das israelische Militär im Gaza-Streifen bereits Dutzende Mitglieder der islamistischen Gruppierung gefangengenommen. Ein Teil von ihnen sei bereits verhört und nach Israel gebracht worden, sagte ein israelischer Armeesprecher am Montag. Israel hatte am Samstagabend nach tagelangen Luftangriffen mit einer Bodenoffensive in dem Palästinensergebiet begonnen.

Das Militär will mit seinen Angriffen den anhaltenden Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen auf Israel beenden. Seit Sonntagabend feuerten radikale Palästinenser nach Angaben der israelischen Polizei erneut 24 Raketen auf Israel ab. Die palästinensischen Geschosse haben bisher vier Israelis getötet und mehr als 30 weitere verletzt. Im Gaza-Streifen kamen seit Beginn der israelischen Offensive am 27. Dezember nach palästinensischen Angaben mindestens 523 Menschen ums Leben, rund 2500 weitere wurden verletzt.

In der Nacht waren Tausende israelische Soldaten mit Unterstützung von Kampfhubschraubern weiter in den Gaza-Streifen vorgerückt. Palästinenser berichteten am Morgen von Gefechten im östlichen Teil des Autonomiegebiets nahe der israelischen Grenze. Hamas-Kämpfer schossen Mörsergranaten auf die heranrückenden Panzer.

Hamas droht mit Anschlägen

Die israelischen Soldaten besetzten nach palästinensischen Angaben drei sechsstöckige Häuser am Stadtrand von Gaza, um auf dem Dach Geschütze aufzubauen. Unklar war, ob die Armee in die Stadt mit ihren 400.000 Einwohnern vorrücken wollte, wo ihr in verwinkelten Gassen ein erbitterter Häuserkampf drohen könnte. Die Truppen "sind vorbereitet, falls nötig", sagte Militärsprecherin Avital Leibovich.

In Dschabalija bombardierten die Streitkräfte nach eigenen Angaben eine Moschee, in der angeblich Waffen gelagert wurden. In Gaza sei ein unterirdischer Bunker zerstört worden, an der Grenze zu Ägypten seien zahlreiche Schmugglertunnel getroffen worden.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Die Hamas drohte inzwischen mit Anschlägen auf israelische Zivilpersonen und Einrichtungen in der ganzen Welt. Die Tötung von Palästinensern im Gaza-Streifen rechtfertige das Töten von Israelis, sagte Hamas-Führer Mahmud Sahar in einer am Montag im Hamas-Fernsehen ausgestrahlten Botschaft. Ein Sprecher des militärischen Flügels der Organisation sagte demselben Sender, die Hamas werde künftig noch mehr Raketen mit größerer Reichweite auf Israel abfeuern und Soldaten als Geiseln nehmen.

Ein Sprecher des militärischen Arms der radikalen Palästinensergruppe Islamischer Dschihad drohte am Montag: "Tausende von Kämpfern stehen auf den Straßen und in den Gassen bereit, um die feindlichen Streitkräfte anzugreifen und zu besiegen."

Hilfsorganisationen schlugen am Montag angesichts der immer dramatischeren Lage der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen Alarm. Die Krankenhäuser seien inzwischen völlig überlastet, teilte Ärzte ohne Grenzen mit. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) erklärte, Krankenhäuser seien durch die Angriffe beschädigt. Es fehle an Verbandszeug und Medikamenten, vor allem an Schmerz- und Betäubungsmitteln. Aber auch Leichensäcke und -tücher würden knapp, erklärte das Rote Kreuz.

Das IKRK rief Israel und die Hamas zur Wahrung des humanitären Völkerrechts und zur Verschonung der Zivilbevölkerung auf. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International äußerte sich besorgt.

phw/dpa/AFP/Reuters/AP

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