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05. Dezember 2013, 16:06 Uhr

Blockierter Gaza-Streifen

Palästinenser büßen für die Freundschaften der Hamas

Aus dem Gaza-Streifen berichtet

Der Sturz der Muslimbrüder in Ägypten kam für die Menschen im Gaza-Streifen einer Katastrophe gleich: Seit die Generäle in Kairo regieren, ist der einzige Grenzübergang ins Nachbarland geschlossen und der Tunnelschmuggel unterbrochen. Das Leben in dem blockierten Gebiet ist härter denn je.

So langsam hat Mutter al-Alul keine Tränen mehr: Fünf Mal hat sie sich seit Anfang November tränenreich von ihren beiden Söhnen verabschiedet. Fünf Mal hat sie Mohammed und Bahaa in dem Glauben geküsst, sie sechs Jahre lang nicht wiederzusehen. "Mittags standen wir dann jeweils wieder zu Hause vor der Tür", sagt der 20-jährige Mohammed. Die Rückkehr löste jedes Mal neue Weinkrämpfe aus: "Mutter ist natürlich froh, wenn wir wiederkommen. Doch es bricht ihr das Herz, dass wir vielleicht unsere Studienplätze verlieren", sagt Mohammed.

Mohammed und sein 18-jähriger Bruder sind Palästinenser aus Gaza-Stadt. Beide haben ein Stipendium für ein Medizinstudium in der sudanesischen Hauptstadt Khartum. Von dort sollen sie erst als fertige Ärzte in den Gaza-Streifen zurückkehren - so der Plan.

Also stehen Mohammed und Bahaa seit Wochen alle paar Tage in aller Herrgottsfrühe vor dem staubigen Wellblechbau, der im Sand des Gaza-Streifens die Grenze nach Ägypten markiert. Vergeblich. Seit die Armee im fernen Kairo die Muslimbrüder entmachtet hat, bleibt der Schlagbaum meistens unten. Und selbst wenn er mal oben ist, wird nur eine Handvoll Reisende durchgelassen. Seit Anfang November war der Grenzübergang nur fünf Mal für wenige Stunden offen. Die Warteliste für die Ausreise ist ellenlang.

Rafah ist ein Ort der Frustration, des vergeblichen Wartens. Verkäufer von Kaffee und Zigaretten machen beste Geschäfte, ansonsten gärt unter den Herumsitzenden der Unmut. Immer wieder entlädt er sich in Faustkämpfen, wenn jemand verdächtigt wird, sich vorzudrängeln.

Die Schikane ist eine Strafaktion: Die Hamas, die 2007 die Alleinherrschaft über den Gaza-Streifen an sich riss, ist eine Schwesterorganisation der ägyptischen Muslimbrüder. Die ägyptischen Generäle haben nach ihrem Putsch gegen die Brüder im Juli deshalb auch der Hamas den Krieg erklärt.

Rafah ist für viele Palästinenser das Tor zur Welt

Für die vielen hundert Menschen, die heute mit Mohammed und Bahaa wieder vergeblich auf ihre Ausreise warten, kommt das einer Katastrophe gleich, denn Rafah ist ihr Tor zur Welt. "Das Semester hat vor vier Wochen angefangen" sagt Bahaa. "Wenn wir nicht bald nach Khartum kommen, streichen die Sudanesen uns die Stipendien."

Als im Sommer 2012 mit Mohammed Mursi ein Muslimbruder zum Präsidenten Ägyptens gewählt wurde, verteilten Anhänger der Hamas im Gaza-Streifen Süßigkeiten an Passanten. "Die Hamas dachte, jetzt würden goldene Zeiten anbrechen", sagt Hani Habib, politischer Analyst in Gaza-Stadt.

Jahrzehntelang hatte Ägyptens Ex-Präsident Husni Mubarak gemeinsam mit Israel die Blockade des Gaza-Streifens aufrecht erhalten. Das sollte sich nun ändern: Zwar war auch die neue ägyptische Regierung durch internationale Verträge verpflichtet, den Warenfluss in das Küstengebiet zu limitieren. Doch unter Tage florierte während der Herrschaft der Brüder in Kairo der Handel: Lebensmittel und Elektrogeräte, Autos und Medikamente, Waffen, Vieh und Treibstoff wurden durch die teilweise kilometerlangen Gänge in den Gaza-Streifen gebracht.

Zum ersten Mal seit langem gab es regelmäßig Strom und erschwingliches Benzin. Strandhotels und Ausflugslokale öffneten, in den Geschäften kam die aktuelle Mode der arabischen Welt an. Zigtausende verdienten dank des Schmuggels ihren Lebensunterhalt.

Die Hamas schätzte das Volumen des monatlichen Tunnelschmuggels zu seinen Hochzeiten auf umgerechnet 170 Millionen Euro - und verdiente kräftig mit. Doch vor einem Monat hat die ägyptische Armee die letzten unterirdischen Lebensadern des Gaza-Streifens geflutet.

Seitdem blinken die gerade erst installierten Leuchtreklamen entlang der Einkaufsstraßen nur noch sporadisch. In den dunklen Straßen von Gaza-Stadt - auch die Straßenbeleuchtung ist der Stromknappheit zum Opfer gefallen - ziehen Händler wieder auf Eselskarren ihre Runden.

Der Traum vom Ausland

An den ehemaligen Tunneleingängen unten im Süden hängen die ehemals hier Beschäftigen untätig herum. "Ein Jahr lang habe ich gutes Geld verdient, bis zu 10 Euro am Tag", sagt Karam, der als Träger Lasten durch die Gänge brachte. Nun verbringt der 17-Jährige seine Tage damit, den sandigen Boden des Grenzstreifens mit Zigarettenkippen zu spicken. Er hegt Träume, die sich vermutlich nie erfüllen werden: "Ich will raus aus Gaza, im Ausland leben."

Der Hamas wird die Blockadepolitik Ägyptens so schnell nichts anhaben können. Sie hat vorgesorgt, die Schatullen gefüllt, wird von ihren Reserven lange überleben können.

Hoffnungen, dass sich die Bevölkerung des Gaza-Streifens gegen die Hamas erheben würde, hält Hani Habib für verfrüht. Für politisches Aufbegehren hätten die meisten keine Energie. "Derzeit haben wir nur zwölf Stunden Strom am Tag in Gaza", sagt Habib. Für Ladenbesitzer bedeute das Einkommensverlust, für Firmen, dass die Arbeit liegenbleibt. Ohne Strom gebe es kein fließend Wasser, die Kanalisation streike regelmäßig. Mütter säßen ab fünf Uhr mit ihren Kindern im Dunkeln, müssten zusehen, wie sie sie beschäftigen. "Glauben sie mir, in Gaza haben die Leute keine Zeit für Revolution."

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