Gaza-Streifen Extremisten veröffentlichen Lebenszeichen des israelischen Soldaten Schalit

Es ist das erste direkte Lebenszeichen genau ein Jahr nach seinem Verschwinden: Die palästinensischen Entführer des verschleppten israelischen Soldaten Gilad Schalit haben eine Tonbandaufnahme ihrer Geisel veröffentlicht - der Hilferuf eines Verzweifelten.


Gaza - Ein handgeschriebener Brief, überreicht im vergangenen September von einem ägyptischen Vermittler - das war die letzte Botschaft, die Gilad Schalits Eltern von ihrem Sohn bekommen hatten. Fast zehn Monate später dürfen sie nun wenigstens wieder Hoffnung schöpfen, dass ihr von palästinensischen Extremisten verschleppter Junge zumindest noch am Leben ist.

Website der Kassam-Brigaden mit der schriftlichen Fassung der Schalit-Botschaft: "Ich vermisse euch alle"
AFP

Website der Kassam-Brigaden mit der schriftlichen Fassung der Schalit-Botschaft: "Ich vermisse euch alle"

Auf den Tag ein Jahr nach der Entführung Schalits im Gaza-Streifen veröffentlichten die Kidnapper auf einer Webseite des militärischen Arms der radikal-islamischen Hamas-Bewegung eine Aufnahme mit der Stimme des Soldaten. Auch wenn bislang unklar ist, wann und unter welchen Umständen das Tondokument zustande kam - es ist der flehentliche Hilferuf eines Verzweifelten.

Zunächst ist zu hören, wie Schalit auf Hebräisch seine Familie und seine Kameraden in der Armee grüßt. "Ich vermisse euch alle", sagt Schalit. "Ich bin seit einem Jahr im Gefängnis und meine Gesundheit verschlechtert sich zusehends", sagt der Entführte. Er habe eine längere Krankenhausbehandlung dringend nötig. Dann äußert Schalit sein Bedauern darüber, dass die israelische Regierung und die Armee sich nicht ausreichend für sein Schicksal interessierten und die Forderungen der Kassam-Brigaden der Hamas nicht erfüllen wollten.

Der damals 20-jährige Schalit war am 25. Juni 2006 bei einem Überfall im Grenzgebiet zwischen dem Gaza-Streifen und Israel verschleppt worden. Extremisten hatten sich durch einen Tunnel Zugang zu israelischem Gebiet verschafft. Zwei weitere Soldaten wurden bei dem Vorstoß unter dem Kommando der Hamas getötet. Verhandlungen über eine Freilassung Schalits im Gegenzug für palästinensische Gefangene sind bislang ohne Ergebnis geblieben. Angesichts der jüngsten Gewaltwelle im Gaza-Streifen in den vergangenen Monaten waren die Vermittlungsbemühungen für eine Freilassung ohnehin eingestellt worden.

Noch gestern hatte Schalits Vater den israelischen Regierungschef Ehud Olmert scharf kritisiert. Während einer Demonstration vor dem Parlament in Jerusalem sagte Noam Schalit, Olmert müsse entweder eine rasche Freilassung des Entführten bewirken oder "sein Amt einem anderen übergeben".

Noam Schalit hörte sich die Aufnahme seines Sohnes heute beim Fernsehsender Channel 2 an. Offenbar sei die Erklärung seines Sohnes erzwungen, sagte er anschließend. "Ich denke, es ist das gleiche wie bei dem Brief, den sie ihm diktiert haben, und spiegelt nicht seinen wahren Zustand wider", erklärte Noam Schalit. Sein Sohn müsse von einem unabhängigen Arzt untersucht werden, forderte er.

In der Tonbotschaft appelliert Gilad Schalit an die israelische Regierung, auf palästinensische Forderungen nach einem Austausch zahlreicher Gefangener einzugehen. "So wie ich Eltern habe, Mutter und Vater, so haben tausende palästinensischer Gefangener Mütter und Väter, denen ihre Söhne zurückgegeben werden müssen", erklärte der israelische Soldat.

Israel dämpft Erwartungen an Gipfel

Kurz vor Veröffentlichung des Audiodokuments hatten seine Entführer betont, dass es der Geisel gut gehe. "Schalit ist am Leben und wird gut behandelt", sagte ein Sprecher der Volkswiderstandskomitees, einer von drei Gruppen, die an der Entführung beteiligt ist. Die Extremisten forderten Schalits Familie auf, den Druck auf die israelische Regierung zu erhöhen, damit diese wie gefordert palästinensische Gefangene im Austausch für die Freilassung des Soldaten auf freien Fuß setzt.

Am Vormittag war im Internet ein Video des ebenfalls im Gaza-Streifen entführten britischen Journalisten Alan Johnston aufgetaucht. Darin erklärt Johnston, seine Entführer drohten, den um seinen Leib geschnallten Sprengstoff bei einem Befreiungsversuch zu zünden. Im Fall Johnston forderte die Hamas jedoch eine umgehende Freilassung der Geisel und drohte mit deren gewaltsamen Befreiung. Johnston war am 12. März in Gaza verschleppt worden und wird seitdem von der Gruppierung Armee des Islam festgehalten.

Vor Beginn des Nahost-Gipfels in Ägypten hat Israel die Erwartungen an das Treffen gedämpft. Ministerpräsident Ehud Olmert sagte heute vor seinem Abflug nach Scharm al-Scheich, von den Gesprächen sei kein großer Durchbruch zu erwarten. Dennoch hoffe er, dass der Gipfel möglicherweise den Ausgangspunkt für neue Friedensverhandlungen bilden könne. Optimistischer zeigte sich der palästinensische Präsident Mahmud Abbas. Er erklärte, er habe Zusicherungen aus den USA und Israel erhalte, dass Jerusalem zu Fortschritten bei dem Treffen bereit sei.

phw/AP/dpa/Reuters/AFP

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