Gaza-Streifen Hamas jagt Raketen-Kommandos

Verhaftungen, Einschüchterung, Folter: Mit aller Gewalt versucht die Hamas, militante Splittergruppen im Gaza-Streifen zur Waffenruhe mit Israel zu zwingen. Denn solange Raketen fliegen, blockiert Jerusalem lebensnotwendige Lieferungen. Ohne die bröckelt die Machtbasis der Hamas.

Beirut - Der Kommandant der "Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden" im Gaza-Streifen ist auf der Flucht. "Die Hamas hat mich auf ihre Liste gesetzt, ich werde gesucht", sagt Amir Aischarif am Telefon. Er bewege sich von Haus zu Haus, bleibe nirgends länger als ein paar Stunden, berichtet er gehetzt.

Der Milizionär klingt nicht sehr zuversichtlich, seinen Häschern zu entkommen: Es ist keine 24 Stunden her, dass Sicherheitsleute der Hamas sieben seiner Untergebenen verhaftet haben. Drei hatten gerade eine Rakete auf Israel abgefeuert, vier bereiteten den nächsten Kassam-Abschuss vor. Dass die Hamas alles daran setzen wird, nun auch ihn zu schnappen, liegt auf der Hand: Aischarif war es, der den Befehl zum Raketenabschuss gab.

Ein Angriff auf Israel - darauf steht im von der Hamas kontrollierten Gaza-Streifen neuerdings Haft. Und wenn man Pech hat, auch Folter. Um abtrünnige Raketen-Kommandos zur Ruhe zu zwingen, ist der Hamas jedes Mittel recht. Die Alleinherrscherin über Gaza hat ihr Wort gegeben, dass in und um den Gaza-Streifen ein Waffenstillstand herrscht – nun muss sie vor Israel und der Welt dafür geradestehen.

Deshalb geht die Hamas gegen Männer vor, die Israel attackieren: Selten hat der Satz vom Bock, der zum Gärtner gemacht wurde, besser gepasst. Noch vor vier Wochen feierten die Radikal-Islamisten jede Rakete auf Israel als kleinen Sieg. Es waren vor allem Hamas-Milizen, die mit Kassams auf Israel schossen. Fast täglich landeten ihre Geschütze in Israels grenznahen Feldern, in Kibuzzen oder im Städtchen Sderot. Israel flog parallel dazu schwere Luftangriffe auf den Gaza-Streifen – ein Hauen und Stechen, bei dem es keinen Gewinner gab.

Die Waffenruhe wird immer wieder gebrochen

Am 19. Juni dann einigten sich Israel und die Hamas auf eine auf ein halbes Jahr begrenzte Waffenruhe. Beide Seiten haben sie dringend nötig. Jerusalem steht unter Druck, die Lebensbedingungen für seine Grenzanrainer zu verbessern. "Invasion oder Waffenstillstand?" lautete die Frage - die Regierung Ehud Olmerts entschied sich für die von einer Mehrheit der israelischen Bevölkerung unterstützten friedliche Variante.

Die Hamas ihrerseits muss es irgendwie schaffen, die Lebensbedingungen im Gaza-Streifen zu verbessern. Seit der Machtübernahme der Radikal-Islamisten im vergangenen Sommer hatte Israel das Küstengebiet mit einer Blockade belegt. Kaum mehr das nötigste an Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten gelangte hinein in die abgeriegelte Zone. Die Lage wurde zusehends schlimmer, die Hamas musste Erleichterung schaffen, wollte sie den Rückhalt in der Bevölkerung nicht verlieren. Auch deshalb willigte sie in die Waffenruhe ein, die Israel zusätzlich zu militärischem Stillhalten verpflichtet, Waren in den Gaza-Streifen zu lassen.

Seit dem vor gut drei Wochen geschlossenen Stillhalteabkommen haben beide Seiten die Abmachungen wiederholt gebrochen. Israelische Soldaten feuern beinahe täglich mit Handfeuerwaffen über die Grenze. Am Donnerstagmorgen starb dabei ein unbewaffneter Palästinenser – der erste Tote seit Beginn der Waffenruhe. Von palästinensischer Seite flogen in den vergangenen drei Wochen etwa ein Dutzend Raketen gen Israel. Jerusalem antwortete mit einer erneuten Schließung der Grenze, was heißt, dass noch immer viel zu wenig der dringend benötigten Waren in das Küstengebiet gelangen. Benzin kostet in Gaza inzwischen sechs Euro pro Liter. Trinkwasser in Flaschen gibt es nicht mehr zu kaufen, seit der Abfüllstation das Plastik für die Flaschen ausgegangen ist.

Der Bruch der Waffenruhe von palästinensischer Seite geht auf das Konto des "Islamischen Dschihad" und der "Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden" von Amir Aischarif – und hat bei der Hamas erst ohnmächtigen Zorn und jetzt Vergeltungsmaßnahmen gegen die Unruhestifter ausgelöst.

Die Hamas ist verletzbarer denn je

Die jüngsten Raketen auf Israel sind Teil eines innerpalästinensischen politischen Ränkespiels, bei dem die Querulanten auf das Wohl der Bevölkerung keine Rücksicht nehmen. Die Waffenruhe hat die Hamas angreifbar gemacht – von innen. Für militante Gruppen, die im Gaza-Streifen ihr eigenes Süppchen kochen wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, der Hamas zu schaden.

Der Bruch des Stillhalteabkommens, für den die Hamas geradestehen muss, ist der Versuch, "die Hamas politisch in Schwierigkeiten zu bringen" wie sich der Sprecher des Hamas-geführten Innenministeriums im Gaza-Streifen beschwert. "Die Al-Aksa-Brigaden sollen doch nichts vom Widerstand gegen Israel erzählen", schimpft Ihab Al-Ghusain. Über ein Jahr lang hätten die Brigaden keine einzige militärische Aktion gegen Israel unternommen, "und jetzt sollen sie plötzlich aufgewacht sein?", sagt Al-Ghusain.

Auch wenn Al-Ghusains Meinung stark von der Hamas-Ideologie geprägt sein dürfte: Beobachter auf palästinensischer und israelischer Seite teilen seine Meinung, dass hinter der Aktivität der Brigaden politisches Kalkül steckt. Schließlich handelt es sich bei den "Al-Aksa-Brigaden" um den militanten Flügel der Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.

Im blutigen Showdown mit der Hamas im Gaza-Streifen zogen sie im Sommer vergangenen Jahres den Kürzeren. Der Machtkampf zwischen den beiden verfeindeten Lagern jedoch besteht weiter. Den Brigaden könnte es nicht Unrecht sein, sollten ihre Raketen auf Israel den von der Hamas als großen Erfolg verkauften Waffenstillstand zunichte machen.

Ein Kämpfer des "Islamischen Dschihad" auf der Flucht

Abu Abed sitzt auf dem Sofa seiner Großeltern und hat Angst. "Ich habe eine Herzkrankheit, ich halte das nicht durch, wenn die mich in die Mangel nehmen", sagt er kläglich. In der vergangenen Woche hat der Kämpfer für den "Islamischen Dschihad" Raketen auf Israel gefeuert. Dafür stehen er und 14 seiner Kameraden nun auch auf der Fahndungsliste der Hamas.

Abu Abed versteckt sich bei den Großeltern. Seine Angst vor Misshandlungen scheint begründet. Zwei seiner Brüder gehörten zu einem ersten Schwung Kämpfer des "Dschihad", die die Hamas wegen Raketenattacken trotz Waffenruhe vergangene Woche vorübergehend verhaftete.

"Sie haben ihnen die Hände hinter dem Rücken gefesselt und sie dann stundenlang daran aufgehängt", sagt Abu Abed. Für einen seiner Brüder hätten seine Peiniger eine Leiter an die Wand gemalt und ihm dann befohlen, diese hinaufzuklettern. "Die haben sich amüsiert, wie er versucht hat, die Wand hochzugehen."

Spätestens seit dem Folterbericht seiner inzwischen wieder freigekommenen Brüder – beide haben sich laut Abu Abed die Schultern verletzt – ist die Hamas in den Augen des 24-Jährigen eine Verräterin. "Die Sperren uns Widerstandskämpfer ein und erledigen so für die Israelis die Drecksarbeit."

"Das sind doch Memmen"

Wie auch alle anderen Splittergruppen im Gaza-Streifen hat der "Islamische Dschihad" die auf arabisch "Tahadiyeh" genannte Waffenruhe anfangs unterstützt. Delegationen aller Fraktionen waren Mitte Juni ins Mittlerland Ägypten gereist, um die entsprechenden Dokumente zu unterzeichnen. Doch nachdem die Hamas wiederholte Verletzungen der Abmachungen seitens Israels unbeantwortet ließ, haben die "Dschihadisten" die Dinge in die eigene Hand genommen.

"Das sind doch Memmen", schimpft Siad, der eines der Raketenkommandos des "Islamischen Dschihad" führt, über die Herrscher von Gaza. "Die Hamas will den Leuten ein süßes Leben bereiten, nur damit sie an der Macht bleiben." Wahrer Widerstand vergelte Auge um Auge, Zahn um Zahn, sagt er.

Siad sitzt an diesem Nachmittag am Strand. Bis zum Horizont haben es sich Hunderte Großfamilien im Schatten der von Strandcafés aufgespannten Sonnenschirme bequem gemacht. Fliegende Händler machen die Runde, Männer und in langärmlige Badekleider gehüllte Frauen hüpfen in der Brandung auf und ab.

Siad ist trotz der Ferienstimmung um ihn herum nicht ganz wohl: Bärtige Männer in den schwarzen Uniformen der Hamas patrouillieren die Strände, und zwar hoch zu Pferd. "Wenn die mich erkennen, bin ich dran", sagt Siad. Es ist keine Woche her, dass er die letzte Raketenmission für den "Dschihad" unternommen hat." Darüber, was passieren würde, sollte ihn eine der berittenen Patrouillen tatsächlich mitnehmen in eines der berüchtigten Gefängnisse Gazas, macht sich der 22-Jährige wenig Illusionen. "Baff, baff, zwei Schüsse in die Knie, das wird es wohl sein", sagt er.

Unschuldiger Tod an der Grenze

Die ganz großen Verlierer der allzu wackeligen "Tahadiyeh" sitzen am Freitag im Schatten eines Zeltes vor einem Bauernhaus in Deir al-Balach. Es ist die Familie Al-Humeidi, die mit Freunden und Nachbarn zusammengekommen ist, um den Tod ihres Sohnes Salim zu betrauern. Der 21-jährige war am Donnerstagmorgen auf dem Rückweg vom Haus seines Onkels, wo er endlich mal wieder eine Nacht mit seinen Cousins verbracht hatte.

"Salim war lange nicht da gewesen, die Grenzregion war zu gefährlich", erzählt der Vater des Getöteten, während er den Gästen Kaffee ausschenkt. "Jetzt dachten wir, dass es gut ist, dass wir uns wieder bewegen können." Salims Heimweg führte ihn an der Grenze zu Israel entlang. Nach Berichten des israelischen Militärs wurde er dabei von israelische Soldaten aufgefordert, anzuhalten. Al-Humeidi ging weiter, "vielleicht, weil er dachte, dass die Israelis die Waffenruhe respektieren", wie sein Vater bitter sagt.

Die Soldaten eröffneten das Feuer und töteten Al-Humeidi. Ein Sprecher des israelischen Militärs gab später an, dass al-Humeidi unbewaffnet gewesen sei.

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