Gaza-Streifen Im Folterkeller der Fatah
Gaza - Die Zellen sind klein, vielleicht zwei mal zwei Meter groß. Durch ein Oberlicht dringt ein wenig Licht in die Gelasse. Hinter einem Mäuerchen dient ein Loch im Boden als Toilette. An den Wänden Inschriften der Gefangenen: "Al-Qaida in Jerusalem", "Islamischer Dschihad", einer hat "Mutter, oh meine Mutter" in den Putz gekratzt.
Die Kinder haben keinen Blick für die Graffiti. Zu viert jagen sie durch die etwa 30 Zellen des Kellers, ihre Mütter und Tanten im Schlepptau. Die neunköpfige Familie hat sich den Nachmittag freigenommen. Anderswo geht man mit seinen Kindern ins Gruselkabinett, in Gaza dieser Tage in die Folterkeller der Fatah.
Die Zentrale des von der Fatah-Bewegung kontrollierten Sicherheitsdiensts in Gaza ist seit vergangenem Donnerstag frei zugänglich. Hier ist jetzt jeder Tag ein Tag der offenen Tür.
Jahrelang war der Komplex ein Symbol des Schreckens, verbreitet von den Sicherheitsleuten, die direkt Palästinenserpräsident Mahmud Abbas unterstellt waren und es auf dessen Gegner abgesehen hatten. Hierher wurden Hamas-Männer gebracht, nachdem die Fatah sie gefangen genommen hatte. Einige kamen wieder frei und berichteten von Folterungen. Andere verschwanden für immer.
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren seit Jahren systematische Menschrechtsverletzungen in den Gefängnissen des Sicherheitsdienstes, sowohl in Gaza als auch im Westjordanland. Dass die Hamas in der vergangenen Woche die Zentrale in Gaza eingenommen hat, war insofern nicht nur strategisch bedeutend. Es war ein hoch symbolischer Akt.
"Dieses Gebäude ist steinerner Ausdruck des Unrechts", sagt Abu Mohammed. Er ist Offizier der militanten Kassam-Brigaden der Hamas. Er führte den Angriff auf den Komplex. Seit der Eroberung hat er mit seiner Einheit in dem Compound Stellung bezogen. Abu Mohammed hat sich das Pförtnerhäuschen als Büro ausgesucht. "Wir sind gekommen, weil wir den Ort sehen wollten, wo unsere Brüder getötet wurden", sagt er.
Vor drei Tagen hätten seine Soldaten vier Leichen exhumiert, die in einem der Gefängniskeller verscharrt worden seien, erzählt er müde. Einen Kameraden von den Kassam-Brigaden, Nasser al-Juju, hätten sie identifizieren können. Er sei erst kurz zuvor getötet worden. "Die anderen lagen schon sehr lange in diesem Keller."
Im Nebenraum des Pförtnerhäuschens trocknen von Fliegen umschwirrt große Blutlachen. "Die Fatah hat diesen Raum für Erschießungen genutzt", sagt der Kassam-Milizionär.
Warum der Sicherheitsdienst Hinrichtungen in einem Raum mit zwei Fenstern direkt neben der Toreinfahrt vorgenommen haben soll, in einem Komplex mitten in einem Wohnviertel - das wird nicht klar.
Der Verdacht drängt sich auf, das Abu Mohammeds Männer hier Fatah-Männer erschossen haben könnten, die sich ergeben wollten. Augenzeugen hatten am vergangenen Donnerstag berichtet, dass den Fatah-Verteidigern des Gebäudes einem nach dem anderen in den Kopf geschossen wurde, als sie sich schließlich mit bloßem Oberkörper und erhobenen Händen ergeben wollten. "Nicht einen haben wir getötet, das wäre unislamisch", sagt Abu Mohammed dazu.
Die Hamas hält sich für den Hüter des Rechts
Vor Abu Mohammed liegen auf dem Schreibtisch ein Bündel Duschka-Munition und ein Buch "Erfahrungen aus dem Vietnam-Krieg". Beides sei gerade eben erst abgegeben worden. Die Hamas habe dazu aufgerufen, gestohlenes Eigentum der palästinensischen Autonomiebehörde zurückzubringen. Genau das täten die Leute aus der Nachbarschaft nun.
Abu Mohammed verliest eine lange Liste: Waffen und nochmals Waffen, CDs, Munition, Landminen, Computer, Walkie-Talkies. All das sei schon zurückgebracht worden. Immer mehr Reumütige meldeten sich, um abzugeben, was sie sich unrechtmäßig genommen hätten.
Was zunächst unglaublich klingt, bestätigt sich wenige Minuten später am Tor. Abu Ahmed trägt Strickkäppi und ein langes Gewand - den Look des frommen Muslims. Kleinlaut liest er mit Blick auf einen Spickzettel vor, was er beim Ausräumen des Gebäudes des Sicherheitsdienstes an Beute gemacht hat und die Hamas bitte bei ihm zu Hause abholen möchte. "Papier für einen Drucker, einen Stuhl, eine Wanduhr, einen Ventilator, einen Videorekorder mit Fernbedienung und ein Radio."
Er entschuldigt seine Raffgier: Die Fatah habe während der Kämpfe auch seinen Bruder getötet. Während er noch redet, trottet ein Esel durchs Tor. Auf seinem Karren stapeln sich Türen, Bretter, zerlegte Aktenschränke, Abwasserrohre - zurückgeschickt vom zwischenzeitlichen Besitzer.
Abu Mohammed im blauen Hamas-Camouflage strahlt: "Sehen Sie, wenn die Hamas dazu aufruft, Diebesgut zurückzubringen, dann folgen die Leute, und zwar freiwillig."
Imad al-Akad war schon einmal in dem Sicherheitsdienst-Gebäude - vor vier Jahren. Mit verbundenen Augen wurde er damals durch lange Flure geführt. Erst in einer überfüllten Gemeinschaftszelle sei ihm die Binde abgenommen worden. Akad war verhaftet worden, weil er Steine auf einen Major der Armee geworfen hatte, der angeblich ein Kind vergewaltigt hatte. Der damals 18-Jährige kam mit dem Schrecken davon. Nach elf Tagen wurde er freigelassen. Die berüchtigten Einzelzellen im Keller hat er nie gesehen.
Heute ist er mit Freunden gekommen, um den Ort zu besuchen, an dem er die schlimmsten Tage seines Lebens verbrachte. "Einmal die komplette Führung, bitte", scherzt er mit den Hamas-Männern am Eingang.
Andere ehemalige Insassen seien nicht zu Späßen aufgelegt gewesen, als sie in den vergangenen Tagen vorbeischauten, erzählen die Wachen. Gestandene Männer hätten geweint, als sie ihre Zellen wieder gesehen hätten. Andere hätten Witwen begleitet, die sehen wollten, wo ihre Ehemänner ermordet wurden.
Die Hamas hat die Macht im Gaza-Streifen übernommen. Was will sie nun damit anfangen? Soll ein islamischer Staat nach Irans Vorbild errichtet werden? "Das kann man nicht verordnen. Dorthin kann nur Gott uns führen", sagt Abu Mohammed an seinem Pförtnerschreibtisch.
Und was ist besser in Gaza, nun, da die Hamas am Ruder ist? "Dass Sie als ausländische Journalisten hier sitzen können, ohne gekidnappt zu werden", sagt der Milizionär und lächelt fein. "Es gibt jetzt Sicherheit in Gaza, sogar für die Fatah-Leute." Die Hamas habe alle gefangenen Feinde freigelassen, "bis auf ein paar Dutzend mit Blut an den Händen", und garantiere für ihre Sicherheit. "Hier herrscht jetzt Recht und Ordnung."