Gaza-Streifen Kriegsberichte per Telefon

Ist die Gaza-Offensive der israelischen Armee wirklich so erfolgreich? Klare Antworten gibt es nicht, denn Israel verweigert Journalisten den Zugang in die Kriegszone. Nur per Telefon können Berichte übermittelt werden. Die Lage der Zivilbevölkerung scheint verzweifelt.

Eigentlich ist dies ein Ort, der wie gemacht ist für romantische Sonnenuntergänge. Eine Hügelkuppe, auf der ein paar alte Pinien stehen, der Blick geht über Felder und Dörfer aufs Mittelmeer. An einem dicken Ast hängt eine Schaukel. Dutzende Journalisten schieben sie immer wieder zur Seite, um an den Rand des Hügels zu gelangen: Dort postieren sich die TV-Korrespondenten für die Kameraaufsager. Hinter ihnen liegt der Gaza-Streifen. Ab und an wummern Detonationen, steigen dunkle Rauchpilze auf. Sturmgewehrfeuer schallt als Stakkato den Hügel hinauf. Keine vier Kilometer entfernt tobt der Krieg zwischen Israels Armee und der Hamas.

Das Panorama, das in Friedenszeiten Ausflügler anlockt, dient an diesem Sonntag als Kulisse für einen Krieg, den die Welt nicht sehen soll. Noch immer hat Israel keinen ausländischen Journalisten in den Gaza-Streifen gelassen - trotz gegenteiliger Ankündigungen. So findet sich die Weltpresse auf diesen Anhöhen ein: um die Infohäppchen weiterzugeben, die ihnen Israel zukommen lässt.

"Krieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit"

Die Beschneidung der Presse- und Informationsfreiheit in diesem Krieg wird zunehmend Gegenstand der Berichterstattung - auch mangels Zugang zu anderen Themen. Vor zwei Tagen verlor Paula Hancock von CNN die Geduld. Diese Art der Einflussnahme kenne man normalerweise aus Nordkorea oder Burma, sagte sie vor laufender Kamera. Auch André Marty, Korrespondent des öffentlich-rechtlichen Schweizer Fernsehens SF, hat seine Zuschauer schon wiederholt auf das Problem hingewiesen. "Man kann gar nicht oft genug sagen, dass dieser Krieg weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet", sagt Marty.

Wie die am Samstagabend begonnene Bodenoffensive Israels tatsächlich verläuft, ist ungewiss. Totenzahlen, Erfolgsmeldungen, Prognosen über den Verlauf des Krieges: Was von israelischen Offiziellen und arabischen Fernsehsendern mit Berufung auf die Hamas berichtet wird, widerspricht sich. Wie viele Kämpfer der Hamas getötet wurden, wie viele israelische Soldaten gefallen sind, ist unklar. Wie groß die Kampfkraft der Hamas ist, bleibt fraglich. Ebenso, ob die israelische Armee tatsächlich so erfolgreich ist, wie sie das erklärt.

Strenge Zensur für alle Journalisten

Selbst wenn Journalisten über Kontakte ins israelische Militär mehr wissen: Schreiben dürfen sie es nicht. Alle Nachrichten militärischer Natur unterliegen in Israel einer strengen Zensur. Auch Ausländer müssen sich unterwerfen. Wer sich über den Zensor hinwegsetzt, riskiert, seine Pressekarte zu verlieren. Auch deshalb wird sich erst mit Zeitverzögerung herausstellen, wie schwer die Verluste sind, die Israel hinnehmen musste: Aus Gründen der Pietät werden Todesfälle erst bekanntgegeben, wenn die Familie des Soldaten informiert ist.

Um sich über die Lage in Gaza zu informieren, bleibt das Telefon. Alberto Arce ist Spanier, vor drei Wochen landete er per Boot im Gaza-Streifen an, um dort humanitäre Hilfe zu leisten, wie er sagt. Mit acht anderen ausländischen Freiwilligen hilft er beim Roten Halbmond im Flüchtlingslager Dschabalija aus. Seit Beginn der Bodenoffensive ist er damit mitten drin in der Kampfzone. Dschabalija liegt in der Einfallschneise der israelischen Armee. "Vom Fenster aus kann ich Dutzende israelische Soldaten sehen", sagt Arce am Sonntag. Sie hätten sich im Abstand von wenigen Metern rund um das Flüchtlingslager postiert. "Immer zwischen zwei Mann liegt ihr Gepäck auf einem Haufen."

Arce vermutet, dass die Gruppe auf die Dunkelheit wartet, um dann weiter vorzurücken. Auch der Beginn des Einmarsches war am Samstag nach Einbruch der Nacht geschehen: Nachtsichtgeräte verschaffen den israelischen Truppen in der Dunkelheit einen Vorteil, selbst gegenüber Einheimischen, die sich vor Ort bestens auskennen.

Die erste Nacht der Bodenoperation erinnert Arce mit Schrecken. Er habe schon im Irak und im Libanon-Krieg als Freiwilliger gearbeitet, doch Bombardements dieser Stärke habe er noch nie erlebt. Fast die ganze Nacht hätten die Krankenwagen nicht ausrücken können, weil Panzer rund um die Ambulanzstation gestanden hätten. "Wir haben nur einen Verletzten und drei tote Zivilisten bergen können", sagt er. Bei den Zivilisten habe es sich um zwei Teenager gehandelt, die sie "tot, in ihren Unterhosen" gefunden hätten. Der dritte sei ein stark übergewichtiger Mann mit einem Einschussloch in der Stirn gewesen. "Dass der Militanter war, erscheint mir unwahrscheinlich."

Einen Kämpfer habe er in der Nacht getroffen. "Er zitterte und war total verängstigt", sagt Arce. "Er hat seine Waffe weggeworfen und wollte, das wir ihn mit der Ambulanz wegbringen aus der Gefahrenzone." Die Sanitäter hätten abgelehnt. "Mit Kämpfern wollen wir nichts zu tun haben, sonst sind wir ganz schnell ein Ziel."

"Ein paar Tage noch, dann werden wir hier hungern."

Am Sonntag habe es einen Exodus aus Dschabalija gegeben, erzählt Arce. Gruppen von 25, 30 Menschen seien aus den Häusern gekommen, in denen sie die Nacht über ausgeharrt hätten. Mit Tüten voller Brot und Wolldecken unter dem Arm hätten sie sich auf den Weg nach Gaza-Stadt gemacht. Unter den Flüchtlingen war auch Khaled Kahlut. Mit seinen Eltern, der Frau und fünf Kindern floh er aus dem Osten des Gaza-Streifens zu seinem Neffen in die Stadt.

Der ist Journalist, am Telefon erzählt er von der Odyssee seines Onkels. "Seit dem Morgen sind die lokalen Radiostationen und der al-Aksa-Fernsehsender der Hamas immer wieder gehackt worden", sagt Safuat Kahlut. Als kurz einmal der Strom wiederkam, habe er Nachrichten geschaut und es selbst gesehen: Der Bildschirm sei kurz Schwarz geworden, dann habe man Bilder von prominenten Hamas-Führern gesehen. In einer Art Comic-Clip hätten gezeichnete Scharfschützen auf die Bilder gezielt. "Hier spricht das israelische Militär. Dieses Mal seit ihr dran", habe eine Stimme auf Arabisch gesagt. Dann seien die Bewohner des Nordens des Gaza-Streifens aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen. Bis Sonntagnachmittag seien etwa 2000 Flüchtlinge in Gaza-Stadt eingetroffen und bei Verwandten untergeschlüpft.

Kein fließend Wasser, kaum noch Brot

Die Versorgungslage bereitet Kahlut die größten Sorgen. "Seit Tagen haben wir kein fließend Wasser mehr", sagt der 35-Jährige. Mit alten Coca-Cola-Flaschen holten die Menschen Wasser an den wenigen öffentlichen Anschlüssen, die noch in Betrieb seien. Es gebe kaum noch Brot: Der Weizen gehe langsam zur Neige, und Mühlen und Bäckereien hätten keinen Strom. Die Lage werde mit Sicherheit noch schlimmer werden, sagt Kahlut.

"Der Norden, den Israel erst bombardiert und jetzt eingenommen hat, ist die Kornkammer des Gaza-Streifens." Die meisten Lebensmittel für eineinhalb Millionen Menschen in Gaza seien bislang in der Kampfzone angebaut worden, auch die Viehzucht konzentriere sich dort. Jetzt drohe in Gaza eine humanitäre Krise nie da gewesenen Ausmaßes, eine Katastrophe. "Ein paar Tage noch, dann werden wir hier hungern."

Nahost-Konflikt

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