Gaza-Streifen Mehrheit der Israelis unterstützt Abzugspläne

Der Rücktritt von Finanzminister Netanjahu hat die Stimmung in der israelischen Bevölkerung nicht beeinflusst. Einer Umfrage zufolge unterstützt eine deutliche Mehrheit nach wie vor den Abzugsplan der Regierung von Ministerpräsident Scharon. Die Polizei nahm unterdessen drei jüdische Extremisten fest.


Jerusalem - Die Festnahme erfolgte vor dem Hintergrund weiterer befürchteter Anschläge jüdischer Extremisten vor dem Rückzug aus dem Gaza-Streifen. Die drei nationalistischen Aktivisten wurden in Vorbeugehaft genommen. Sie sollen nach Polizeiangaben enge Kontakte zu der verbotenen anti-arabischen Gruppierung Kach unterhalten, die in der jüdischen Siedlung Tapua im Westjordanland ihren Hauptstützpunkt hat. Unter den Festgenommenen befindet sich demnach auch eine US-Bürgerin, die in einem ultra-orthodoxen Stadtviertel Tel Avivs lebt. Nach Angaben des israelischen Militärradios sollten noch weitere jüdische Extremisten in Vorbeugehaft genommen werden.

Die Mehrheit der Israelis ist auch nach dem Rücktritt von Finanzminister Benjamin Netanjahu für den Rückzug der jüdischen Siedler aus dem Gaza-Streifen. In einer heute in der israelischen Tageszeitung "Jediot Ahronot" veröffentlichten Umfrage gaben 55 Prozent der befragten Israelis an, sie unterstützten den Abzugsplan von Regierungschef Ariel Scharon. Dagegen lehnten 39 Prozent der Befragten den Rückzug ab; die übrigen sechs Prozent waren unentschlossen oder hatten keine Meinung dazu.

Eine relative Mehrheit von 47 Prozent gab in der Umfrage an, Netanjahu habe aus politischem Interesse gehandelt und wolle Scharon den Vorsitz der Likud-Partei streitig machen. Nur 29 Prozent der Befragten waren der Meinung, der frühere Regierungschef sei aus Überzeugung zurückgetreten, weil er den Gaza-Abzug ablehnt. Netanjahu war stets gegen den Rückzug aus dem Gaza-Streifen gewesen und war gestern überraschend zurückgetreten. Zu seinem Nachfolger wurde Scharons Stellvertreter Ehud Olmert ernannt. Er gilt als einer der engsten Verbündeten Scharons und hat diesen stets in den Plänen zum Gaza-Abzug unterstützt.

Der palästinensische Verhandlungsführer Sajeb Erakat sagte am Sonntagabend im US-Fernsehsender CNN, er hoffe, dass die israelische Regierung nach Netanjahus Rücktritt "Kurs halten" werde. Die Palästinenserführung sei entschlossen, "alles Nötige zu tun, um die Chance nicht zu verpassen", die durch den israelischen Abzug entstehe. "Es ist an der Zeit, bei den Palästinensern und den Israelis die Hoffnung darauf zu wecken, dass Frieden möglich ist." Israel will die 21 Siedlungen im Gaza-Streifen ab 17. August vollständig räumen und auch vier kleinere Siedlungen im Westjordanland auflösen.

Der Rückzug aus dem Gaza-Streifen soll am 17. August beginnen. Nach Scharons Plan sollen alle 21 jüdischen Siedlungen im Gaza-Streifen mit insgesamt 8000 Bewohnern sowie vier isolierte Siedlungen im Norden des Westjordanlandes geräumt werden. Das israelische Militär soll sich vollständig aus dem Gaza-Streifen zurückziehen. Der Plan stößt bei zahlreichen Siedlern auf vehementen Widerstand.



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