Gaza-Streifen Palästinenser lassen französische Geiseln frei

Palästinensische Kidnapper haben eine Gruppe französischer Techniker und zwei Polizeioffiziere wieder freigelassen. In der Nacht zum Samstag verhängte die Autonomiebehörde den Ausnahmezustand über den Gaza-Streifen. Die palästinensische Regierung gerät unter Druck, über ihren Rücktritt wird bereits spekuliert.


Freigelassene Geiseln: Entführer gehören zu Arafats Fatah
REUTERS

Freigelassene Geiseln: Entführer gehören zu Arafats Fatah

Gaza - Im Gaza-Streifen gilt seit Samstagmorgen der Ausnahmezustand. Der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kurei hat sein Kabinett anlässlich der jüngsten Entführungsserie für Samstag zu einer Krisensitzung einberufen. Am Freitag waren im Gaza-Streifen neben vier Franzosen auch zwei Vertreter der Behörden entführt worden. Alle wurden inzwischen wieder freigelassen.

Bewaffnete Palästinenser hatten die Gruppe französischer Techniker einer Hilfsorganisation am späten Freitagabend in einem Lokal in der Stadt Chan Junis überrascht. Augenzeugen berichteten, die Geiselnehmer hätten die Franzosen zum Hauptsitz des Roten Halbmonds im Zentrum der Stadt gebracht und die dortigen Mitarbeiter aufgefordert, ihre Büros zu verlassen. Mehrere Dutzend Sicherheitskräfte hätten das Gebäude daraufhin umstellt. Die Zeugen berichteten weiter, die Entführer hätten die Lichter gelöscht und in kurzen Abständen aus dem Gebäude geschossen, um die Polizei auf Distanz zu halten.

Die Entführer, die zu einer Splittergruppe von Arafats Fatah-Organisation gehören, machten zunächst keine Forderungen bekannt. Beobachter vermuten, die Entführungsserie sei Teil des Kampfes rivalisierender Palästinensergruppen um die Vorherrschaft im Gaza-Streifen. Israels Premier Ariel Scharon plant, die israelische Armee Ende nächsten Jahres aus dem Autonomiegebiet abzuziehen.

Zuvor waren kurz hintereinander zwei ranghohe palästinensische Sicherheitsbeamte im Gazastreifen gekidnappt worden. Bewaffnete Palästinenser brachten am Freitag zunächst den Polizeichef für das Westjordanland und den Gaza-Streifen in ihre Gewalt und ließen ihn wenige Stunden später wieder frei. Am Abend wurde dann der Leiter der militärischen Koordination im Süden des Gaza-Streifens aus seinem Auto heraus entführt.

Als Konsequenz aus der Entführungsserie reichten zwei ranghohe Sicherheitschefs des Autonomiegebiets ihren Rücktritt ein. Präsident Jassir Arafat soll die Demission aber zunächst abgelehnt haben. Ein hoher palästinensischer Funktionär sagte der Nachrichtenagentur AP, die palästinensische Regierung werde in den nächsten Stunden über die Rücktritte und die Sicherheitslage in Gaza beraten. Das Treffen könnte das letzte für die Regierung von Premier Ahmed Kurei sein, so der Funktionär weiter.

Gerüchte über einen Rücktritt der gesamten palästinensischen Regierung wurden zunächst nicht offiziell kommentiert. Der Verhandlungsminister Sajeb Erekat sagte am Samstag im Rundfunk: "Wenn wir unsere Verantwortung nicht schultern können, sollten wir den Weg für andere freimachen." Erekat sagte, die Situation im Gaza-Streifen habe sich in gefährlicher Weise verschlechtert; die Autonomiebehörde müsse Gesetzlosigkeit und Chaos in ihren Gebieten beenden.



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