Gaza-Streifen Radikale Hamas fürchtet den Ägypten-Effekt

Eine Protestwelle wie in Ägypten will die Hamas im Gaza-Streifen auf jeden Fall verhindern. Eine Solidaritätsdemo von Mubarak-Gegnern wurde schon gewaltsam aufgelöst. Aber im Internet formiert sich Widerstand gegen die Zustände im abgeschotteten Autonomiegebiet.
Zeltlager im Gaza-Streifen (Archivaufnahme): Die Hamas fürchtet den Widerstand

Zeltlager im Gaza-Streifen (Archivaufnahme): Die Hamas fürchtet den Widerstand

Foto: epa Wissam Nasser/ picture-alliance/ dpa

Die Sprache ist so krass, wie der Zorn groß ist: "Fick dich, Israel. Fick dich, Hamas. Fick dich, Fatah. Fick dich, Vereinte Nationen. Fick dich, Flüchtlingshilfswerk. Und fick dich, USA", heißt es in einem "Manifest für den Wandel",  mit dem Jugendliche aus dem Gaza-Streifen für Aufsehen sorgen. Sie wettern darin gegen alle Parteien des Nahost-Konflikts und fordern eine Chance auf eine bessere Zukunft.

"Wir wollen frei sein. Wir wollen ein normales Leben leben können. Wir wollen Frieden. Verlangen wir zu viel?", schreiben die Autoren. Über 19.000 Mitglieder des Internet-Netzwerks Facebook haben sich in den vergangenen Wochen schon als Fans des dort veröffentlichten Pamphlets eingetragen.

Im realen Leben droht der herrschenden Hamas zwar noch kein Widerstand wie in Kairo gegen das Regime von Husni Mubarak. Aber die Islamisten fürchten dies offenbar: Eine Solidaritätsdemonstration mit den Protesten in Ägypten lösten sie deshalb gewaltsam auf. Die Organisation Human Rights Watch teilte mit, die Hamas-Polizei habe dabei sechs Frauen willkürlich festgenommen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurden zudem zehn Männer festgenommen und zusammengeschlagen.

Die Palästinenser im Gaza-Streifen verfolgen die dramatische Entwicklung in Ägypten gebannt. Angesichts der Abschottung des Autonomiegebiets durch Mubarak kann ein Machtwechsel im Nachbarland für sie nur gut sein. Viele Palästinenser erhoffen sich, dass die Muslimbrüder nach dem Sturz des Regimes zum Machtfaktor in Kairo werden könnten. Eine islamisch geprägte ägyptische Regierung werde Israel nicht länger bei der Blockade des Gaza-Streifens unterstützen, versprechen sich viele.

Hinter dem flammenden Appell im Internet steht eine Gruppe namens "Gaza-Jugend bricht aus": "Eine Revolution wächst in uns, eine immense Unzufriedenheit und Frustration, die uns zerstören wird, es sei denn, wir finden einen Weg, diese Energie zu kanalisieren in etwas (...), das uns irgendeine Art von Hoffnung geben kann", heißt es in dem erstmals Anfang Dezember veröffentlichten Text. "Wir wollen schreien und die Mauer des Schweigens, der Ungerechtigkeit und der Gleichgültigkeit durchbrechen. Wir sind wie Läuse zwischen zwei Fingernägeln, wir leben einen Alptraum im Alptraum, kein Raum für Hoffnung, kein Platz für Freiheit."

Fünf Männer und drei Frauen haben den Online-Protest initiiert. Sie alle wollen anonym bleiben: Wegen ihrer massiven Kritik auch an der Hamas seien ihre Leben und die ihrer Familien in Gefahr, sagten die Stundenten in einem Interview mit dem britischen "Guardian" Anfang Januar. In einer ersten Version des Textes hatten die Autoren die Hamas noch vor Israel als Wurzel allen Übels benannt. Nach Protesten von Fans änderten sie die Reihenfolge.

Mehr als die Hälfte der Bewohner ist unter 18

Die Autoren kommunizieren über ihre Facebook-Seite und einen Blog mit ihren Unterstützern. Sie seien vom Erfolg ihres Hilfeschreis völlig überrascht gewesen, schreibt die Gaza-Jugend dort. Ihr Manifest sei eine Flaschenpost der Verzweiflung gewesen, niemals hätten sie mit so großem Feedback gerechnet.

Auslöser für ihren Protest sei die Schließung des Scharek-Jugendzentrums in Gaza am 30. November 2010 gewesen. Sicherheitskräfte der Hamas hätten eine Demonstration gegen die Schließung gewaltsam aufgelöst. 16 Freunde seien festgenommen worden. Danach hätte sich die Gruppe hingesetzt und ihren Brandbrief verfasst. Das Manifest ist bislang in 21 Sprachen übersetzt worden, von Chinesisch bis Finnisch. Die Gruppe hofft nun auf Unterstützung aus dem Ausland. Im arabischen Original kommt das F-Wort übrigens nicht vor. Die Übersetzung lautet eher: "Verderben über sie" oder "zur Hölle mit ihnen".

Mehr als die Hälfte der 1,5 Millionen in dem Küstengebiet eingeschlossen lebenden Palästinenser sind unter 18 Jahre alt. Von außen werden sie von der Blockadepolitik Israels und Ägyptens eingepfercht, von innen durch die herrschende Hamas mundtot gemacht. "Hier in Gaza haben wir Angst davor, eingesperrt, verhört, geschlagen, gefoltert, bombardiert und getötet zu werden", fassen die Autoren des Facebook-Aufrufs den Alltag ihrer Altersgenossen zusammen. Viele ihrer Anhänger seien selbst unzufriedene junge Einwohner des Gaza-Streifens.

Jung sein im Gaza-Streifen heißt in den meisten Fällen, keine Arbeit zu haben, kein Geld zu machen, das für eine Hochzeit nötig wäre. Die Jugendlichen haben keine Möglichkeit, ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten, erst recht keine Möglichkeit, an der eigenen Lage etwas zu ändern. Wer reisen möchte, braucht eine Genehmigung. Diese bekommen fast ausschließlich Personen unter 16 oder über 35 Jahren.

Auch dies erklärt, warum die junge Generation nun aufmuckt. Der Erfolg des Online-Protests dürfte die über den Gaza-Streifen herrschende radikal-islamische Hamas-Organisation alarmiert haben. Der Unmut gegenüber der Alleinherrscherin über den Gaza-Streifen ist in den vergangenen Monaten auch wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise dort enorm gestiegen.

Entgegen der Hoffnungen auf eine Öffnung der Grenze bleibt der Gaza-Streifen als Folge der Unruhen in Ägypten zunächst jedoch weiter isoliert. Der Übergang Rafah, der vor einigen Monaten im Rahmen einer leichten Lockerung der Blockade teilweise geöffnet worden war, wurde am Sonntag bis auf weiteres wieder geschlossen. Schmuggler berichten, dass der Warenstrom aus Ägypten, auch der Nachschub an billigem Kraftstoff, seit Tagen unterbrochen ist. Die Einwohner von Gaza haben begonnen, Sprit zu hamstern, an den Tankstellen stehen die Autofahrer Schlange.

Mit Material von dpa

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.