Hamas versus Israel Drei Tage Krieg

Eine 15-Millionen-Dollar-Bargeldlieferung, eine israelische Geheimoperation tief im Gazastreifen - und Hunderte Raketen der Hamas weit über das Grenzgebiet hinaus. Die Hintergründe zur neuen Nahost-Krise.

MOHAMMED SABER/EPA-EFE/REX

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Nachdem Benjamin Netanyahu am Wochenende in Paris im Kreis der wichtigsten Staats- und Regierungschefs an den Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren teilgenommen hatte, gab er eine Pressekonferenz. "Ich tue alles, was ich kann, um einen unnötigen Krieg zu verhindern", sagte der israelische Premierminister und spielte damit auf den jahrelangen Konflikt mit der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen an.

Seine Visite in Frankreich musste er kurze Zeit später abbrechen - und nach Israel zurückreisen: Der Gazakonflikt eskalierte erneut. Militante Palästinenser feuerten seit Montag rund 460 Raketen- und Mörsergranaten ab, wie die israelische Armee mitteilte, die darauf mit mehr als 160 Luftschlägen antwortete. Die israelische Luftwaffe zerstörte unter anderem vier Hochhäuser - so viele wie noch nie.

Im Video: Eskalation im Gazastreifen

Es gibt Tote und Verletzte auf beiden Seiten, auch die Schule fiel am Dienstag im Gazastreifen und im Süden Israels gleichermaßen aus. Die Kampfhandlungen waren so heftig wie seit vier Jahren nicht mehr. Israels Sicherheitskabinett ist deshalb am Dienstag für sechs Stunden zusammengetroffen, das Militär hat die Truppen am Gazastreifen verstärkt, und die Führung der Hamas soll in den Untergrund gegangen sein.

Israelische Geheimoperation in Gaza - offenbar in Frauenkleidern

Auslöser der Eskalation war der fehlgeschlagene Einsatz einer israelischen Spezialeinheit im Gazastreifen am Sonntagabend. Es handelte sich dabei um die erste - bekannt gewordene - israelische Bodenoperation in der Palästinenserenklave seit dem Gazakrieg 2014.

Mittlerweile sind durch lokale Medienberichte sowie offizielle Angaben der israelischen Armee und der Hamas Details der Geheimoperation aufgedeckt geworden. Demnach fuhren die Mitglieder einer israelischen Spezialeinheit - alle offenbar als Palästinenser und einige davon scheinbar als Frauen verkleidet - am Sonntagabend mit einem Auto drei Kilometer tief in den Gazastreifen hinein. Warum, darüber gibt es unterschiedliche Angaben:

  • Der Hamas zufolge galt der Einsatz Nur Baraka. Der 37-jährige Hamas-Kommandeur soll unter anderem verantwortlich gewesen sein für Tunnelbauten nach Israel. Israel hatte bereits 2009 ein Haus von ihm mit einer Rakete zerstört. Er sollte entführt oder getötet werden. Das israelische Undercover-Team sei jedoch von palästinensischen Kräften an einem Checkpoint nahe der Stadt Khan Yunis entdeckt worden. Die Folge: ein heftiger Schusswechsel und eine Verfolgungsjagd bis zur Grenze.
  • Die israelische Armee äußerte sich bislang nicht zu den Details des Einsatzes, betonte aber, solche Kommandoaktionen tief im Feindesland seien Routine. Es habe sich zudem nicht um eine gezielte Tötungs- oder Entführungsaktion gehandelt. Lediglich der Einsatz israelischer Kampfjets und Artillerie wurde bestätigt. Diese deckten den Rückzug der Eliteeinheit.

Fest steht: Auf beiden Seiten gab es bei dem Feuergefecht Verluste. Mindestens sieben militante Palästinenser, darunter Baraka, wurden getötet, ebenso wie der Kommandeur des israelischen Kommandos, ein Oberstleutnant, dessen voller Name nicht veröffentlicht wurde. Der 41-jährige M. stammte aus Nordisrael und war vermutlich Angehöriger der drusischen Minderheit. Diese ist überproportional in Kampf-und Spezialeinheiten vertreten.

Der im kleinen Kreis der Ex-Elitesoldaten bestens vernetzte Bildungsminister Naftali Bennett verglich M. am Montag auf dessen Beisetzung mit Yoni Netanyahu, dem älteren Bruder von Premier Benjamin Netanyahu. Dieser starb 1976 bei einer Befreiungsaktion israelischer Geiseln im ugandischen Entebbe und gilt bis heute vielen als Held.

15 Millionen Dollar Finanzhilfen aus Katar - bar und in Koffern

Der Zeitpunkt der Kommandoaktion wirft Fragen auf. Denn bis zum Wochenende sah es vordergründig noch nach einer Entspannung im Nahostkonflikt aus. Israels Regierung genehmigte in den vergangenen Tagen die Lieferung von Dieselöl für das einzige Stromkraftwerk im Gazastreifen und 15 Millionen Dollar Finanzhilfe - bar und in Koffern.

Bei dem Geld handelte es sich um die erste Tranche von insgesamt 90 Millionen Dollar Finanzhilfen aus Katar für Angestellte im öffentlichen Sektor. Das Golfemirat unterstützt die Hamas. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas hatte die Bezahlung seiner Angestellten im Gazastreifen vor Monaten gestoppt, um so Druck auf die Führung der mit seiner Fatah-Organisierung rivalisierenden Hamas auszuüben.

Das Geld wird dringend gebraucht: Im Gazastreifen lebt nach Angaben der Weltbank rund die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, rund zwei Drittel der jungen Palästinenser sind arbeitslos. Diese Lage ist mit ein Grund für die seit April anhaltenden gewaltsamen Proteste an der Grenze des Gazastreifens, bei denen nach Hamas-Angaben bislang 220 Menschen getötet wurden.

Zwar äußerte sich Israel nicht zu der 15-Millionen-Dollar-Lieferung. Es wird jedoch vermutet, dass sich die radikalislamische Gruppe im Gegenzug dazu verpflichtete, die Demonstrationen an der Grenze einzuschränken. Zudem dürfte der Deal den strategischen Zielen Israels dienen, das kein Interesse an einem Ende der Rivalität zwischen Fatah und Hamas hat.

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Gaza-Konflikt: Neue Eskalation im Nahen Osten

Wie es angesichts der nun erfolgten Eskalation weitergeht, ist offen. Weder Israel noch die Hamas dürften einen Krieg am Boden wollen. Am Dienstagnachmittag verkündeten die Hamas und weitere militante Gruppen im Gazastreifen schließlich eine einseitige Waffenruhe. Israel äußerte sich bislang aber nicht dazu.

Die Hamas wird auch künftig ihr Ziel - die Zerstörung Israels - nicht aufgeben und Netanyahu nicht von seinem Standpunkt abweichen, den er in Paris so formulierte: "Es existiert keine politische Lösung für den Gazastreifen, so wie es auch keine politische Lösung für den 'Islamischen Staat' gibt."

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