Künstliche Befruchtung im Gazastreifen "Ein Leben ohne Kinder ist sinnlos"

Im Gazastreifen sind künstliche Befruchtungen beliebt, denn Kinder sind Statussymbole. Wohltätigkeitsorganisationen nutzen das: Sie vergeben Gratisbefruchtungen - aus politischem Kalkül.

Daniela Sala

Der Hangar ist voll mit Menschen, die Spannung ist spürbar. Mehr als 6000 Paare aus allen Ecken des Gazastreifens sind gekommen, nur hundert werden ausgewählt. Auf der einen Seite rauchen und lachen die Männer, auf der anderen sitzen die Frauen, eingehüllt in lange Gewänder. Endlich tritt ein Mann auf die Bühne, es wird still. Er nimmt kleine Zettel aus einer Schüssel und liest vor:

"Die nächsten Begünstigten der kostenlosen In-vitro-Befruchtung sind..."

Solche Veranstaltungen sind nicht selten in Gaza. Parteinahe Organisationen vergeben häufig Gratis-Befruchtungen. So auch das "Palestinian Center for Human Perseverance" (Fata), das von der Ehefrau eines ehemaligen Fatah-Führers geleitet wird.

Dahinter steckt politisches Kalkül. "Der einzige Weg, die Zustimmung der Bevölkerung zu bekommen, ist, den Menschen das zu geben, was sie sich am meisten wünschen," sagt Salah al-Rintissi, Direktor eines Krankenhauses und Sprecher des Gesundheitsministeriums. Und die Menschen wünschen sich: Kinder.

Der Gazastreifen ist eine sehr kinderreiche Gegend. Laut "CIA World Factbook" sind 44 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre. Eine Frau bringt im Schnitt fast vier Kinder auf die Welt. Trotzdem sind künstliche Befruchtungen sehr gefragt. Denn: Kinderreichtum gilt als Statussymbol. Unfruchtbarkeit kann zu Isolation und sozialer Ächtung führen, Ehen können daran zerbrechen.

Die Situation im von der islamistischen Hamas beherrschten Gazastreifen verschlechtert sich laut Uno stetig. Die Wirtschaft ist am Boden, trinkbares Wasser und Strom sind knapp. Als Reaktion auf Angriffe militanter Palästinenser beschießt das israelische Militär Gaza immer wieder.

"Es mag gewagt wirken, unter den schlechten Bedingungen hier Kinder zu bekommen," sagt Omar, dessen Frau Warda zu denen gehört, die von "Fata" eine Befruchtung bezahlt bekommen. "Aber ein Leben ohne Kinder ist sinnlos."

Ende der 90er-Jahre öffnete die erste Klinik für In-vitro-Fertilisation in Gaza-Stadt, seitdem gibt es immer mehr Retortenkinder in Gaza. Aber: Die Prozedur ist teuer, zwischen 2000 und 3000 Dollar pro Versuch. Deswegen sind viele auf die Gratis-Befruchtungen der Organisationen wie Fata angewiesen. Die Erfolgschancen einer In-vitro-Fertilisation liegen bei unter 30 Prozent und sinken mit steigendem Alter der Frau.

Die Fotografin Daniela Sala war im Gazastreifen unterwegs und hat Paare getroffen, die sich für künstliche Befruchtungen entschieden haben.

Fotostrecke

10  Bilder
Gazastreifen: Künstliche Befruchtung im Krisengebiet
Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft, für das unsere Reporter von vier Kontinenten berichten. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.
Was ist das Projekt Globale Gesellschaft?
Unter dem Titel Globale Gesellschaft werden Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa berichten - über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen im Politikressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird über drei Jahre von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
Sind die journalistischen Inhalte unabhängig von der Stiftung?
Ja. Die redaktionellen Inhalte entstehen ohne Einfluss durch die Gates-Stiftung.
Haben auch andere Medien ähnliche Projekte?
Ja. Große europäische Medien wie "The Guardian" und "El País" haben mit "Global Development" beziehungsweise "Planeta Futuro" ähnliche Sektionen auf ihren Nachrichtenseiten mit Unterstützung der Gates-Stiftung aufgebaut.
Gab es bei SPIEGEL ONLINE bereits ähnliche Projekte?
SPIEGEL ONLINE hat in den vergangenen Jahren bereits zwei Projekte mit dem European Journalism Centre (EJC) und der Unterstützung der Bill & Melinda Gates Foundation umgesetzt: Die "Expedition Übermorgen" über globale Nachhaltigkeitsziele sowie das journalistische Flüchtlingsprojekt "The New Arrivals", in deren Rahmen mehrere preisgekrönte Multimedia-Reportagen zu den Themen Migration und Flucht entstanden sind.
Wo finde ich alle Veröffentlichungen zur Globalen Gesellschaft?
Die Stücke sind bei SPIEGEL ONLINE zu finden auf der Themenseite Globale Gesellschaft.


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.