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12. Juli 2014, 14:41 Uhr

Bombenziele im Gazastreifen

Israels Big-Brother-Maschinen

Von der Grenze zum Gazastreifen berichtet

Drohnen, Zeppeline, Wärmebildkameras: Israels Militär hat rund um den Gazastreifen ein quasi lückenloses Überwachungssystem errichtet. Warum treffen die Bomben trotzdem so oft Zivilisten?

An der Grenze zum Gazastreifen kann man die hohen Wachtürme mit den Kameras sehen. Rund um die Uhr behält eine Feldaufklärungseinheit der israelischen Armee das Gebiet im Auge - mit modernstem Gerät:

"Wir sind Gazas Big Brother", sagte der Chef der Einheit in einem Interview mit der israelischen Zeitung "Jerusalem Post".

Seine Soldaten liegen in Tarnfarben in den Feldern, stundenlang, und versuchen die Bewegungen der Hamas-Kämpfer zu erspähen. Das ist die unterste Überwachungsformation. Über ihnen schweben immer wieder Aufklärungsballons und gigantische Überwachungs-Zeppeline. Das ist die mittlere Überwachungsformation. Und noch weiter oben am Himmel, fern der Blicke, fliegen die Drohnen und liefern gestochen scharfe Luftaufnahmen. Das ist Israels dritte Überwachungsformation.

Auf der anderen Seite des Gazastreifens, vor der Küste, liegen die Schiffe der israelischen Marine. Auch sie haben ihr Radar, ihre Fernsichtgeräte und ihre Raketen auf Gaza gerichtet. Man kann davon ausgehen, dass Israel versucht, die Kommunikation im Gazastreifen mitzuschneiden.

Das kleine Fleckchen Land, weniger als halb so groß wie Hamburg, ist von den Augen und Ohren des israelischen Militärs umgeben.

Die Angriffe auf Orte im Gazastreifen laufen so ab: Das Militär wählt Ziele aus, die es bombardieren will, und legt sie der Rechtsabteilung vor. Auch die gehört zum Militär, genauer gesagt zum militärischen Generalstaatsanwalt. Jeder Antrag zum Losschlagen wird mit einer Begründung versehen.

Häufig sind diese Begründungen Luftaufnahmen, die zeigen sollen, dass ein Haus nicht nur bewohnt wird, sondern zum Beispiel den Eingang zu einem Schmuggeltunnel verbirgt. Als Belege dienen etwa Fotos, auf denen zu sehen sein soll, dass Leute aus dem Haus säckeweise Material abtransportieren - vermutlich Sand. Bilder vom regelmäßigen Eintreffen hochrangiger Hamas-Mitglieder in einem anderen Haus können bedeuten, dass dort nicht einfach eine Familie wohnt, sondern das Wohnzimmer auch als Kommandozentrale dient.

Ziviles und Militärisches oft untrennbar vermischt

Die israelische Armee steht im Gazastreifen vor einer schwierigen Herausforderung: Zivile und militärische Ziele sind oft ununterscheidbar. Schließlich weiß die Hamas genau: Würde sie ein klar als solches erkennbares Militärlager einrichten - es würde sofort weggebombt. Die radikalislamische Bewegung hat kein Luftabwehrsystem.

"Manchmal lagern im ersten Stock (eines Hauses - d. Red.) Waffen - und in den Etagen darüber leben die Menschen", sagt Major Arye Shalicar, Sprecher der israelischen Armee. Dazu kommt: Der Gazastreifen ist extrem dicht besiedelt. Es ist nahezu unmöglich, eine Bombe oder eine Rakete gegen Gaza abzufeuern, ohne dass Unschuldige zu Schaden kommen, etwa wenn ihr Haus durch die Erschütterung des Bombeneinschlags gleich mit kollabiert.

Wie entscheidet man da, was man bombardiert und was nicht?

Genaue Antworten könnten wohl nur Einschätzungen von vor Ort liefern. Doch trotz all der Überwachungsinstrumente - im Gazastreifen selbst sieht Israel vergleichsweise wenig. So war man überrascht davon, dass die Hamas nun ständig mit großen Raketen auf Israel feuert. "Die Hamas hat eine Art zweites Gaza aufgebaut, ein Tunnelgaza, das wir aus der Luft nicht sehen", sagt Militärsprecher Shalicar. "Jetzt wissen wir, wie viel hineingeschmuggelt wurde, was wir nicht aufhalten konnten."

Als Spione nutzt Israel verärgerte Palästinenser

Die Aufklärung am Boden wiederum ist Aufgabe des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet - weil der Gazastreifen kein unabhängiges Land ist; die Uno bezeichnet ihn als von Israel besetztes palästinensisches Gebiet. Diese Aufklärungsarbeit ist eine extrem heikle Mission. Israelis können sie nicht durchführen, sie dürfen nicht nach Gaza. Als Spione für Israel halten deshalb Palästinenser her, die so unzufrieden mit der Herrschaft der Hamas sind, dass sie selbst vor einer Zusammenarbeit mit dem vermeintlichen Erzfeind nicht zurückschrecken.

Allein der Vorwurf, für Israel zu arbeiten, kann einem sofortigen Todesurteil gleichkommen - ob er zutrifft oder nicht. Beim Gaza-Konflikt 2012 exekutierte die Hamas sechs Menschen, die sie für israelische Informanten hielt, und schleifte ihre Leichen durch die Straßen. Es dürften nicht allzu viele Palästinenser zu finden sein, die zu einer so gefährlichen Mission bereit sind.

Das israelische Militär veröffentlich auf YouTube immer wieder Aufnahmen seiner Luftschlägen gegen Gaza. Die Filme haben eine unheimlich anmutende Distanz: Schwarz-Weiß-Aufnahmen, Häuserkarrees von oben, ein weißes Zielkreuz, eine Exlosionswolke - fertig. Ein junger Mann aus Gaza sagt: "Wir haben manchmal das Gefühl, wir sind Teil eines Videospiels. Irgendwo in der Ferne wird ein Knopf gedrückt - und bei uns fliegt ein Haus in die Luft." Vor seinen systematischen Bombardements warnt das israelische Militär Zivilisten manchmal kurz vorher per Telefonanruf. In anderen Fällen werden halbe Familien ausgelöscht.

Die Bilder der Überwachungsformationen aus der Ferne scheinen den entscheidenden Ausschlag zu geben, welche Ziele die Israelis zerstören und welche nicht. "Wir sind sehr gut, was die Aufklärung aus der Luft angeht", sagt Major Arye Shalicar. Zur Bodenaufklärung sagt er lieber nichts. "Das ist Sache des Geheimdiensts."

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