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Waffenruhe: Horror in Gaza, Entspannung in Israel

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Konflikt mit Hamas Israel verlängert Feuerpause einseitig bis Sonntagabend

Die Hamas feuert wieder Raketen ab, doch Israel verlängert die Feuerpause bis Sonntagabend. Während der Waffenruhe am Samstag war die Asymmetrie des Konflikts sichtbar wie selten. Die Menschen in Israel strömten an die Strände, die Palästinenser bargen Leichen aus den Trümmern.

Israels Sicherheitskabinett hat einer Verlängerung der humanitären Waffenruhe für den Gazastreifen bis Sonntagabend zugestimmt. Damit sei einer Bitte der Vereinten Nationen entsprochen worden, sagte ein israelischer Regierungsvertreter. Die Hamas hatte kurz nach dem Verstreichen einer zwölfstündigen Waffenruhe am Samstagabend wieder Raketen auf Israel abgefeuert - auch mit dem Ziel Tel Aviv. Die radikalislamische Palästinenserorganisation lehnte die verlängerte Feuerpause ab und stellte Bedingungen: Sprecher Sami Abu Suhri sagte, seine Organisation werde keine humanitäre Waffenruhe akzeptieren, die nicht den Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen beinhalte, berichtete das israelische Online-Portal "Ynet".

Den Tag der Ruhe und das phantastische Wetter am Samstag hatten viele Israelis dort zur Entspannung am Meer genutzt. Ein hundertfaches Tok-tok-tok-tok war schon weit entfernt vom Strand zu hören, das sogar das Meeresrauschen und den Autolärm auf der Uferstraße übertönte. Hunderte Menschen spielten am Mittelmeerufer von Tel Aviv Matkot, eine Art Strandtennis mit Holzschlägern und so etwas wie der heimliche Nationalsport Israels - sie erzeugten das markante Geräusch.

Das Thermometer zeigte am Nachmittag 31 Grad, am Himmel war kaum eine Wolke zu sehen. Tausende Israelis pilgerten an die Strände zwischen Naharija und Aschkelon - sie schwammen, joggten, flirteten, tranken Bier. Zwar herrschte in Tel Aviv auch vor der Feuerpause weitgehend Normalität, "aber so viele Menschen wie heute waren den ganzen Sommer noch nicht hier", sagt Yossi, der Strandliegen vermietet.

So sieht das öffentliche Bild aus, das Israel dem Betrachter auf den ersten Blick an diesem Samstag bot. Eine Momentaufname. Wie es in den Menschen aussieht, kann eine ganz andere Sache sein.

Verwesungsgestank in Schedschaija

Gut 80 Kilometer weiter südlich, im Gazastreifen, bot sich zeitgleich ein Bild wie aus einer anderen Welt. Ruine reiht sich an Ruine, ganze Straßenzüge liegen in Trümmern. Wo bis vor wenigen Tagen noch mehrstöckige Häuser standen, klaffen tiefe Krater. Flüchtlinge wollten den Waffenstillstand nutzen, um wenigstens für ein paar Stunden zu ihren Wohnungen zurückzukehren - sie stehen buchstäblich vor dem Nichts. Mehr als 130 Leichen zogen Helfer im Laufe des Samstags aus den Trümmern im Gazastreifen. Weitere Tote werden noch unter den Schuttbergen vermutet.

Seit Beginn der israelischen Militäroffensive "Fels in der Brandung" am 8. Juli sind damit mehr als tausend Palästinenser ums Leben gekommen. Besonders verheerend sind die Zerstörungen in Schedschaija, einem Viertel im Osten von Gaza-Stadt. Helfer berichten, dass der Verwesungsgeruch in den Straßen kaum zu ertragen sei. In ihrer Not haben die Menschen begonnen, ihre getöteten Angehörigen auf Freiflächen zwischen den Ruinen zu begraben - dort wo noch Platz ist. In den Ortschaften Beit Hanoun und Chan Junis sieht die Situation kaum anders aus, dort hatte die israelische Armee noch kurz vor Beginn der Feuerpause Ziele angegriffen und Dutzende Menschen getötet.

Angesichts der verheerenden humanitären Lage im Gazastreifen mehrten sich die Stimmen für eine Verlängerung der Feuerpause. Dieses Zeitfenster müsse dann genutzt werden, um einen dauerhaften Waffenstillstand zu verhandeln, forderte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier beim Treffen mit sechs Amtskollegen in Paris. Als Zeichen des guten Willens erklärte sich Israels Regierung wenig später zunächst zu einer vierstündigen Verlängerung der Waffenruhe bereit.

Forderungen von Hamas und Israel liegen weit auseinander

Für die Menschen im Gazastreifen hätte eine anhaltende Feuerpause auch deshalb besondere Bedeutung, weil am Montag das Id al-Fitr beginnt - das Fest, mit dem die Muslime das Ende des Fastenmonats Ramadan begehen. Nach Angaben der in London erscheinenden Tageszeitung "al-Schark al-Ausat" soll die Hamas daher zu einer einwöchigen Waffenruhe bereit sein - allerdings verlangen die Extremisten im Gegenzug Garantien von Seiten Israels.

Die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist bislang aber auch noch nicht zu einer Beendigung der Militäroperation bereit. Seine Regierung verweist auf die zahlreichen Hamas-Tunnel, die vom Gazastreifen nach Israel führten und die unbedingt zerstört werden müssten. Auch während der aktuellen Feuerpause setzt die Armee ihren Einsatz gegen diese sogenannten Offensivtunnel fort.

Derzeit liegen die Forderungen von Hamas und Israel für eine Zustimmung zu einem dauerhaften Waffenstillstand noch weit auseinander. Die Hamas verlangt eine Aufhebung der ägyptisch-israelischen Blockade des Gazastreifens und eine Ausweitung der Fischereirechte. Israel pocht auf eine Demilitarisierung des palästinensischen Gebiets - die Hamas dürfe nicht länger in der Lage sein, große Teile Israels mit ihrem Raketenarsenal zu bedrohen.

Außenminister Steinmeier forderte bei dem Treffen in Paris, dass die Palästinensische Autonomiebehörde wieder die Regierungsgewalt in Gaza übernehmen müsse. Doch das durchzusetzen erscheint gegenwärtig unmöglich. Als sich die rivalisierenden Parteien Fatah und Hamas Anfang Juni nach jahrelangem Streit endlich auf eine gemeinsame Regierung geeinigt hatten, konnte Netanjahu seine Abscheu darüber gar nicht schnell genug zum Ausdruck bringen. Er kündigte die politische Zusammenarbeit mit der Palästinensischen Autonomiebehörde auf. Kaum zu glauben, dass er zwei Monate und einen Krieg später seine Meinung ändern wird.

Mit Material von AFP und Reuters
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