Geburtskirche Betlehem Palästinenser ins Exil nach Italien?

Im Nervenkrieg zwischen Israelis und Palästinensern um die seit Anfang April belagerte Geburtskirche in Betlehem zeichnet sich ein Ende ab: Einige der radikalen Palästinenser in dem Gotteshaus sollen angeblich ins Exil nach Italien gehen, andere könnten in den Gaza-Streifen geschickt werden.


Geburtskirche in Betlehem: Gibt es endliche eine Lösung?
REUTERS

Geburtskirche in Betlehem: Gibt es endliche eine Lösung?

Betlehem - Zwischen sechs und zehn der von Israel gesuchten Extremisten sollen nach palästinensischen Angaben nach Italien gebracht werden. Dort müssten sie vier Jahre bleiben. Weitere 40 sollen in den Gaza-Streifen geleitet werden. Die verbleibenden etwa 80 Palästinenser kämen frei.

Die Verhandlungen seien aber noch nicht beendet, sagte eine israelische Militärsprecherin in der Nacht zum Montag. Wahrscheinlich könnten die Besetzer die Geburtskirche erst im Laufe des Tages verlassen. Nach israelischen Militärangaben befinden sich noch immer 123 Personen in der Kirche. Neben bewaffneten Palästinensern sollen auch einige Mönche und Nonnen sowie ausländische Unterstützer der Palästinenser in dem Gotteshaus sein, das an der Stelle steht, wo Jesus geboren worden sein soll.

Zehn Palästinenser stünden als Gewalttäter ganz oben auf der Fahndungsliste, aber es seien auch noch andere bewaffnete Palästinenser in der Kirche, die von Israel als "Terroristen" bezeichnet werden, hieß es.

Arafat prüft offenbar Exil-Liste

Israel sieht die Besetzer der Kirche als Geiselnehmer an. Die Palästinenser hingegen behaupten, die zum Teil aus dem Ausland angereisten Unterstützer und die Mönche und Nonnen seien freiwillig in der Geburtskirche geblieben.

Palästinenser- Präsident Jassir Arafat prüft angeblich bereits eine Liste der für das Exil vorgesehenen Personen. Die Palästinenser hatten zur Lösung des Betlehem-Konflikts ein ähnliches Vorgehen wie kürzlich zur Beendigung des Hausarrests Arafats vorgeschlagen. Dabei waren sechs von Israel als Gewalttäter gesuchte Personen nach Jericho ins Gefängnis gebracht und dort einer britisch-amerikanischen Aufsicht unterstellt worden.

Seit Beginn der Belagerung sind sieben Personen in der Kirche von Soldaten erschossen worden, mehrere wurden verwundet.

Scharon: Beweise gegen Arafat?
AFP

Scharon: Beweise gegen Arafat?

Israels Ministerpräsident Ariel Scharon ist unterdessen zu Gesprächen in Washington eingetroffen. Scharon wird US-Präsident George W. Bush voraussichtlich am Dienstag treffen. Scharon will einen eigenen Friedensplan und einen hundert Seiten umfassenden Bericht präsentieren, der nach israelischen Angaben die direkte Verbindung von Arafat zu Anschlägen in Israel belegen soll.

Schon vor der Ankunft Scharons erklärte die amerikanische Regierung, sie werde Arafat weiterhin als Gesprächspartner akzeptieren. US-Außenminister Colin Powell und die nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice äußerten sich am Sonntag in mehreren TV-Interviews entsprechend.

USA wollen weiterhin mit Arafat reden

Der israelische Regierungschef könne Arafat als Terroristen bezeichnen und ihn das nennen, "was immer ihm beliebt", sagte der Außenminister. Aber die USA seien der Überzeugung, dass es im Interesse der Israelis, der Palästinenser und anderer Nationen liege, "wenn wir weiterhin mit allen palästinensischen Führungspersonen arbeiten und anerkennen, wen das palästinensische Volk als seine Führer betrachtet". Arafats Popularität sei durch die Ereignisse der vergangenen Wochen noch gestiegen. "Das ist die Situation, mit der wir es zu tun haben", fügte Powell hinzu.

Rice erklärte, Arafat sei nicht die Führungsperson, die das palästinensische Volk benötige. Aber er sei der Mann, den die Palästinenser sich ausgesucht hätten. "Nicht wir wählen den Führer des Volkes aus", sagte die Sicherheitsberaterin. Sie bekräftigte zugleich, dass Arafat denselben Standards genügen müsse wie jede politische Führungspersönlichkeit auch, die respektiert werden wolle. Er habe bisher nicht genug zur Bekämpfung des Terrorismus getan, und die Autonomiebehörde müsse jene Demokratie und Transparenz gewährleisten, die für den Aufbau eines Palästinenser-Staates nötig seien.

Gespräche über israelische Siedlungspolitik

Powell kündigte weiter an, dass während des Scharon-Besuches auch die Frage der israelischen Siedlungen in den Palästinenser-Gebieten angesprochen werde. Es sei klar, dass in diesem Punkt etwas geschehen müsse.

Am Sonntag hatten israelische Panzer in einem Militärlager südlich von Dschenin eine Mutter und ihre drei Kinder getötet. Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich beim Vorstoß israelischer Truppen in das palästinensische Flüchtlingslager Tulkarm. Panzer bezogen Positionen am Eingang des Lagers, und Panzersoldaten schossen mit Maschinengewehren auf einzelne Gebäude. Dabei wurde nach Berichten von Augenzeugen ein neunjähriger Junge erschossen.



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