Gedenkfeier in Ungarn Der doppelte Volksaufstand

Heute feiert Ungarn seine Freiheitshelden - doch die junge Demokratie ist dieser Tage so zerrissen wie nie zuvor. Die Wahllügen-Affäre verdirbt den Ungarn die Jubiläums-Feierlichkeiten zum Aufstand von 1956.

Von Fanny Facsar, Budapest


Budapest – 50 Jahre nach dem Volksaufstand müht sich die ungarische Regierung, ihren Staatsgästen aus ganz Europa mit allen Mitteln Harmonie vorzuspielen. Weil die Gedenk-Zeremonie auf dem roten Teppich vor dem Parlamentstor genau nach Protokoll und ungestört verlaufen soll, hat sie die wochenlangen Proteste gegen Premier Ferenc Gyurcsány heute Nacht teils gewaltsam aufgelöst - und den Platz vor dem Parlament mit einer drei Meter hohen Bildmauer zweigeteilt.

Ungarns Parlament in den Landesfarben: Kampf der politischen Kulturen - pünktlich zum Gedenken an den Volksaufstand
AFP

Ungarns Parlament in den Landesfarben: Kampf der politischen Kulturen - pünktlich zum Gedenken an den Volksaufstand

Hunderte Menschen hatten in einem Protest-Camp an dem historischen Standort wochenlang gegen Gyurcsány demonstriert. Anlass für den neuen Aufstand, der in diesen Tagen ganz Ungarn bewegt: Am 17. September wurde der Tonbandmitschnitt einer parteiinternen Rede von Gyurcsány öffentlich. Darin gibt der Premier unter anderem zu, die Menschen vor seiner Wiederwahl im April belogen zu haben. Die nationalkonservative Opposition fühlt sich seither um ihren Sieg betrogen, verlangt den Rücktritt des Premiers. Noch gestern verkündete ein Rentner in der Menge der Demonstranten am Parlament: "Wir werden so lange hier bleiben, bis Gyurcsány geht." Doch dann wurden er und die anderen Demonstranten heute Nacht vom Platz und aus den angrenzenden Straßen verwiesen. Polizisten räumten den Platz, setzten dabei auch Schlagstöcke und Wasserwerfer ein. Erst heute Früh wurde auch der Widerstand der letzten Demonstranten gebrochen. Sie wurden festgenommen. Die Begründung der Polizei für die Räumung: Die Demonstranten hätten die Sicherheitsinspektion des Platzes vor der heutigen Zeremonie behindern wollen.

Jetzt schirmen meterhohe Tafelbilder mit Fotos der ungarischen Freiheitshelden die Feier-Zone vor dem Parlament ab. Die Staatsgäste sollen ungestört bleiben - die Besucherliste ist schließlich voller Prominenz aus aller Welt: EU-Kommissionspräsident José Manuel Barrosso, Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer, zahlreiche europäische Staatschefs und Vertreter des europäischen Adels.

Sie sollen nichts davon mitbekommen, dass die Gedenkfeier seit 1990 in Ungarn alljährlich ein Drama zwischen den zwei politischen Lagern ist. Beide feiern getrennte Zeremonien, denn beide interpretieren das Vermächtnis von 1956 völlig unterschiedlich: Die regierenden Sozialisten sehen in der Wende von 1989 die Verwirklichung der Freiheit, die die Aufständischen von 1956 gefordert hatten. Die Nationalkonservativen in der Opposition sehen Ungarn dagegen immer noch von den Nachfolgern der Kommunisten regiert, die damals die Revolution niederschlugen. Auf der Strecke bleibt eine gemeinsame Würdigung der Aufständischen, die 1956 das Land von der sowjetischen Unterdrückung befreien wollten.

Viele Budapester feiern aus Angst lieber auf dem Land

Die unterschiedliche Interpretation schließt nicht nur eine ernsthafte Vergangenheitsbewältigung aus, sondern vermischt sich in diesem Herbst auch noch so stark wie nie zuvor mit aktueller Politik. Der Höhepunkt ist, dass die Opposition die Feieransprache des Premiers im Parlament boykottiert. Der Parteisprecher der rechtskonservativen Fidesz, Péter Szijjártó, geißelte Gyurcsánys Rede als "Provokation".

Ein Ende des Konflikts ist nicht abzusehen. Für den 25. November plant die Opposition einen "außerordentlichen Kongress", um Schritte zur "Wiederherstellung einer demokratischen Regierung" einzuleiten. Das beschloss die Fidesz beim Parteitag am Samstag.

Die Regierung hält selbstbewusst dagegen: Premier Gyurcsány versprach bei seinem Parteitag ebenfalls am Samstag, die Linke werde "die demokratische Kultur" im Lande schützen. Gyurcsány kündigte außerdem an, im Februar auch den Parteivorsitz zu übernehmen - das Signal: Er verschwendet keinen Gedanken an einen Rücktritt, obwohl die Fidesz ihn seit Wochen fordert.

Was bleibt, ist eine gedrückte Stimmung der Ungewisskeit in einem festlichen Rahmen. Viele Budapester haben Angst, die gespannte Atmosphäre könne sich in Gewalt entladen. Der Hotelverband vermeldet Leere in den Hotels der Metropole. Viele Bürger und Touristen meiden heute die Hauptstadt - und verbringen den Feiertag lieber auf dem Land.



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