Geert Wilders Missionar der düsteren Botschaften

Von , Amsterdam

2. Teil: Wilders kennt die islamische Welt und schwärmt von ihr


Jeder Niederländer hat eine Meinung über Wilders. Dabei ist nicht viel bekannt über seine Person. Erst unlängst erschien eine Biografie, die erste Indizien dafür zu liefern versucht, wo Wilders Wut auf den Islam herrührt. Geboren wurde er in Venlo, gleich an der deutschen Grenze. Das Kind war ein Nachzügler, seine Mutter verwöhnte ihn unendlich. Der Vater, Forschungschef beim Kopiergerätehersteller Océ, hatte sich im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis versteckt und weigerte sich noch 40 Jahre später, über die Maasbrücken ins benachbarte Deutschland zu fahren.

"Es war wie ein Gefühl des Wiedererkennens"

Diese Prinzipientreue scheint auf den jungen Geert Eindruck gemacht zu haben. Aus seinem Dienst beim Militär berichtet er: "Auch ich war froh, wenn ich bei gemeinsamen Übungen mit den Deutschen nicht das Zelt mit ihnen teilen musste." Nach der Schule wollte er auf Weltreise gehen. Doch sein Geld reichte nicht bis Australien, seinem bevorzugten Ziel, sondern nur bis Israel.

Wilders, der in seiner Familie jüdische Vorfahren vermutet, fühlte sich gleich nach der Ankunft sonderbar wohl: "Es war wie ein Gefühl des Wiedererkennens." Er schlug sich mit harter Arbeit in einer Brotfabrik durch und reiste viel durch die umliegenden arabischen Länder. Die Israelis wirkten auf ihn nicht so verbohrt wie die Araber. "Wenn aber die Ägypter über Israel redeten, sah man in ihren Augen den Hass."

Immer wieder zog es ihn in muslimische Länder. Noch bis Ende der neunziger Jahre flog er nach Iran, nach Syrien und Jordanien. Wilders gerät noch heute ins Schwärmen über diese "prächtigen Länder". Er fügt aber hinzu: "Es ist ein Jammer, dass da so ein Chaos ist." Wilders kennt die arabische Welt, die er jetzt so in Aufruhr bringt. Ihn als ignorant zu bezeichnen, greift zu kurz.

Koran, Burka und neue Moscheen verbieten

Genauso wenig ist er ein dumpfer Rassist und Ausländerfeind, wie es rechte Populisten aus Frankreich, Belgien oder Deutschland gewöhnlich sind. Er will den Koran verbieten, die Burka und neue Moscheen. Er steht aber auch dafür ein, dass "die Schwulen auf unseren Straßen nicht von muslimischen Jugendlichen verdroschen werden". Verheiratet ist er übrigens mit einer ungarischen Ex-Diplomatin, die heute für einen multinationalen US-Konzern arbeitet.

Die Wurzeln für seinen Frust über die politisch-gesellschaftliche Kaste sind wesentlich einfacher zu entdecken. Wilders hat den weichen Schoß des Wohlfahrtsstaates mitsamt Subventionswucher und Korruption als Mitarbeiter der staatlichen Sozialversicherungsanstalt kennengelernt. 1990 trat er in die rechtsliberale Partei VVD ein, die jenes verfilzte soziale Netz zu bekämpfen vorgab. Der charismatische Parteichef Frits Bolkestein wurde zu seinem Förderer und entdeckte das Talent Wilders fürs Redenschreiben.

Der Zögling teilte aber auch den scharfen Ton seines Lehrmeisters gegenüber muslimischen Migranten. Als Wilders dann 1996 für die VVD in den Gemeinderat von Utrecht einzog, wohnte er im Stadtteil Kanaleilanden. Wilders konnte beobachten, wie die gutbürgerliche Wohngegend herunterkam. Die muslimischen Einwohner wurden zunehmend radikaler in ihrem Glauben und bestätigten Geert Wilders in seiner Überzeugung, der Islam sei rückständig und "auch in 1000 Jahren noch nicht reformiert". Er habe sich beklagt, dass man nicht mehr gefahrlos vor die Tür treten könne, erinnern sich ihm nahe stehende Menschen. Manche vermuten, dass damals seine Wut auf den Islam erst richtig aufgeflammt ist.

Die Eskalation kommt im November 2004. Ein aus Marokko abstammender Muslim meuchelt den Filmemacher Theo van Gogh in Amsterdam. Mit dem Messer befestigt er einen blutverschmierten Brief, in dem er der Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali den Tod wünscht. In der Wohnung des Attentäters findet die Polizei ein weiteres Schreiben mit dem Namen Geert Wilders.

"Wenn ich auf der Toilette bin, stehen sie hinter der Tür"

Sechs Bodyguards folgen ihm seither auf Schritt und Tritt. "Wenn ich auf der Toilette bin, stehen sie hinter der Tür", erzählt Wilders einmal. Die Ironie seiner Lebenssituation sei, dass die Menschen, die ihn bedrohen, mehr oder weniger frei auf der Straße umherlaufen. "Die Menschen, die von ihnen bedroht werden, leben im Prinzip in einem Gefängnis."

Und Wilders tut alles, um seine vorzeitige Begnadigung zu verhindern. Im Februar 2006 stellt er auf die Webseite seiner eigenen Partei die umstrittenen, dänischen Mohammed-Karikaturen. Schon damals werden Männer vom Inlandsgeheimdienst bei ihm vorstellig und warnen ihn. Wilders reagiert auf seine Art und kündigt einen eigenen Koran-Film an – eine kühl kalkulierte Provokation.

Wilders legt damit eine propagandistische Falle aus, in die sowohl die Regierungspolitiker als auch radikale Muslime tappen. Premier Jan-Peter Balkenende versetzt Polizei, Geheimdienste und sogar seine EU-Kollegen in Rotation. Und Islamisten in Afghanistan und Pakistan zünden bereitwillig niederländische Flaggen an, um die Prophezeiungen Wilders auch Wirklichkeit werden zu lassen.

Eine Organisation reagiert richtig. Die Rundfunkanstalt der niederländischen Muslime. Sie bietet Wilders an, seinen Film in ihrem Fernsehprogramm auszustrahlen. Mit der Bedingung, dass sich Wilders anschließend einer Diskussion stellt. Doch der lehnt ab. So wie schon früher alle Gesprächseinladungen von muslimischen Verbänden. Seinem Feind zu direkt ins Auge schauen, das will Geert Wilders auch nicht.

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