Gefährliche Post aus dem Jemen Ermittler finden 24 verdächtige Luftfrachtpakete

Die beiden Bomben in Paketen aus dem Jemen waren möglicherweise Teil eines größeren Terrorplans. Ermittler in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa haben noch mehr Post mit potentiell explosivem Inhalt entdeckt. Die Funde zeigen eine Lücke bei den Sicherheitsstandards auf - im Luftfrachtverkehr.


Die Bedrohung war möglicherweise größer als gedacht. Nach dem Fund von zwei mit Sprengstoff präparierten Paketen in Luftfrachtmaschinen auf dem Weg in die USA haben die Behörden im Jemen 24 weitere verdächtige Pakete entdeckt und mehrere Menschen festgenommen. Die Pakete würden derzeit untersucht, verlautete am Samstag in Sanaa aus jemenitischen Ermittlerkreisen. Zudem seien Mitarbeiter von Luftfrachtgesellschaften und der Frachtabteilung des internationalen Flughafens Sanaa festgenommen worden, um sie zu den Vorkommnissen zu befragen.

In Dubai und Großbritannien waren zuvor zwei aus dem Jemen stammende Pakete entdeckt worden, in denen Sprengstoff in Druckerkartuschen versteckt war. Nach Angaben der US-Regierung waren die Pakete an jüdische Organisationen in den USA adressiert. In Dubai hatte ein jemenitischer Behördensprecher am Samstag mitgeteilt, dass sein Land eine Untersuchung der Vorfälle eingeleitet habe. Er sicherte zugleich zu, dass der Jemen im Kampf gegen Terrorismus weiter mit der internationalen Gemeinschaft zusammenarbeiten werde.

Ungeachtet dessen verschärften die USA ihre Sicherheitsvorkehrungen bei Flügen in die Vereinigten Staaten. Ebenso reagierte Ägypten. Sicherheitskräfte hätten dort am Samstag damit begonnen jedes Frachtgut, das per Flugzeug ins Ausland gehen soll oder aus dem Jemen kommt, von Hand zu inspizieren, sagte Essam Gamal, Sicherheitschef der staatlichen Fluglinie Egypt Air. Normalerweise würden die Pakete mit Röntgengeräten durchleuchtet und nur aufgemacht, wenn dabei etwas Verdächtiges gefunden wurde, sagte er. Die britische Innenministerin Theresa May erklärte am Samstag, vorerst werde keine unbegleitete Luftfracht aus dem Jemen mehr ins Land gelassen oder dürfe durch das Land transportiert werden.

In Deutschland werden die Kontrollen dagegen nicht verschärft. Bundesinnenminister Thomas de Maizière erklärte in Berlin: "Die Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland liegen auf einem hohen und lageangepassten Niveau." In Frankfurt bestätigte ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport, dass keine Anweisung ergangen sei, Luftfracht und Luftpost schärfer zu überwachen.

Fernzündung per Handy

Unterdessen hat die britische Innenministerin bestätigt, dass die gefundene Bombe voll funktionsfähig gewesen sei und das Flugzeug hätte abstürzen lassen können, wäre sie an Bord explodiert. Eine Äußerung, die kaum zu bezweifeln ist. Denn bei dem weißen Material, mit dem die Tonerkartuschen der zur Tarnung genutzten Laserdrucker gefüllt waren, handelt es ich um Nitropenta (PETN), einen Sprengstoff der plastifiziert auch als Semtex, als sogenannter Plastiksprengstoff, bekannt ist (siehe Kasten links).

Die Sprengkraft von Nitropenta ist so groß, dass schon 10 bis 20 Gramm davon ausreichen, um einen Baum zu zerfetzen. Tonerkartuschen enthalten ein Vielfaches dieser Menge. Bei einem vereitelten Anschlag auf Northwest-Airlines-Flug 253 nach Detroit im Dezember 2009 trug der Selbstmordattentäter dagegen nur 80 Gramm der Substanz bei sich.

Fotostrecke

14  Bilder
Terroralarm: Sprengstoff in Luftfrachtpaketen
Um die tödliche Fracht aus sicherer Entfernung zünden zu können, hatten die Bombenbauer mindestens eine der beiden Bomben mit einem teilweise zerlegten Handy als Empfänger für den Zündbefehl ausgestattet. Ein Mobiltelefon-Ingenieur erklärte CNN, dass es sich bei dem Bauteil, das auf Fotos einer der beiden Bomben zu sehen ist, offenbar um die Hauptplatine eines Handys handele. Darauf sei etwa ein großer leerer Bereich dort zu erkennen, wo ursprünglich das Display gesessen habe. Unter den beiden links auf der Platine sichtbaren Metallabschirmungen vermutete er den sogenannten Baseband-Prozessor und den Grafikchip des Handys. Auch eine Backup-Batterie, den Anschluss für das Tastenfeld und die Einheit für den Vibrationsalarm wollte er erkannt haben.

Sicherheitsmängel bei Luftfracht

Dass die Bombenpakete ausgerechnet in US-Frachtflugzeugen gefunden wurden, wirft einen düsteren Schatten auf die Sicherheitsvorkehrungen im internationalen Luftfrachtverkehr. Dessen Kernproblem: Es gibt keinen weltweit gültigen Sicherheitsstandard. Schon bei Luftfracht, die in den Frachtabteilen von Passagiermaschinen transportiert wird, gehen die Sicherheitsstandards weit auseinander. Zwar verlangen fast alle Länder, dass solche Fracht mindestens eine Sicherheitskontrolle durchläuft, doch besteht diese nur manchmal in einer Durchleuchtung per Röntgengerät. Oft werden die Container nur von Dogenhunden abgesucht oder es werden Sichtkontrollen durchgeführt. Nur selten kommen Geräte zum Einsatz, mit denen die Fracht auf Explosivstoffe abgesucht werden kann.

Zudem wird Fracht von Großkunden oft automatisch als sicher eingestuft und nicht weiter untersucht. Und selbst wenn solche Fracht untersucht wird und entsprechend getrennt von nicht kontrollierter Fracht gelagert wird, ist auch das keine Garantie für Sicherheit. Ein Team von US-Regierungsbeamten, das 2009 die Sicherheitsvorkehrungen auf Flughäfen weltweit untersuchte, konnte beispielsweise ungehindert eine Lagerhalle für derart als sicher gekennzeichnete Fracht betreten.

Frachtflugzeuge als fliegende Bomben?

Besser sieht es in Ländern aus, deren Flughäfen ohnehin gut abgesichert sind und in denen generell scharfe Sicherheitskontrollen durchgeführt werden. Die Nachrichtenagentur AP nennt als Beispiel den Londoner Flughafen Heathrow, wo Luftfracht generell für 24 Stunden zwischengelagert wird, was ausreichend Zeit für Sicherheitskontrollen gibt.

US-Behörden drängen längst darauf, dass jedes Paket, das per Passagierflugzeug aus der EU in die USA geschickt wird, durchleuchtet werden soll. Ein Ansinnen, das aufgrund der hohen Kosten und des logistischen Aufwands auf Widerstand stößt. Doch selbst wenn eine solche generelle Durchleuchtung Standard würde, wäre damit noch keine absolute Sicherheit im Luftfrachtverkehr gewährleistet, sagt Philip Baum, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Aviation Security International", gegenüber AP. Schließlich blieben dann immer noch die reinen Frachtmaschinen vergleichsweise leicht angreifbar. Und eine Bombe, die während des Landeanflugs im Frachtraum einer solchen Maschine detoniert, könnte immer noch erheblichen Schaden anrichten.

mak/AP/ AFP



insgesamt 528 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gockeline 31.10.2010
1. Fragen sie mal die Bürger,ob sie glauben was man ihnen verkündet?
Jeder denkt: hier ist doch der amerikanische Geheimdienst am Werk? Er will der Welt klar machen,dass Terrorgefahr droht, damit er in Pakistan einmaschieren kann? Wer glaubt denn schon, dass die Saudis es gemerkt haben und gewarnt haben? So blöd sind Terroristen dann auch nicht! Hier wurde schlampig eine Inszenierung veranstaltet.
Hermes75 31.10.2010
2.
Zitat von sysopNach dem Abfangen der an jüdische Organisationen adressierten Bombenpakete aus dem Jemen, fahren die USA ihre Terrorabwehr hoch. Ist die Gefahr damit abgewendet oder drohen den Vereinigten Staaten neue Anschläge?
Ich finde es irgendwie merkwürdig, dass die US-Geheimdienste solche "Erfolge" immer kurz vor wichtigen Ereignissen (wie jetzt der Parlamentswahl) haben. Liegt es daran, dass Al-Qaida sich in die Wahlen einmischen wollte oder dass das Heer der US-Heimatschützer mal wieder seine eigene Wichtigkeit unter Beweis stellen musste? Mal angenommen, die Anschläge wären gelungen, was wäre die Folge gewesen? Würde ich als jüdische Organisation in New York einfach ein Paket von einem unbekannten Absender im Jemen öffnen? Wie haben die Ermittler es geschafft alle Pakete abzufangen? (erstaunliche Leistung)
fintenklecks 31.10.2010
3.
Zitat von sysopNach dem Abfangen der an jüdische Organisationen adressierten Bombenpakete aus dem Jemen, fahren die USA ihre Terrorabwehr hoch. Ist die Gefahr damit abgewendet oder drohen den Vereinigten Staaten neue Anschläge?
Ich befürchte, es gibt Krieg gegen Jemen.
beobachter1960 31.10.2010
4. Wieso verhindert?
Wären die Bomben wirklich explodiert, außer ein paar aufgeregten Polizeiwagen wäre der Effekt der Gleiche. Es ist doch hocheffizient die gegnerische Gesellschaft durch eigene Abwehrmaßnahmen zu zerstören. So ist der Flugverkeht mehr und mehr eingeschränkt, die demokratischen Grundlagen der Gesellschaft zerbröseln usw. usf.. Nach meiner Auffassung ist es genau das was diese Leute wollen. Und sie erreichen Ihr Ziel. Aus lauter Angst demontieren wir uns selber.
iketchup 31.10.2010
5. Dieser so genannte Anschlag
fällt auffallend mit den Wahlen am 2 Nov. in den USA zusammen, schon merkwürdig, aber feiert nur weiter Teaparty.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.