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02. Februar 2005, 14:28 Uhr

Gefährlicher Handel

Nordkorea soll atomares Material an Libyen geliefert haben

Alarmierende Erkenntnisse könnten Präsident Bush dazu veranlassen, den Druck auf Nordkorea zu erhöhen: Das Kim-Regime hat laut amerikanischen Zeitungsberichten aus 8000 atomaren Brennstäben Uranhexafluorid gewonnen und nach Libyen geliefert. Die Amerikaner informierten jetzt Verbündete in Asien über den Vorgang.

Diktator Kim: "Nicht einfach rumsitzen"
AP

Diktator Kim: "Nicht einfach rumsitzen"

Hamburg - Zwei Mitglieder des amerikanischen Sicherheitsrates haben nach Angaben von "New York Times" und "Washington Post" Japan, Südkorea und China über den Deal informiert. Dem Bericht zufolge soll es sich bei dem nach Nordafrika exportierten Material um Uranhexafluorid handeln, das mit Hilfe von Zentrifugen in waffenfähiges Material umgewandelt werden könne.

Den Nordkoreanern auf die Spur gekommen waren amerikanische Wissenschaftler. Sie hatten im Auftrag des US-Energieministeriums DoE das libysche Material untersucht. Die libysche Regierung hatte den Stoff den Amerikanern übergeben, nachdem sich Regimechef Gaddafi von eigenen Kernwaffenplänen losgesagt hatte. Die "New York Times" berichtet, die Tests hätten ergeben, dass das Material mit "an Sicherheit grenzender" Wahrscheinlichkeit ursprünglich aus Nordkorea stamme.

Die US-Regierung dringt seit Jahren auf eine Lösung im Konflikt um das nordkoreanische Atomwaffenprogramm. Die neuen Erkenntnisse könnten US-Präsident George W. Bush dazu bewegen, den Druck zu erhöhen. Schließlich ging es bislang immer nur darum zu verhindern, dass Diktator Kim Jong Ill in Pjöngjang sein Waffenprogramm weiter vorantreibt. Der mutmaßliche Export des hochgefährlichen Materials könnte die Situation vollkommen ändern. Schon zuvor hatte Bush Nordkorea neben Iran und dem Irak unter Saddam Hussein als Teil einer "Achse des Bösen" gebrandmarkt.

Stimmen in der US-Regierung, die dafür plädierten, die Probleme mit Pjöngjang auf diplomatischem Wege zu lösen, dürften angesichts der neuen Lage verstummen. Ein kürzlich pensionierter Pentagon-Mitarbeiter sagte dazu: "Nach diesen neuen Erkenntnisse können wir nicht einfach rumsitzen und das Ergebnis von Verhandlungen abwarten."

Derzeit suchen die US-Geheimdienste laut "New York Times" mit Hochdruck nach Hinweisen darauf, ob Nordkorea auch an andere Länder Uran verkauft haben könnte. Kandidaten wären aus US-Sicht vor allem Iran und Syrien. Bislang gebe es jedoch keinerlei Belege für einen solchen Deal.

Libyen als Vorbild

Bereits vor neun Monaten gab es der Zeitung zufolge erste Hinweise von Inspektoren der internationalen Energiebehörde darauf, dass Nordkorea Libyen mit der Lieferung von fast zwei Tonnen Uranhexafluorid unterstützt haben soll. Libyen übergab das Material an die Vereinigten Staaten, als es sein Nuklearprogramm aufgegeben hat.

Ausgiebige Tests im Oak Ridge National Laboratory in Tennessee hätten in den vergangenen Monaten ergeben, dass das Material nicht aus Pakistan oder anderen verdächtigten Staaten stamme. Ein Geheimdienstmitarbeiter wird von der Zeitung zitiert: "Mit einer Sicherheit von 90 Prozent oder mehr kommt das Zeug aus Nordkorea."

Gestern sah es noch nach einer Entspannung aus: Südkorea machte seine Einschätzung öffentlich, dass der kommunistische Nachbar voraussichtlich zu den Sechs-Parteien-Gesprächen zur Beilegung des Streits um sein Atomprogramm zurückkehren wird. Der kommunistische Staat werde zunächst Bushs Rede zur Lage der Nation abwarten und dann wohl die Rückkehr an den Verhandlungstisch ankündigen, sagte der südkoreanische Außenminister Ban Ki Moon. Einen genauen Zeitplan nannte er nicht.

Bei den bisherigen Gesprächen Nordkoreas mit Südkorea, den USA, Russland, Japan und China war kein Durchbruch erzielt worden. Die US-Regierung wirft dem international weitgehend isolierten Nordkorea vor, nach Atomwaffen zu streben. US-Außenministerin Condoleezza Rice hatte Nordkorea kürzlich vorgeschlagen, dem Beispiel Libyens zu folgen und auf Massenvernichtungswaffen zu verzichten. Nordkorea wies diesen Vorschlag zurück.

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