Gefahr für den Irak Sunniten-Kämpfer laufen zu al-Qaida über

Neue Gefahr im Irak: Laut "New York Times" haben sich Hunderte bislang mit den USA verbündete Milizionäre al-Qaida angeschlossen. Die sunnitischen Kämpfer waren offenbar mit der schiitischen Regierung unzufrieden - der erste Schritt in einen neuen Bürgerkrieg?

AP

Von , Beirut


Es wäre der Alptraum der US-Militärs: Hunderte Kämpfer der mit den amerikanischen Truppen im Irak verbündeten "Erweckungs-Räte" sollen zu al-Qaida übergelaufen sein. Das meldete die "New York Times" unter Berufung auf namentlich nicht genannte Vertreter der irakischen Regierung.

Die "Erweckungs-Räte" waren Mitte 2006 entstanden, als die sunnitischen Stämme Iraks beschlossen, nicht länger gegen die Besatzer zu kämpfen, sondern ihre Männer in den Dienst der USA zu stellen. Die Absage der Sunniten an Gruppen wie al-Qaida führte damals zur entscheidenden Wende des Krieges: Mit Hilfe der Sunniten gelang den US-Truppen zwar nicht Frieden, aber sich konnten zumindest eine ruhigere Lage im Irak herstellen.

Sollten sich die ehemaligen Aufständischen, die von 2006 an mit US-Soldaten patrouilliert, gekämpft und gelebt hatten, nun wieder Terror- und Widerstandsgruppen angeschlossen haben, könnte dies in den USA unangenehme Erinnerungen an Afghanistan in den achtziger Jahren wecken. Auch dort hatten sich die USA mit den Taliban einer einheimischen Miliz bedient. Doch später wandten sich deren Kämpfer gegen die eigenen Ausbilder und Verbündeten.

Hunderte der "Söhne des Irak" genannten sunnitischen Kämpfer sollen in den vergangenen Monaten ihre Posten in den mit den USA alliierten irakischen Sicherheitskräften verlassen und in die Reihen der Aufständischen zurück gekehrt sein, berichtet die "New York Times" . Zusätzlich müsse davon ausgegangen werden, dass Tausende, die noch zum Dienst anträten und ihr Gehalt vom irakischen Staat bezögen, verdeckt für al-Qaida und andere Terrororganisationen arbeiteten. Die Abtrünnigen seien zuvor von den US-Truppen ausgebildet und teils auch bewaffnet worden. Sie könnten viel Wissen über das Vorgehen der US-Truppen und der von ihnen ausgebildeten irakischen Armee vermitteln, so die Zeitung unter Berufung auf Experten. Trotz der Truppenreduzierung Ende August sind heute noch 50.000 US-Soldaten im Irak stationiert.

"Viele der Söhne des Irak sind von der Regierung nicht gut behandelt worden"

Um die Sunniten auf ihre Seite zu ziehen, hatten die USA 2006 viel Geld investiert: Die meisten Aufständischen ließen sich damals von sicheren Gehältern in US-Dollar und dem Versprechen auf Jobs im Staatsdienst davon überzeugen, lieber an der Seite der US-Armee zu kämpfen. Die Hoffnung, mit der Abkehr vom Terror ein sicheres Einkommen zu haben, erfüllte sich für viele jedoch nicht.

Experten sehen darin den wichtigsten Grund für den Gesinnungswandel. "Viele der Söhne des Irak sind von der Regierung nicht gut behandelt worden", sagt Faleh Abdul-Jabar vom Institut für Irak-Studien in Beirut. Statt die Sunniten einzubinden, seien sie immer weiter an den Rand gedrängt worden. Je mehr Verantwortung die USA der schiitisch dominierten Regierung überlassen habe, desto schlechter sei es den Sunniten ergangen. "Die Regierungsjobs, die ihnen versprochen wurden, haben diese Männer nicht bekommen."

Viele der "Söhne des Irak" seien früher Mitglieder in Saddam Husseins Baath-Partei gewesen. Das würde ihnen nun zum Verhängnis, so Abdul-Jabar. Denn die schiitisch geprägte Regierung führt unter Nuri al-Maliki seit Monaten eine sogenannte Ent-Baathifizierungskampagne gegen ehemalige Saddam-Anhänger durch. So wurde Dutzenden sunnitischer Kandidaten wegen einer angeblicher Baath-Vergangenheit die Teilnahme an den im März abgehaltenen Wahlen in letzter Minute verweigert.

Al-Qaida übt Druck auf die Milizionäre aus

Al-Qaida nutzt die Frustration ihrer ehemaligen Mitglieder, indem sie zum Auffangbecken der Enttäuschten wird. Wo die Ernüchterung über die falschen Versprechen der USA nicht reicht, helfen die Aufständischen mit Geld und Gewalt nach, die "Söhne des Irak" zurück in die eigenen Reihen zu locken. Die Gruppen überböten dazu schlicht die 300 Dollar Monatslohn, die die Kämpfer im Staatsdienst verdienten, berichtete der britische "Guardian".

Die Aufständischen haben in den vergangenen Monaten zudem gezielt Jagd auf die irakischen Sicherheitskräfte gemacht. So riss hatte Mitte August ein Selbstmordattentäter vor einem Rekrutierungsbüro der irakischen Streitkräfte mindestens 60 Menschen mit in den Tod. Weitere 125 Menschen wurden verletzt. Angesichts der Gefahr, ins Fadenkreuz der Aufständischen zu geraten, zögen es viele Männer vor, sich den Extremisten anzuschließen, so die "New York Times". Schon im August hatte Mustafa Alani vom Gulf Research Center in Dubai von regelrechten Erpressungen berichtet: Ex-Kämpfer und Anti-Qaida-Milizionäre würden vor die Wahl gestellt, sich entweder al-Qaida anzuschließen und im Gegenzug ein Gehalt zu bekommen, oder getötet zu werden, so Alani.

Die Regierungstruppen reagierten mit Empörung auf den Bericht der "New York Times". Niemals würden seine Männer zu al-Qaida überlaufen, sagte Scheich Hussam al-Maschmaei, der für den "Erweckungs-Rat" in der Dijala-Provinz 13.000 unter sich hat, dem Sender CNN. Seine Kämpfer hätten Prinzipien und nur das Ziel, Mitglieder von al-Qaida im Irak zu fassen.

"Wenn die Sunniten nicht in die neue Regierung einbezogen werden, gibt es einen Bürgerkrieg", sagt Abdul-Jabar vom Zentrum für Irak-Studien. Die sunnitischen Stämme dürften nicht noch einmal enttäuscht werden. "Sie haben sich mit den USA verbündet und haben nichts davon gehabt. Wenn sie nun sehen, dass sie nicht am politischen Prozess beteiligt werden, werden sie ihn bombardieren, wo sie können." Die Abwanderung sunnitischer Kämpfer zurück ins Lager der Aufständischen sei ein Indiz dafür, wie ernst die Lage im Irak sei. "Die Situation ist sehr gefährlich, das Land kann jetzt jederzeit wieder in den Abgrund stürzen", sagt Abdul-Jabar.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
grafheini2 19.10.2010
1. Pragmatisch sein..
Zitat von sysopNeue Gefahr im Irak: Laut "New York Times" haben sich Hunderte bislang mit den USA verbündete Milizionäre al-Qaida angeschlossen. Die sunnitischen Kämpfer waren offenbar mit der schiitischen Regierung unzufrieden - der erste Schritt in einen neuen Bürgerkrieg? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,723798,00.html
Warum ist man nicht pragmatisch, zieht Lehren aus dem Yugoslavien Krieg und teilt das "Kunstgebilde" Irak in drei Ethnische Staaten für Kurden, Schiiten und Suniten?
Koda 19.10.2010
2. Wobei das "Kunstgebilde" Irak
Zitat von grafheini2Warum ist man nicht pragmatisch, zieht Lehren aus dem Yugoslavien Krieg und teilt das "Kunstgebilde" Irak in drei Ethnische Staaten für Kurden, Schiiten und Suniten?
in den letzten 2000 Jahren kaum geteilt war. Meist war zumindest nach aussen hin ein geschlossenes Staatsgebiet.
beobachter1960 19.10.2010
3. Tja,
Zitat von grafheini2Warum ist man nicht pragmatisch, zieht Lehren aus dem Yugoslavien Krieg und teilt das "Kunstgebilde" Irak in drei Ethnische Staaten für Kurden, Schiiten und Suniten?
wie in allen ehemals kolonialisierten Gebieten (bitte die osmanische Zeit hier mitrechnen) wurden die Grenzen nach den Interessen der Eroberer gezogen. Und daraus wurden ja auch Fragen von Macht und Einkommen der jetzt dort Lebenden. Weiter: Wäre die Türkei mit einem richtigen Staat Kurdistan einverstanden? Wenn die Ölvorkommen, soweit ich weiß, zur Hauptsache in von Schiiten Gebieten vorkommen, von was soll der Rest leben? Und kriegen die Juden, Christen und sonstige Splittergruppen auch was ab?
knochenspaeher 19.10.2010
4. Titel:
Zitat von grafheini2Warum ist man nicht pragmatisch, zieht Lehren aus dem Yugoslavien Krieg und teilt das "Kunstgebilde" Irak in drei Ethnische Staaten für Kurden, Schiiten und Suniten?
Das ist einfach, googeln Sie nach der "Iran-Contra"- Affäre. Kurz gesagt: genau so wie es jetzt ist sollte es sein, das war der Plan.
PeaceNow 19.10.2010
5. ...
Zitat von grafheini2Warum ist man nicht pragmatisch, zieht Lehren aus dem Yugoslavien Krieg und teilt das "Kunstgebilde" Irak in drei Ethnische Staaten für Kurden, Schiiten und Suniten?
Das wäre ganz im Interesse der USA und ISR, nach dem Motto teile und herrsche, ohne Rücksicht auf das irakische Volk.
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