Gefangen in Afghanistan "Du stirbst hier"

16 Monate wurde Laid Saidi in einem Kerker in Afghanistan festgehalten. Erstmals erzählt die "New York Times" die Geschichte seiner Verschleppung durch mutmaßliche US-Agenten. Der Algerier ist auch für hiesige Ermittler interessant - er war Zellennachbar des entführten Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri.


Hamburg - Unter Tränen habe er ihn zurückgelassen, hat Khaled el-Masri einmal über einen seiner Mitgefangenen im afghanischen Kerker gesagt. Und dass er ihn oft getröstet hat, den"Mann aus Tansania", der unter der Haft besonders gelitten hatte und vor Angst und Verzweiflung seinen Kopf gegen die Wand schlug. Sie tauschten Telefonnummern aus, für die Zeit danach.

Heute ist auch Laid Saidi wieder ein freier Mann. Wenige Monate, nachdem der Albtraum des Deutsch-Libanesen Masri in Afghanistan zu Ende gegangen war, durfte auch er seinen Kerker verlassen, 16 Monate, nachdem ihn mutmaßliche US-Agenten verschleppt hatten.

Während in Deutschland ein Untersuchungsausschuss versucht, die Details der Entführung Khaled el-Masris zu klären, über mögliche Mitwisser und Informationspannen diskutiert, erzählt die "New York Times" nun erstmals die Geschichte von Laid Saidi, der nur wenige Meter von Masri entfernt sein eigenes Martyrium erlebte. Es ist eine Geschichte, die genauso unvorstellbar ist wie die seines deutschen Mitgefangenen, genauso schwer zu belegen, genauso schwer zu widerlegen.

Saidi ist algerischer Staatsbürger, doch seine Heimat hatte er nach eigenen Angaben schon 1991 verlassen, um dem Bürgerkrieg zu entkommen. So beginnt seine Irrfahrt in den Fängen mutmaßlicher US-amerikanischer Terrorjäger in Tansania. Von dort, so schreibt es die "NYT", wurde er im Mai 2003 ausgewiesen. Im Küstenort Tanga hatte er einen Zweig der islamischen Stiftung al-Haramain geleitet, eine international tätige saudi-arabische "Wohltätigkeitsorganisation", die für einen fundamentalistischen wahhabitischen Islam warb. Sie wurde aufgelöst, nachdem ihr vorgeworfen wurde, terroristische Organisationen zu unterstützen. So soll al-Haramain nach Ansicht der US-Fahnder die Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania unterstützt haben. Ob es jedoch Hinweise auf eine Verwicklung Saidis gab, ist unbekannt.

Die "NYT" zitiert aus einem deutschen Geheimdienstbericht vom Juli 2004, der sich mit der Ausweisung Saidis beschäftigte. "Es ist noch nicht klar, ob es konkrete Bewertungen gab, dass diese Person Verbindungen zum Terrorismus hatte", soll es in dem Dokument heißen. Die tansanische Regierung habe die Ausweisung "mit dem nicht sehr glaubhaften Argument" gerechtfertigt, dass Saidi gegen gesetzliche Auflagen für Ausländer verstoßen habe.

Deutsche Ermittler wollen Saidi als Zeugen

Saidi, 43, gibt an, nach seiner Ausweisung an US-Agenten übergeben und nach Afghanistan geflogen worden zu sein. Dort sei er 16 Monate lang festgehalten, verhört und gefoltert worden, bevor man ihn in Algerien wieder in die Freiheit entließ. Nie habe man ihm einen Grund für die Verhaftung mitgeteilt. Ja, er habe zum Zeitpunkt seiner Festnahme einen gefälschten Pass gehabt, gibt er zu, angeblich, weil er den Gang zur algerischen Botschaft fürchtete. Mit Terror will er nichts zu tun haben.

Amerikanische, tansanische und algerische Behörden wollen den Fall nicht kommentieren. Khaled el-Masri jedoch bekräftigt auch heute, Saidi in seinem afghanischen Gefängnis gesehen zu haben. Die im Fall Masri ermittelnde Münchener Staatsanwaltschaft bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass Saidi für sie ein interessanter Zeuge sein könnte. Zunächst wolle man aber klären, was Saidi möglicherweise gehört und gesehen habe, sagte Oberstaatsanwalt August Stern heute. Kontakt zu Saidis Anwalt habe es bereits gegeben.

Am 10. Mai 2003 umstellten tansanische Polizisten Saidis Auto, als er gerade zur Arbeit wollte, so beschreiben es Saidi und seine Frau. In dieser Nacht brachte ihn die Polizei in ein Gefängnis in der Hauptstadt Daressalam. "Ich glaubte, ich sei wegen des falschen Ausweises festgenommen worden, auch wenn ich ihnen nicht gesagt habe, dass er gefälscht ist", sagte Saidi. Drei Tage später habe man ihn zur malawischen Grenze gefahren, eine Woche habe er dann in einem Gefängnis in den malawischen Bergen ausharren müssen.

Bis eine Gruppe Maskierter ihn gefesselt, geknebelt und mit verbundenen Augen zu einem Flugzeug gebracht habe. "Es war ein langer Flug" erinnert sich Saidi. An seinem Zielort habe man ihn in ein "dunkles Gefängnis" gesteckt, in dem westliche Musik in ohrenbetäubender Lautstärke gespielt wurde. Männer in schwarz hätten ihn angebrüllt: "Du bist an einem Ort, wo dich niemand findet. Niemand weiß, wo du bist, und niemand wird dich verteidigen."

"Nicht einmal für Tiere zumutbar"

In einem anderen Gefängnis wollten englisch sprechende Beamte von ihm etwas über ein Telefonat wissen, das er mit seinem Schwager in Kenia geführt habe und in dem es um Flugzeuge gegangen sei. Saidi behauptet, man habe über Autoreifen gesprochen, die sein Schwager verkaufen wollte. Seine Vermutung: Weil er in einer Mischung aus Arabisch und Englisch statt von "tires" von "tirat" gesprochen habe, hätten lauschende Agenten "tayarat" verstanden, arabisch für Flugzeuge. Nachdem ein Dolmetscher den Amerikanern dies erklärt habe, habe ihn nie wieder jemand danach gefragt. Andere Vorwürfe, er verstecke Raketen in seinem Haus und unterstütze al-Qaida, stritt Saidi vehement ab, Beweise gab es nie.

Doch statt ihn laufen zu lassen, hätten ihn die mutmaßlichen US-Amerikaner gefoltert: Seiner Darstellung zufolge ketteten ihn an den Boden, schlugen ihn, schütteten kaltes Wasser über ihn und bespuckten ihn. "Du stirbst hier", habe ihm ein Amerikaner gesagt.

Schließlich folgte die Verlegung in ein drittes Gefängnis, laut der afghanischen Wachen in der Nähe von Kabul. Schmutzig sei es dort gewesen, "nicht einmal für Tiere zumutbar", sagt Saidi. Durch kleine Öffnungen in den Türen habe man andere Gefangene erkennen können. Dort will Saidi auch Masri getroffen haben. Eine Zeichnung des Gefängnisses ist einer Skizze Masris sehr ähnlich, schreibt die "NYT". Masri erklärt, er habe nur einige Male einen Blick von Saidi erhaschen können, doch seien ihre Zellen nah genug aneinander gewesen, um sich in der Nacht zu unterhalten. "Immer wenn ich auf die Toilette musste oder zum Verhör gebracht wurde, kam ich an seiner Tür vorbei", sagte Masri der "NYT".

Im Frühsommer 2004 hörten die Verhöre Saidis plötzlich auf. Der Algerier wurde eigenen Angaben zufolge nach Tunesien geflogen. Offenbar war niemandem aufgefallen, dass der Pass Saidis gefälscht war, daher hielt man ihn für einen Tunesier. Als er die Fälschung eingestand, landete er zunächst für weitere 75 Tage im Gefängnis, bis man ihn an einer Bushaltestelle in der Nähe von Bir Khadem in Algerien absetzte.

Da hatte Masri bereist versucht, Saidi telefonisch zu erreichen, doch die Nummer war tot. Nach seiner Freilassung schickte ihm Saidi jedoch eine SMS mit einer neuen Nummer. Masri rief Saidi an: "Ich hab ihn sofort an seiner Stimme erkannt."

phw



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