Gefangenen-Krise Briten fürchteten Hilfe der USA

Suchten die USA in der Krise um die gefangenen britischen Soldaten die Eskalation? Der britische "Guardian" berichtet, das Pentagon habe London zu Beginn des Dramas militärische Hilfe angeboten. Die Briten lehnten ab. Ihre Bitte an die Amerikaner: Am besten, Ihr haltet Euch heraus.


London - Die britische Zeitung "Guardian" berichtete heute, die USA hätten London militärische Unterstützung für die Befreiung der 15 Marinesoldaten angeboten. In den ersten Tagen nach der Gefangennahme, als Teheran zunächst keinerlei Verhandlungsbereitschaft erkennen ließ, hätten die Vertreter des US-Verteidigungsministeriums ihren Verbündeten demnach eine ganze Reihe militärischer Optionen offeriert, schreibt das Blatt unter Berufung auf Diplomatenkreise.

Ein US-Kampfjet im Landeanflug auf den Flugzeugträger "USS John C. Stennis", der sich zum Manöver im Persischen Golf aufhält: Die US-Armee bot Einschüchterungsflüge über Iran an
AP

Ein US-Kampfjet im Landeanflug auf den Flugzeugträger "USS John C. Stennis", der sich zum Manöver im Persischen Golf aufhält: Die US-Armee bot Einschüchterungsflüge über Iran an

Die Liste der Optionen sei vor dem Hintergrund eines möglicherweise zunehmenden Risikos eines Krieges zwischen den USA und Iran streng geheim. Eine der Möglichkeiten habe aber darin bestanden, dass US-Kampfjets in den iranischen Luftraum eindringen und zur Einschüchterung über Stellungen und Stützpunkte der Revolutionsgarden fliegen sollten, um den Ernst der Lage zu unterstreichen.

Die Briten lehnten die US-Hilfe laut "Guardian" ab und versuchten Washington stattdessen für eine defensive Haltung zu gewinnen. So hätten die britischen Offiziellen ihren amerikanischen Kollegen erklärt, den besten Beitrag, um die Situation zu entschärfen, könnten sie leisten, wenn sie sich aus der Sache heraus hielten. Zusätzlich habe London die USA gebeten, das zu diesem Zeitpunkt bereits laufende Manöver im Persischen Golf zu drosseln. Erst drei Tage vor der Festnahme der britischen Marineangehörigen war ein weiterer US-Flugzeugträgerverband in der Region eingetroffen. Laut "Guardian" hätten die US-Streitkräfte der Bitte der Briten entsprochen und die militärischen Aktivitäten zurückgefahren.

Und noch einen Wunsch hatte Großbritannien: Downing Street habe das Weiße Haus ersucht, sich während der Krise auch rhetorisch zu mäßigen, was die Bush-Administration dann auch weitestgehend tat. Zwar sicherte man dem Verbündeten von Washington aus Unterstützung zu. Der Ton wurde allerdings nur einmal schärfer, als Bush die britischen Soldaten als "Geiseln" Irans bezeichnete.

Iran hatte die 15 britischen Soldaten schließlich nach knapp zwei Wochen Gefangenschaft am Donnerstag freigelassen. Die Regierung in Teheran warf ihnen vor, in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen zu sein. Nach britischer Darstellung befanden sie sich dagegen in irakischen Gewässern.

Iranischer Botschafter fordert Geste des guten Willens

Irans Botschafter in London forderte die britische Regierung inzwischen zu einer Geste des guten Willens auf. "Wir haben unseren Teil getan und guten Willen gezeigt", sagte Rasul Movahedian der britischen Zeitung "Financial Times". Jetzt sei es an der britischen Regierung, "in positiver Weise" fortzufahren.

Movahedian deutete an, dass sich Teheran die Unterstützung Großbritanniens bei Bemühungen um die Freilassung von fünf im Irak inhaftierten Iranern wünscht. Die Männer waren im Januar von US- Soldaten in der Stadt Erbil wegen des Vorwurfs der Unterstützung von Aufständischen festgenommen worden.

Teheran habe die Freilassung der britischen Soldaten nicht die im Irak festgehaltenen Iraner oder irgendeinen anderen Fall geknüpft, betonte der Botschafter und fügte hinzu: "Wenn (die Briten) hilfreich sein und ihren Einfluss geltend machen wollen, werden wir das begrüßen." Sein Land würde "generell jeden Schritt begrüßen, der zur Entschärfung von Spannungen in der Region führen könnte".

Zuletzt war darüber spekuliert worden, dass der Fall der fünf im Irak festgehaltenen Iraner bei der Lösung der Gefangenen-Krise eine Rolle gespielt haben könnte. So prüft die US-Regierung derzeit eine Anfrage aus Teheran nach diplomatischem Zugang zu den Landsleuten.

Einen Tag vor der Freilassung der Briten war zudem ein iranischer Diplomat nach zwei Monaten Gefangenschaft im Irak freigekommen. Der Mann soll US-Soldaten vorgeworfen haben, ihn während seiner Gefangenschaft gefoltert zu haben. Die iranische Nachrichtenagentur Fars berichtet heute, Dschalal Scharafi habe in einem Interview über seine Entführung und die Folter durch die Amerikaner berichtet. An den Misshandlungen beteiligt gewesen seien auch Agenten des irakischen Geheimdienstes, der unter der Aufsicht der CIA arbeite. Die USA haben iranische Vorwürfe stets zurückgewiesen, an der Entführung beteiligt gewesen zu sein.

Zwei Wochen Sonderurlaub nach Gefangennahme

Die freigelassenen Soldaten starteten indes einen zweiwöchigen Sonderurlaub mit ihren Familien. Gestern hatten sechs von ihnen erstmals öffentlich vor Journalisten über ihre Gefangenschaft gesprochen. Sie berichteten über eine ständige psychische Belastung. Faye Turney, die einzige Frau, sei besonders unter Druck gesetzt worden. Die Iraner hätten die 26-jährige Mutter mindestens vier Tage lang in dem Glauben gelassen, alle ihre Kameraden seien bereits frei und wieder daheim.

Den anderen hätten die Iraner mit sieben Jahren Haft gedroht, falls sie nicht zugeben sollten, in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen zu sein. Nachdem die Soldaten dieses "Geständnis" gestern öffentlich widerrufen hatten, erklärte Teheran das britische Verteidigungsministerium habe ihnen diese Aussagen "diktiert" und sprach von "Propaganda".

phw/AP/Reuters/dpa



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